Wieland Backes im Gespräch

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    Wieland Backes spielt den Pförtner im Stück „Der Sheriff von Linsenbach“. Foto: 
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    Wieland Backes spielt den Pförtner im Stück „Der Sheriff von Linsnebach“, zu sehen am Freitag in Metzingen. Foto: 
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Viele kennen ihn vom „Nachtcafé“. Über Jahre hat er diese Sendung geprägt, als freundlicher, souveräner Moderator. Als sensibler Frager, der seinen Gästen die Angst nimmt, über heikle Themen zu sprechen. Jetzt, im Unruhestand, hat Wieland Backes, 70,  das Theater für sich entdeckt. Als Schauspieler in Nebenrollen tourt er mit der Esslinger Landesbühne durch Baden-Württemberg. Am Freitag ist er in der Metzinger Stadthalle zu erleben – als Überraschungsgast in der bissigen Komödie „Der Sheriff von Linsenbach“.

Herr Backes, wann waren Sie zuletzt im Theater?

Wieland Backes: Zur Zeit gehe ich nur ins Theater, wenn ich selbst auf der Bühne stehe. Das war vor vier Tagen in Nürtingen. Als Zuschauer sah ich zuletzt die sehr gute gelungene Uraufführung von „Der Trafikant“ von Robert Seethaler  vor etwa drei  Monaten!

Wie verliefen Ihre ersten Theaterfahrungen?

Meine Eltern waren Lehrer und veranstalteten in ihrer Dorfschule häufig Theaterabende. Ich erinnere mich, dass ich schon als Kindergartenkind als kleiner Indianer in einem Stück über Kolumbus am Lagerfeuer sitzen durfte. Später spielte ich dann in einer mit 18 Jahren selbstinszenierten Aufführung den Professor Higgins in Shaws „Pygmalion“. Für den „Sheriff  von Linsenbach“ hat Intendant Friedrich Schirmer erst einmal eine vorgezogene Testprobe angesetzt, um herauszufinden, ob ich überhaupt tauglich bin.

Als Harald Schmidt mit 45 erstmals wieder eine Theaterrolle spielte, kürte man ihn spaßeshalber zum „Nachwuchsschauspieler des Jahres“. Wie würden Sie auf einen solchen Titel reagieren?

Ich wäre sehr amüsiert und fühlte mich geschmeichelt. Es ist nämlich gar nicht so einfach, neben  einer Truppe von professionellen – übrigens sehr guten – Schauspielern bestehen zu können. Aber ich arbeite an meiner Integration und kann später behaupten, dass ich nicht nur in Esslingen, sondern zum Beispiel auch in Ravensburg, Isny, Villingen-Schwenningen, Schwäbisch Gmünd, Ilshofen, Gerabronn und in Metzingen aufgetreten bin.

Wie sehen Sie das Stück „Der Sheriff von Linsenbach“ – es ist ja nicht nur eine „leichte“ Komödie…

Es ist im Grunde ein Stück über Fundamentalismus nach Schwabenart. Ein Parkwächter, der seine Aufgabe pedantisch ernst nimmt.  Die Essenz des Stückes verkörpert am besten folgender Satz aus dem Mund des Titelhelden: „Des isch des dumme mit de Ideale, wenn mr’s genau nimmt damit, macht mr sich zum Narre und kauft sich eines Tages a Pischtol. Und wenn mr’s net genau nimmt, sind’s keine Ideale.“

Sie haben, wenn wir richtig liegen, vier Szenen zu absolvieren – wie verbringen Sie die Wartezeit dazwischen?

Die Regisseurin Christine Gnann hat sich, wohl damit es mir nicht langweilig wird, noch eine Reihe von zusätzlichen Minirollen ausgedacht, die zeitweise sogar zu Umzugsstress führen. Ich spiele also zusätzlich einen dumpfbackigen  Hartz-IV-Empfänger im Doppelrippunterhemd und mit Bierflasche, ich spiele einen Professor bei einer Gartenparty, der mir ähnelt, ich spiele einen Metzger mit Schlachtermesser und blutiger Schürze, und ich spiele den Hund Pluto – das ist allerdings nur eine akustische Rolle.

Welche Textmengen müssen Sie sich da merken, und was ist Ihr Lieblingssatz?

Die Textmenge ist überschaubar, mittlerweile könnten Sie mich nachts wecken, und ich könnte sofort loslegen. Mein Lieblingssatz, den ich wütend dem Sheriff entgegenschleudere: „Du bisch doch gemeindegefährlich.“

Sie spielen in „Der Sheriff von Linsenbach“ den Rathauspförtner und passionierten Kaninchenzüchter Kunz – wieviel Wieland Backes ist denn damit eingeflossen?

Da ist leider in dieser Rolle wenig Platz für das, was ein Stück von mir wäre. Ich musste mich schon in diese Rolle hineinwühlen, auch Rathausbesuche waren da wenig hilfreich, denn in Stuttgart saßen da immer, wenn ich kam, freundliche und meist  junge Menschen.

Wieviel mimischen Aufwand erfordern Ihre Rollen?

Ich muss manchmal herablassend, manchmal wutschnaubend und dann wieder freundschaftlich leutselig sein.  Das verlangt dem Gesicht schon Einiges ab.

Wie empfinden Sie das späte Schauspielerleben – wie man hört, kriegen Sie die normale Gage und fahren bei Gastspielen im Bus mit?

Wenn schon, denn schon! Nur keine Extrawurst für den Fernsehfuzzi. Natürlich ist, wenn man  in der Provinz  unterwegs ist, nicht alles prickelnd. Durch die oft unsichere Verkehrslage müssen Sicherheiten in die Busfahrzeiten eingeplant werden. Wenn der Spielort fern der Stadtmitte liegt, ist die Wartezeit von zwei oder gar drei Stunden auf den Vorstellungsbeginn  nicht gerade vergnügungssteuerpflichtig –  aber leider unumgänglich. Doch wenn wirklich die Gelegenheit da ist, die Stadt ein wenig zu erkunden, hat das für mich oft auch einen nostalgischen Reiz. In meiner Zeit als Leiter der Abendschau Baden-Württemberg, habe ich einst quer durch das Land Filme gedreht und Sendungen produziert.

Im „Sheriff“ sprechen Sie schwäbisch. Was sagen Sie dazu, dass der Dialekt bei der jungen Generation immer mehr verschwindet?

In dem kleinen Dorf am Rande des Schwäbischen Waldes, in dem ich als Flüchtlingskind seit meinem dritten Lebensjahr wohnte, war Schwäbisch zu können eine Überlebensfrage. Deshalb, wenn jemand meine schauspielerischen Qualitäten in Frage stellen würde, okay. Aber auf mein astreines Schwäbisch bilde ich mir schon etwas ein. Heute herrscht in meinem Dorf, wie überall, ein Mischmasch aus Dialektfärbungen und  unterschiedlichsten Sprachen. Natürlich nimmt mit wachsender Mobilität der Menschheit die Vielfalt an Mundarten ab. Das ist einerseits bedauerlich. Aber die Sprache ist ein lebendiger Organismus, der sich permanent verändert und weiterentwickelt. Wobei es schon schade ist, wenn Wortjuwelen des Schwäbischen einfach aussterben. Zum Beispiel Begriffe wie „Hälinga“ oder „Schellabena“, falls Sie das noch verstehen.

Tun wir. Zum Gastspiel hier: Was verbinden Sie mit Metzingen?

Am vertrautesten ist mir zugebenermaßen  der VIP-Shop der Firma Boss, aus dem seit Jahrzehnten die Anzüge für meine Sendungsauftritte kommen. Aber ich bin auch schon bis zur Stadtmitte vorgedrungen. Ein bisschen Sorge muss man sich schon machen, wenn eine Stadt sich ganz und gar zum Outlet-Mekka entwickelt. Ich erinnere mich, als ich mit meiner Familie an einem Wintertag auf die Alb fahren wollte und schon bei Bernhausen im Stau stand: Es war verkaufsoffener Sonntag in Metzingen.

Sie haben an der Hochschule für Medien einen Ausbildungsgang für Nachwuchsmoderatoren gegründet. Was geben Sie als Elder Statesman in Sachen Talkshow Ihren Nachfolgern mit auf den Weg?

Eine Talkshow macht für mich nur einen Sinn, wenn es  gelingt, möglichst mit leichter Hand Inhalte, das heißt Menschen und Themen zu vermitteln. Nur Nabelschau, nur Wortgeklingel und Selbstvermarkung, das wäre für mich der falsche Weg. Die Chance, über das Format Talkshow viele Menschen zum Nachdenken über Themen zu bringen, die sie sonst links liegen lassen, ist riesengroß. Im Nachtcafé, denke ich, haben wir diese Chance genutzt.

Das Nachtcafé war und ist eines der erfolgreichsten Formate des SWR. Was zeichnet für Sie einen guten Moderator, überhaupt einen guten Journalisten aus?

Er oder sie sollten ein wirkliches Interesse am Gegenüber haben, gut zuhören und dann auch gezielt nachfragen. Eine ausgeprägte Neugier ist da nicht fehl am Platze. Außerdem ist es wichtig, eine vertrauensvolle Atmosphäre aufzubauen. Und eine profunde Recherche sollte, bevor man in den Ring steigt, ohnehin eine Selbstverständlichkeit sein.

Noch einmal zurück zum Theater: Mancher Späteinsteiger als Schauspieler hat es noch bis zum „Hamlet“ in Stuttgart gebracht. Haben auch Sie da noch Wunschrollen in Planung?

Da möchte ich doch gerne mit beiden Beinen auf der Erde bleiben. Die Schauspielerei  ist für mich nicht mehr als eine Verrücktheit, ein großer Spaß. Es bereitet mir große Freude, auch in kleineren Rollen das Beste zu geben. Und wenn meine Mitwirkung die Aufmerksamkeit auf die ambitionierte Arbeit der Landesbühne lenkt und wenn das Publikum, meine Kollegen und mein Freund Friedrich Schirmer das gut finden, ist mein Ego voll zufriedengestellt.

Gastspiel „Der Sheriff von Linsenbach“, ein Stück der Württembergischen Landesbühne Esslingen mit Überraschungsgast Wieland Backes, ist am Freitag, 19. Mai, 20 Uhr, in der Stadthalle Metzingen zu sehen.

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