Ein beweglicher Tieftöner

Reutlingen.  Saisonauftakt nach Maß: Mit melodiösen Balladen und überraschenden musikalischen Ideen brillierten Jean-Louis Rassinfosse und Jean-Philippe Collard-Neven in der vollbesetzten Artgallery.

Wenn eine Qualität im Jazz noch viel zu wenig Beachtung findet, dann ist es die Rolle des Kontrabasses. Obwohl dieses Instrument ein wahres Ungetüm ist, zwei Lektionen hat uns dieses Konzert erteilt: Erstens, in ihm steckt die Fähigkeit, auch mit leisen Tönen Intensität zu schaffen. Zweitens, er mag zwar äußerlich wie ein klobiger Kleiderschrank wirken, klingen kann er wie ein fein-ziseliertes Schmuckkästchen.

Zu erleben war das bei dem Konzert der beiden Belgier Jean-Louis Rassinfosse und Jean-Philippe Collard-Neven, die es verstehen, karge Melodien in luftigen Jazz zu verwandeln. Die beiden äußerlich so unterschiedlichen Typen machen sorgfältig ausgetüftelten Jazz, der sich ständig in eine neue Farbe taucht und dabei genau registriert, was mit ihm passiert. Nur wenige beherrschen die Kunst, mit zurückgenommenen Tönen maximale Intensität zu erreichen, so perfekt wie dieses Duo, das die 600 Kilometer von Brüssel nach Reutlingen nur für diesen einen Auftritt auf sich genommen haben. Mit Lifestyle hat diese Musik wenig zu tun und schon gar nichts mit einer modischen, anbiedernden Haltung.

Trotzdem klingt die Musik ungemein vertraut. Was der 1952 in Brüssel geborene Bassist Rassinfosse und sein 23 Jahre jüngerer Kollege am Piano zelebrieren, ist eleganter Wohlfühljazz, der sich mal an den wehmütigen Kompositionen eines Bill Evans, mal am klassischen Erbe des Jazz orientiert, aber auch dort zu brillieren versteht, was gemeinhin als zeitgenössischer europäischer Jazz verstanden wird: Melodiöse Themen werden da gerne kombiniert mit einem federnden Rhythmus. Jazztradition und Modernismen verschmelzen Collard-Neven und Rassinfosse zu ausgefeilten Stücken, die auch die Bekanntschaft mit der Klassik nicht leugnen. Ein auf Anhieb einnehmender Jazz, der seine sentimentalen wie luftigen Momente hat.

Auffällig an diesem Auftritt ist auch, dass die klassische Rollenteilung, die der Jazz für ein Duo dieser Art geschaffen hat, hier nicht existiert. Denn Rassinfosse ist nicht nur ein überaus versierter Bassist, er übernimmt auch mindestens ebenso häufig wie sein Partner am Piano die Melodieführung. Hoch konzentriert, den Mund leicht geöffnet, die Augen geschlossen, legt er mit seinem Fünfsaiter das Fundament für seinen Begleiter, zupft Soli in hohen Lagen, die man nur auf einer Gitarre erwartet. Mal lässt er Töne locker-leicht wie Trauben perlen, mal gibt er seinen Läufen neue Kraft durch kurzes Innehalten, schiebt überraschende Intervallverbindungen dazwischen, zieht witzige Glissandi den Steg entlang.

Obwohl die schönsten und melodischsten Stücke von Collard-Neven stammen, zeigt Rassinfosse immer wieder, wie beweglich so ein dicker Tieftöner doch klingen kann. In diesen Passagen gibt sich der Pianist gerne als bescheidener Begleiter, als Lieferant zarter Farben und delikater Effekte. Etwa, wenn er mit der linken Hand im Inneren seines Klaviers herumwühlt, während die Rechte über die Tasten flaniert und Sommerspaziergänge unternimmt. Auch er versteht es, die Stille zu nutzen, um Überraschungen zu inszenieren.

Zwei Stunden lang wechseln sich auf wenige Töne reduzierte Balladen und wunderbar verhangene Momente ab. Diese Musik ist zeitlos schön und gerade deshalb für jeden reizvoll, der nicht so sehr auf das Grelle, Respektlose, sondern auf das Hintergründige Wert legt.


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Autor: JÜRGEN SPIESS | 30.08.2010

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