Getarnte Chancen

Eningen.  Es geht um die "nachhaltige Steuerung des Einzelhandels in der Region" - dies auf 260 Seiten des Konzepts des Regionalverbands Neckar-Alb. Die Kommunen haben freilich weiterhin ihre Planungshoheit.

Mit rund 50 Besuchern war das Treffen am Dienstag in der HAP-Grieshaber-Halle recht überschaubar. Eingeladen hatte die Verbandsdirektorin des Regionalverbands Neckar-Alb, Angela Bernhardt. Wie sollte und könnte sich der Einzelhandel möglichst harmonisch in den Zentren, in deren Peripherie und in den Dörfern entwickeln, das war das weit umfassende Thema eines "Zentren- und Märktekonzepts Neckar-Alb".

Dieser gewaltigen Fleißaufgabe hatte sich die "Imakomm Akademie GmbH" aus Aalen vorgenommen. Für sie stellte Julia Bubbel ein Werk vor, das nun fast einstimmig vom Regionalverband gut geheißen wurde, nachdem das Wirtschaftsministerium 2009 "den ersten großen Sprung des Regionalplans zurückgewiesen hatte", so Verbandsvorsitzender Eugen Höschele. Unter anderem fehlte dem Ministerium damals "die "übergemeindliche Logik bei der Einzelhandelssteuerung".

Doch was heißt Steuerung? Die nun fertig gestellte, aufwendige Studie wird bei allem nicht mehr als eine wichtige Handreichung zum Handeln sein, denn das "reZuM NA", so die Abkürzung, bezieht sich perspektivisch auf das Jahr 2015, wobei es natürlich bei der kommunalen Planungshoheit bleibt. Verbandsdirektorin Bernhardt nennt das Opus auch "Grundlage für die Regelungen zum großflächigen Einzelhandel im Regionalplan".

"Nichts tarnt sich so geschickt als Schwierigkeit wie eine Chance", hofft Imakomm-Projektleiterin Julia Bubbel mit den Worten des Dichters Karl-Heinz Karius. Sie weiß, wie sehr im konkreten Fall darüber gestritten wird, wo sich der Einzelhandel ansiedeln soll - um nicht mit den Nachbarn in eine Art Kriegszustand zu geraten.

Harte Fakten statt Harmonie bestimmen dann auch den - im hinteren Teil mit Karten gespickten - Anwendungskatalog, den der Regionalverband schließlich mit einer "Riesenmehrheit" für gut befunden hatte, so Höschele. "Möglichst den Einzelhandel in der schnuckeligen Altstadt - und das mit genügend Parkplätzen", karikierte Bernhardt zuvor das Wunschbild der wohl meisten Konsumenten.

"Eine ausgeglichene Versorgung" der Bürger sei eines der Leitbilder, so Höschele. Und so wie er ist, wird der Plan nun dem Ministerium vorgelegt, bis in einem Jahr könnte er dann verabschiedet werden.

Während Heike Bartenbach, beim Regionalverband für das Sachgebiet Wirtschaft zuständig, den Nutzen des "reZuMNA" für die Städte und Gemeinden - vom Oberzentrum bis zum Dorf - beschrieb und dabei auch auf den innerstädtischen Einzelhandel und die dortigen Investoren einging, wussten auch die IHK Reutlingen und der Handelsverband Württemberg Gescheites zu diesem Thema.

Wie sieht es denn mit dem Einzelhandel in Sachen Nahversorgung aus, wie stehts um die Chancen und Herausforderung der kommunalen Steuerung? fragte Karin Goldstein, die bei der IHK Reutlingen Bereichsleiterin "Starthilfe und Unternehmensfördeung" ist. Kurz: "Der Einzelhandel und der stationäre Handel sind weiterhin ein prägendes Element in unseren Innenstädten" , so Goldstein.

"Was ins Zentrum gehört, soll auch drinnen blieben", diese Forderung sei im Handelsausschuss der IHK einstimmig so beschlossen worden. Wichtig sei dabei natürlich, so Goldstein, "die branchenspezifischen Unterschiede zu beachten".

Christoph Wufka vom Handelsverband des Landes kümmert sich besonders um die Nahversorgung in ländlichen Räumen und die aktuellen Trends. "Die Zahl der inhabergeführten Geschäfte ist in Deutschland zwischen 2006 und 2009 um 26 Prozent zurückgegangen." Und in nur zehn Jahren, zwischen 2000 und 2010 machten 20 000 Lebensmittelgeschäfte dicht", weiß Wufka, von dem man auch im Internet einen "Handlungsleitfaden" zum Thema herunterladen kann (www.hv-bw.de). Überdies sollten sich Filialisten - auf dem Dorf oder in der Stadt - mit der demografischen Entwicklung vertraut machen - und entsprechend handeln. Bei der Ladengestaltung sollten die Gänge breiter werden, beim Angebot sollte es mehr kleine Packungen geben" - für Singles und alleinstehende Senioren.

Aber ob insgesamt noch viel bewegt werden kann? Ein erstes Fazit in der für die Region bedeutsame Studie ist jedenfalls: "Es zeigt sich, dass sich durch die Entwicklung bis 2015 in den meisten Kommunen kaum noch zusätzliche Flächenpotenziale (...) ergeben." Und klar sei heute schon: "Während die zentralen Orte teilweise bereits deutlich überdurchschnittliche Werte erreichen, können andere Kommunen in fast keinem Sortiment eine ausreichende Versorgung der Bevölkerung sicherstellen."


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Autor: JÜRGEN HERDIN | 09.02.2012

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