Balalaika und Bierkasten-Altar
Reutlingen. Dionysos als sehr wütender Gott: Oleg Myrzaks Ein-Mann-Drama feierte beim Monolog-Festival in der Tonne Premiere - als düster dramatische Lämpchen-Show, bei der leider kaum etwas zu verstehen war.
Ein Wagnis, Euripides Tragödie als Monolog aufzuführen, schließlich sind die griechischen Klassiker schon in verteilten Rollen eine nicht unbedingt leichtgängige Sache und bedürfen durchaus auch mal einer Deutung durch den Regisseur. Besonders das "Bakchen"-Drama, das in den jüngsten Jahren sehr beliebt war an deutschen Bühnen und dabei unterschiedlichste Deutungen erfuhr.
Jedenfalls kommt darin der Gott des Weines, des Rausches, der Raserei und der ganz besonderen Visionen mit seinen "Bakchen" im Schlepptau (Bacchantinnen) nach Theben. Dort verweigert ihm König Pentheus die Gefolgschaft, ein Mann der Vernunft, der Macht und ein Verfechter staatlicher Werte.
Anders die Frauen: Sie sind von der neuen anarchistischen Sekte und alternativen Naturreligion ganz begeistert und versammeln sich im Wald, um verzückt den neuen Gottheiten zu huldigen. Mit ihren Thyrsosstäben (Fenchel) lassen sie aus Wasserquellen Wein, Milch und Honig fließen.
Unter ihnen ist auch Agaue, Pentheus Mutter. Pentheus zeigt sich entsprechend sauer und schleicht, auf Dionysos heimtückischen Rat hin, in Frauenkleidung zum Lager der Bacchantinnen, um diese moderne Erscheinung gewaltsam auszulöschen. Die Damen pflücken den armen Pentheus daraufhin sprichwörtlich auseinander. Agaue präsentiert Pentheus Haupt, den sie in ihrer dionysischen Verblendung für einen Löwenkopf hält.
Sind die Götter also wütende, rachsüchtige und blutrünstige Wesen, die mit den Menschen nur spielen? Sind die Menschen dem allmächtigen Schicksal ausgeliefert? Ganz schlau wird man jedenfalls aus Oleg Myrzaks (Text und Regie, er hat neulich an der Tonne schon "Das Maß der Dinge" inszeniert) und Ilja Pletners (Schauspiel) düsterem Bühnenwerk nicht.
Sie stellen den Text zwar einigermaßen plastisch zur Verfügung, verzichten aber leider auf irgendeine regiegesteuerte Deutung. Auch die Bühne bleibt dunkel, weil ja Dionysos seine Lustbarkeiten lieber im Dunkeln veranstaltet. Ilja Pletner schreitet in einem wohl altgriechischen Gewand auf einem Laufsteg auf und ab, der aus leeren Bierkästen besteht, spricht mit viel Einsatz und Leidenschaft den gekürzten, aber nach wie vor anspruchsvollen Text und schlüpft abwechselnd in die verschiedenen Rollen.
Als Chor fordert er mit Balalaika und lieblichen Gesängen die Huldigung des verschmähten Zeus-Sohnes und preist die Vorteile des hedonistischen Glaubens. Als Dionysos fordert er dasselbe, verteilt aber auch reichlich Argumente, indem er das Publikum von seinem sinnstiftenden Rebensaft kosten lässt.
Das Publikum wurde im Übrigen schon beim Einlass in Männlein und Weiblein getrennt - schließlich sind es vor allem die Frauen, die den Offenbarungen, aber auch den Gefährdungen des dionysischen Kultes ausgesetzt sind.
Dafür haben sie jede Menge Spaß, während die scheinheiligen, aber ewig sich selbst überschätzenden Männer diktatorisch das Prinzip der staatlichen Gewalt, der Vernunft und der Enthaltsamkeit verteidigen.
Kein Wunder, dass ihnen die Frauen weglaufen. Ilja Pletner jedenfalls schreitet auf seinem von Biergenuss und weißen, roten und blauen Leuchteffekten geprägten Kult auf und ab, singt seine Lieder, zerstört Pentheus Palast, baut einen neuen, eigenen, leuchtenden Bierkasten-Altar und gibt den beleidigten Dionysos, weil man ihm die Macht verwehrt.
Er ist eben auch nur ein männlicher Gott, der jeden Widerstand vernichten muss. Begleiten lässt er seinen wutrauschenden Sermon von hochdramatischer (Film-)Musik, die so laut ist, dass man vom Text überhaupt nichts mehr versteht. Was sich zuvor auch schon etwas schwierig gestaltet, weil Ilja Pletner eine Art Kunstsprache mit wild gerolltem "R" spricht. Ob als Referenz zu früheren Theaterepochen oder zu seiner ukrainischen Heimat - ist leider nicht auszumachen. Auch nicht, was er eigentlich sagen will.
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Autor: KATHRIN KIPP | 04.02.2012
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"Dionysos" - ein weiterer Beitrag zum Festival "Monospektakel". Foto: pr
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