Mit Elan in die Diaspora

Pfullingen.  Vom Echaztal ins Allgäu, vom evangelisch geprägten Pfullingen ins ur-katholische Wangen: Der Schritt, den Pfarrer Martin Sauer tut, ist mutig - aber für ihn auch eine logische Konsequenz.

Zehn Jahre - das ist die Zeitspanne, nach der ein Pfarrer den Ort wechseln sollte, findet Martin Sauer. Dass es auch Sinn machen kann, länger zu bleiben, das gesteht er seinen Kollegen durchaus ein. "Für mich aber ist es jetzt Zeit, zu gehen", sagt er. So kann die Kirchengemeinde neue Impulse bekommen und er woanders neue Akzente setzen. Dass es den geschäftsführenden Pfarrer der Martinskirche jetzt schon nach neun Jahren in die Ferne zieht, ist derweil eher Zufall. "Schließlich muss man erstmal eine neue Stelle finden, die zu einem passt und die man dann auch bekommt."

Aber musste es denn ausgerechnet Wangen sein? Nicht, dass die Stadt im Allgäu unattraktiv wäre. Aber in Pfullingen liegt der Anteil der Protestanten bei 50, in Wangen bei gerade mal 15 Prozent. Sauer verlässt Pfullingen also, um in die Diaspora zu gehen? Die Antwort liegt für den 52-Jährigen auf der Hand. "In Wangen hat die evangelische Kirche noch Entwicklungsmöglichkeiten."

Seinen Dienst als Stadtpfarrer wird der gebürtige Stuttgarter dort am 1. März aufnehmen. "Und ich sehe mich durchaus nicht als Juniorpartner der katholischen Kirchengemeinde, sondern wir werden uns dort auf Augenhöhe begegnen", setzt er klare Eckpfeiler für seine künftige Arbeit. Die guten Erfahrungen in Bezug auf die ökumenische Zusammenarbeit, die er aus Pfullingen mitnimmt, will er in Wangen nutzen. Und die Chancen, dass ihm der Neustart gelingt, stehen nicht schlecht. Denn in Wangen kommts personell bei fast allen Kirchengemeinden zu einer Art Runderneuerung: Zwei katholische Kollegen, ein Methodist und zwei evangelische Pfarrer sind allesamt neu in der 27 000-Einwohner-Stadt.

Sauer kennt Wangen indes bestens von seinen Urlauben. "Ich fühle mich dort wohl, es ist ein schönes Umfeld - und man braucht mit dem Auto nur zwei Stunden nach Italien." Seinen Dienst dort tritt er zwar in wenigen Wochen an, aber erst nach Ostern wird er umziehen, weil das Pfarrhaus in Wangen noch renoviert wird.

Dass er Pfullingen vermissen wird, merkt er allerdings schon jetzt von Tag zu Tag mehr. "Es ist eine Anhäufung von letzten Malen", wie er seine Abschiedstour nennt. Und als er im aktuellen Gemeindebrief lesen konnte, was Kirchengemeinderat, Pfarr-Kollegen und Ehrenamtliche so über ihn schreiben - das reicht von "Wir lassen ihn ungern gehen" bis zu "Wir verlieren einen tollen Chef" -, da ist ihm schon warm ums Herz geworden. Vor allem an die persönlichen Begegnungen, die Martinskirche, "seine" Konfirmanden, die seelsorgerischen Gespräche - die bisweilen schon mal beim Einkaufen an der Käsetheke auf dem Wochenmarkt stattfanden - oder die Zeit, die er mit Geschichtenerzählen im Kindergarten verbracht hat, werden ihm in Erinnerung bleiben. Und die ökumenische Arbeit stand bei Sauer ganz hoch im Kurs. Auch wenn da das einzige Ereignis zu finden ist, das seine Zeit in der Echazstadt ein bisschen überschattet. Denn anfangs waren an der jährlichen Gebetswoche noch die Altpietisten und das Christliche Zentrum beteiligt. Dass beide entschieden, nicht mehr mitzumachen, und katholische, evangelisch-methodistische und evangelische Kirche jetzt allein diese Art der ökumenischen Arbeit weiterführen - das findet Sauer mehr als schade.

Derweil blickt er gespannt dem 26. Februar, dem Tag seiner Verabschiedung, entgegen. Er selbst wird dann um 17 Uhr in der Martinskirche die Predigt halten. Was er sagen wird, hat er sich zwar noch nicht überlegt. "Aber", verspricht Sauer, "ich werde dann bestimmt nicht mein Vermächtnis für Pfullingen von der Kanzel herunterpredigen."


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Autor: EVELYN RUPPRECHT | 04.02.2012

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