Wie kann man zusammenleben?

"Wohin des Weges"- ist ein Theaterprojekt des Lindenhofs mit Flüchtlingen und Einheimischen aus der Umgebung. Premiere ist am Mittwoch, 18. Mai.

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In "Wohin des Weges"- einem Theaterprojekt des Lindenhofs mit Flüchtlingen - geht es um die Frage, wie man zusammenleben kann. Premiere ist am kommenden Mittwoch, 18. Mai.  Foto: 

Auf der Theaterbühne steht eine Art Höhle mit stilisierten Malereien: "Der Ort, aus dem alle Menschen kommen, eine Behausung, in der alle Platz haben, sich miteinander arrangieren müssen und in dem man sich nicht verstecken kann", erklärt Oliver Moumouris, Regisseur von "Wohin des Weges - einer Kooperation des Melchinger Lindenhofs mit der Evangelischen Gesamtkirchengemeinde Trochtelfingen.

In der Mitte der Bühne zeigt ein dicker weißer Strich die mehr als imaginäre Grenze zwischen Einheimischen und Flüchtlingen an - zumindest in der Szene des Stücks, in der die Flüchtlinge nicht nur ihre Geschichten erzählen, sondern auch, was ihnen hierzulande ein wenig komisch anmutet: Hier seien zum Beispiel auch immer viele Leute auf der Straße. Aber niemand rede mit einem. Können sie auch gar nicht, wegen der Kopfhörer.

Und wenn mal einer redet, dann immer nur einer, und nicht alle gleichzeitig, wie zuhause in Nigeria, Syrien, Palästina oder Äthiopien. So herrscht auf der Bühne fast ein babylonisches Stimmengewirr, wenn alle durcheinander reden: auf Deutsch, Kurdisch, Arabisch, Englisch und Schwäbisch. Nicht nur neun Flüchtlinge, sondern auch Dramaturg Franz Xaver Ott spielt mit sowie Pfarrer Martin Rose mit seiner Familie aus Trochtelfingen, der mit dem dortigen Asylkreis zwischen 120 und 150 Flüchtlinge ehrenamtlich betreut: alle unterschiedlicher Herkunft, mit unterschiedlichem Anerkennungsstatus, manche nur geduldet, weil staatenlos, wie beispielsweise die palästinensisch-kurdisch-syrische Familie Yahia. Pfarrer Rose hat im Sommer vergangenen Jahres, als das Projekt gestartet wurde, überlegt, wer von den Flüchtlingen dafür in Frage kommt. Im September gab es erste konkrete Kontakte, seitdem trifft sich die Gruppe jeden Samstag.

Ein nicht immer nur einfacher Annäherungsprozess, weil selbstverständlich alle Teilnehmer unterschiedliche Vorstellungen von Theater haben - ganz zu schweigen von den sprachlichen Hürden. Die Flüchtlinge sind zwar alle für einen Sprachkurs vorgesehen, müssen teilweise aber sehr lange darauf warten. Einige haben sich selbst ein wenig Deutsch beigebracht. Sie haben manchmal auch ganz andere Probleme als Theaterproben: Wenn zum Beispiel der Vater gerade in Ungarn im Gefängnis sitzt, möchte man ungern das Handy aus der Hand legen - Theater hin oder her.

So "mussten wir erst eine gemeinsame Sprache finden", erklärt Regisseur Moumouris, "auf der Bühne sowie ganz real". Und so wird eben deutsch, englisch, arabisch oder kurdisch gesprochen und übersetzt. Die unterschiedlichen Sprachen und kulturellen Gepflogenheiten bedeuten für alle nicht nur eine Bereicherung, sondern auch Reibungsfläche. Für arabisch sozialisierte Frauen beispielsweise ist es schon eine Herausforderung, direkt ins Publikum zu schauen und dabei laut zu sprechen.

Aber genau darum geht es auch im assoziativen Stück: "Wie sind wir hierher gekommen? Wie kommen wir alle miteinander zurecht?" Und: Wie wirken die verschiedenen Kulturen aufeinander? Welche Wünsche und Träume haben die Schutzsuchenden? Und wie kann man zusammenleben, in einem kleinen schwäbischen Alb-Dorf?

So werden die Zuschauer mit ganz konkreten Fragen und authentischen Geschichten konfrontiert. Vieles auf der Bühne wird in deutscher Sprache stattfinden, aber es wird nicht nur erzählt, sondern auch getanzt, gesungen, gerappt und musiziert. Unter anderem über die Fluchtgeschichten. Dazu steigt hinter der Bühne eine Feuersäule auf. Einer erzählt, wie er mit einem Tiertransporter gereist ist und unterwegs mitten im Wald einfach ein Kind vergessen wurde.

Ein anderer kam über das Meer: Neun Tage lang dauerte die Überfahrt, am dritten dachten sie schon, sie schaffen's nicht. Die Todesängste wirken nach. In der neunten Nacht wurden sie aber "von einem Tanker gefunden und aufgenommen". Ein anderer musste auf einem Lastwagen in einen Plastiksack schlüpfen, damit von der Kontrolle kein CO2 gemessen werden konnte. Hätten sie nicht irgendwann Löcher hineingeschnitten, wären sie erstickt. Prompt wurden sie an der Grenze entdeckt und wieder zurückgeschickt. Erst beim zweiten Versuch hat es dann geklappt.

Und wie es hier in Trochtelfingen weitergeht, das wissen bis jetzt noch die wenigsten.

Termine/Karten

"Wohin des Weges" - ein Theaterprojekt mit Flüchtlingen am Theater Lindenhof feiert Premiere am Mittwoch, 18. Mai, 20 Uhr, in der Melchinger Theaterscheune. Weitere Vorstellungen: 19.,25. und 26. Mai; 17.,18. und 19. Juni sowie am 15. und 16. Juli.

Karten können unter Telefon: (07126) 9 29 30 sowie unter www.theater-lindenhof.de vorbestellt werden.

KK

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