Jazz und Kunst treffen sich
Reutlingen. Als vor gut fünf Jahren in der St.-Leonhard-Straße 22 die Artgallery eröffnete, sah es nicht rosig aus für die Branche. Würde sich eine neue Galerie halten können? Hier in der eher wenig frequentierten Oststadt?
Bildende Kunst und Jazz - passt das zusammen? Wenn man mit dem 50-jährigen Galeristen Reinhold Maas über Kunst spricht, merkt man sofort, hier geht es nicht nur um Bilder und Ausstellungen, sondern um eine Kunstauffassung, um eine Lebenseinstellung, um eine Passion.
Die entwickelte sich bei ihm ganz allmählich aus seiner Beziehung zur Kunst, mit dem schwierigen Spagat, Kunst und Geld verdienen auf einen Nenner zu bringen. Mittlerweile ist diese Kunstauffassung ein Grund für den Erfolg, der die Artgallery am Laufen hält.
Dem Publikum Bildende Kunst zu bieten, die regionale Künstler nicht vernachlässigt: Das war in den 15 Jahren seiner Tätigkeit als Galerist immer das wichtigste Anliegen von Reinhold Maas: "Wir wollen die Leute zur Kunst bringen", ist sein Credo, "indem wir sie dazu ermutigen, mit guten Bildern zu leben und damit ihre Lebensqualität zu verbessern." Darin ist er sich mit seinem Partner, dem Inhaber der Galerie, Tobias Festl, einig. Der ein Jahr jüngere Musiker und Geschäftsinhaber gründete bereits Ende der 80er Jahre die international tätige Firma World of Basses, die in den Räumen über der Galerie Kontrabässe und andere Streichinstrumente repariert, restauriert und mit ihnen handelt.
Seit er im Dezember 2004 die Artgallery eröffnete, veranstaltet Festl dort regelmäßig Jazzkonzerte. Durch seine weitreichenden Verbindungen zur internationalen Jazzszene traten bereits Lee Shaw, Charlie Haden, Dieter Ilg, Charlie Mariano, Johannes Enders, Nils Wogram und viele andere Jazzgrößen auf: "Durch die Verbindung von Kunst und Jazz ergeben sich vielfältige Synergieeffekte", sagt Festl, der der aus München stammt und bereits seit mehr als 25 Jahren in Reutlingen lebt.
"Zudem bot sich mit der Eröffnung der Galerie ein geeigneter Raum, um hochklassige Jazzkonzerte zu veranstalten." Dabei ist es eine ständige Gratwanderung, sich auf dem schwer umkämpften Kunstmarkt zu behaupten und gleichzeitig ein anspruchsvolles Jazzpublikum bei der Stange zu halten.
Aber durch die inspirierende Verbindung von Kunst und Jazz "haben sich beidseitig neue Kontakte ergeben", meint Festl, "die auch ab und an in Geschäftsabschlüsse münden". Selbst Fußballfans haben Maas und Festl schon zur Kunst gebracht, indem sie bei Europa- und Weltmeisterschaften Spiele auf Großleinwand in den Galerie-Räumen zeigten. Es gibt eben viele Wege, einen Zugang zur Kunst zu finden.
Ein für viele spannender und dazu günstiger ist das seit fünf Jahren laufende Projekt "Kunst erleben". Hier eröffnet die Galerie ihren Kunden die Möglichkeit, zu einem überschaubaren Monatsbeitrag wechselnde Kunst in den eigenen Räumen zu erleben. Der Vorteil: Der Mietpreis geht nicht verloren, sondern wird auf den späteren Kauf eines Bildes angerechnet. "Nur durch das tagtägliche Zusammenleben mit Kunst", so ein Projekt-Teilnehmer, "bekommt man einen intensiven Zugang zu ihr und kann eine Beziehung zu dem ausgeliehenen Bild herstellen."
Das Genießen von Kunst ist ein Aspekt, das aufwendige Organisieren einer Ausstellung ein anderer. Reinhold Maas führt aus, dass es ein langer, mühsamer Prozess sei, bis eine Ausstellung eröffnet werden könne: "Die Vorbereitungen dauern mal vier Wochen, manchmal aber auch Jahre, bis eine Ausstellung steht."
Im Durchschnitt sei man drei bis vier Monate beschäftigt. "Mit Ausleihen, Anliefern und Aufhängen ist es jedenfalls nicht getan", beschreibt Maas das zeitraubende Geschäft eines Ausstellungsmachers. Maas, der sich bereits als Kind für Kunst interessierte, aber nie selbst malte, ist Galerist geworden, weil er aus Interesse mit dem Sammeln von Kunst begonnen hat und damals dachte, "günstiger Kunst kaufen zu können, wenn ich Galerist wäre". Er ist davon überzeugt, irgendwann automatisch auf die Kunst zu stoßen, "wenn man mit offenen Augen durchs Leben geht".
Seit 2007 betreiben Festl und Maas auch eine Galerie in Berlin-Grunewald, in der ebenfalls regelmäßig Kunst ausgestellt wird. Gibt es Unterschiede in Reutlingen und Berlin, was das Kunst-Interesse angeht? "Im Grunde verhält es sich mit Kunst wie mit anderen Fachrichtungen auch", bekräftigt Maas, "wenn man sich nicht ausgiebig mit ihr beschäftigt, ist man ziemlich ratlos, wie man mit ihr umgehen soll. Das ist in Reutlingen nicht anders als in Berlin."
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Autor: JÜRGEN SPIESS | 31.08.2010
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Das Team der Artgallery Reutlingen anno 2006: (von links) Tobias Festl, Debora Tiago und Reinhold Maas. Foto: Jürgen Spiess
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