Scharfe Sachen für Obstbäume
Reutlingen. Seit 1854 schmieden die Schwilles heißes Eisen, seit 1885 sind sie in der Handwerksrolle eingetragen - und seit Jahrzehnten schon sind sie Weltmarktführer. Alles für den Obstbaum- und Lederschnitt kommt von "Tina".
Wer ist dieser Mann mit dem großen, weißen Schnurrbart, der über die Felder im Elsass zieht und nach Nussbäumen Ausschau hält? Sieghard Schwille heißt er, kommt aus Reutlingen und sucht nach dem besten Holz. Zu Hause in Reutlingen lagert er es acht lange Jahre - und macht daraus die Griffe für seine Baum- und Lederschnitt-Messer.
"Tina-Messer" sind inzwischen mit einem Anteil von 90 Prozent Weltmarktführer und werden in 32 Ländern vertrieben. Die Schwilles feiern heuer das 125-jährige Bestehen des renommierten Familienunternehmens. 1885 bekam es den Eintrag in die Handwerksrolle, doch schon seit 1854 fertigte die aus Pfullingen stammende Familie Messer.
Laute Schläge hallen durch das Industriegebiet Laisen. Der Schmied hat die Tür zur Straße hin offen gelassen, denn in der Werkstatt ist es recht heiß. Der Hammer schlägt unablässig und rhythmisch auf den Spezialstahl, der soeben, 1200 Grad heiß, aus dem Ofen kam.
Hier entstehen hochwertige Messer für Gartenbauexperten, die vor allem für Obstbäume und Leder bestimmt sind. Manche der extrem scharfen Klingen, um die sich ein handfreundlicher Griff aus bestem Nussbaumholz schmiegt, gehen nach Samoa oder ins Baltikum.
Drollig hören sich die Namen der über drei Dutzend Modelle von Schwilles "Tina-Messer" für Leute an, die nicht mit der Materie firm sind - oder eben keine Obstbäume im Garten haben. Ob Kopulier- oder Okuliermesser, Baumschul- oder Schwunghippe - oder Veredelungs-Messer: Auch an Schuhmacher oder Sattler hat Sieghard Schwille (57) gedacht, der einem heute ebenso selten gewordenen Handwerk nachgeht.
Doch alles kommt irgendwann wieder: Sattlerspitzmesser oder Kantenzieher werden wieder mehr nachgefragt, die Nischen werden mit dem Trend "zurück zur Natur und zur Handarbeit" wieder größer. Seinen festen Kundenstamm hatte Tina schon vor dieser Renaissance bei den Leder verarbeitenden Kleinunternehmen in fast allen Ländern Nordafrikas.
Sieghard Schwille nimmt ein Okuliermesser in die Hand und zieht die Klinge über den leicht angefeuchteten, mit Diamanten besetzten Stein. Er wischt den Stahl ab und schneidet in das zentimeterdicke Leder eines Stiers, als ob es weiche Butter wäre. Tina wurde schon 1854 von Johann Friedrich Schwille in Pfullingen gegründet. "Damals ging man im Sommer aufs Feld, im Winter machten meine Vorfahren Messer", weiß Schwille. 1885 dann wurde die Messerfabrik von Gottlieb Friedrich Schwille in die Handwerksrolle eingetragen.
"Tina" ließ seinen Markennamen 1927 patentieren. "Glücklich jede Meisterhand, die zum Tina-Messer fand", so ein Werbeslogan. Längst kein Geheimnis in Barbier-Kreisen ist, dass sich manche Modelle hervorragend zum Rasieren der Kundschaft eignen.
"Wir kaufen Stahl, der nach unseren Vorgaben in kleinen Stahlwerken hergestellt wird, Messing und die Nussbäume für die Beschalung der Griffe. Diese werden bei uns acht Jahre naturnah getrocknet", so Schwille. Zur Herstellung eines Tina-Gartenmessers sind 67 Arbeitsgänge notwendig. Thema Ökologie: Schwille ist stolz darauf, dass in den letzten zehn Jahren sämtliche chemische Betriebs- und Hilfsstoffe durch Naturstoffe ersetzt wurden. Statt Waschbenzin ist es bei der Klingenreinigung nun Citrusöl. Seit 2007 wird auch umweltfreundliche Energie mittels einer Photovoltaikanlage auf dem Dach des Betriebs produziert; neun Tonnen CO2-Ausstoß werden so pro Jahr vermieden.
Pistazienbäume in Tadschikistan, Kiwi-Bäume in Neuseeland und Kokospalmen auf den Südsee-Inseln werden mit Tina-Messern aus Reutlingen veredelt. Es gibt sie auch für Linkshänder. Die Wirtschaftskrise hat Tina kaum gespürt. 200 000 Messer pro Jahr stellt Schwille mit seinen 15 Mitarbeitern her. "Die Umsatzrendite liegt bei uns um die 20 Prozent", verrät der Diplomkaufmann, schmunzelt, blickt versonnen aus dem Fenster hinaus und sagt: "So lange sich die Erde dreht, wachsen Bäume - und die wollen geschnitten werden."
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Autor: JÜRGEN HERDIN | 11.03.2010
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1885 war das offizielle Geburtsjahr der Tina Messerfabrik mit dem Eintrag in die Handwerksrolle. Rainer Neth von der Handwerkskammer (links) überreichte unlängst die Urkunde an Sieghard und Christine Schwille. Fotos: Jürgen Herdin
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