Wo das Gedächtnis besonders trainiert wird

Man erlebt etwas, man kann etwas beitragen. Die Atmosphäre ist liebevoll. Seit zehn Jahren gibt es das Gedächtnistraining bei der Nachbarschaftshilfe.

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Beim Denksport der Nachbarschaftshilfe Metzingen begegnet man sich mit Respekt.  Foto: 

Die Stirn kräuselt sich in sanften Wellen. Der Denksport unter freundschaftlichen Gemütern ist eher ein Gesellschaftsspiel. Trotzdem rauchen die Köpfe angestrengt: Der Wonnemonat Mai ist in der Wohnzimmeratmosphäre der Nachbarschaftshilfe in der Eberhardstraße ein von allen Seiten umspieltes Thema.

Was man zum Mai gerne macht: Die Wintersachen ausziehen, Ballspielen mit den Enkeln oder den Garten auf Vordermann bringen und Gemüse anpflanzen. Die Generation zwischen Anfang 70 und Ende 80, die sich jeden zweiten Montag ab 15 Uhr hier trifft, hat viel erlebt. Manches davon verschwindet klammheimlich im Nebel des Alters. Anderes ist präsenter denn je. "Warte bis morgen, bis es Dir einfällt", vertröstet die Ehefrau scherzhaft ihren Gatten. Der ist nach eigenen Angaben korrekte 86,4 Jahre alt, "eigentlich noch ein Teenager", und außerdem aktiver Rollator-Tänzer bei der Nachbarschaftshilfe. Seine Frau kam aus Neugier einfach mal mit in den Gedächtnis-Zirkel und blieb hängen. "Die Geselligkeit hilft. Der Kreis passt. Es geht immer lustig zu und die Hausaufgaben nehmen wir richtig ernst." Das gemeinsame Sammeln von Pluspunkten auch für die ans Denksportliche anschließende Kaffeerunde gehört irgendwie zum Ritual.

"Das beste Gedächtnistraining überhaupt ist, Spaß zu haben und in einer liebevollen Atmosphäre unter anderen zu sein", steuert Trainerin Hildegard Pfister bei, "hier gibt es keine Fehler und keiner blamiert sich. Es ist schon ein Erfolg, dass man vieles hört, was man vergessen hat. Und manches, was man noch nie gehört hat. Dass man sich in vertrauter Runde wieder erinnert, überhaupt aus dem Haus geht und sich mit anderen in ähnlicher Situation austauscht, ist wichtiger als jedes Lernkonzept". Das Gedächtnistraining könnte ihrer Ansicht nach auch ganz anders heißen.

Zwei Wochen zuvor hatte sich die rund 15 Mitglieder starke Gruppe mit dem Thema "Stein" befasst. Stein als Namensendung für Orte war die Hausaufgabe, für den einen ein anregendes Spiel oder eine exakte Ansage, die bei fünf Nennungen endet. Für andere eine kleine Herausforderung, die Zuhause zusammen mit der Familie bewältigt wurde. Zu den erlaubten Hilfsmitteln zählten die Recherche im Computer, im alten Atlas oder im Postleitzahlenbuch. Als Anschauungsmaterial zur Hausaufgabe lagen zwei dicke Brocken versteinertes Holz auf dem Präsentierteller. Ein gewichtiges Mitbringsel aus dem Urlaub, über den man sich erzählte. "Brot" lautete die Überschrift zu einem weiteren Treffen. Der spontane Erinnerungsblitz einer Teilnehmerin war die Situation Zuhause zu kargen Zeiten, als es für sie bei der Schwiegermutter nur schimmliges Brot zu essen gab. Die gemeinsamen Nachmittage bei der Nachbarschaftshilfe sind auch Anker und beschützter Bereich. "Für viele ist die Runde einfach eine Starthilfe aus der Schüchternheit heraus. Man respektiert den anderen und lässt ihn ausreden", sagt Hildegard Pfister.

Hildegard Pfister betreut ihren Trainingszirkel jetzt seit zehn Jahren. Er ist Teil des umfangreichen Angebots der Nachbarschaftshilfe für Senioren und Junggebliebene aus Metzingen und der Umgebung und findet in der Regel jeden zweiten Montag ab 15 Uhr statt. Immer ab 14 Uhr bringt die ausgebildete Trainerin im Klosterhof eine Gruppe Senioren bei der leichten Sitzgymnastik in Schwung. Die älteste Teilnehmerin ist 98, erzählt sie ein wenig stolz. Neue Teilnehmer sind herzlich willkommen. Auch hier steht der scherzhafte Umgang mit der baren Realität im Vordergrund.

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