Von Poesie und Politik

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So nett gelebt: Werner Theis mit seinen Lyrikbänden über das Leben, seine schönen Seiten und die Widrigkeiten.  Foto: 

Fünfhebige Jamben, sechshebige Versformen, trochäische Metren: Das hört sich nach Poesieformen aus den Zeiten von Gryphius, Goethe oder Gernhardt an. Nicht nur ein, sondern gleich zwei Bände mit Sonetten hat der Metzinger Lyriker Werner Theis verfasst, dem er bald noch einen dritten folgen lässt. Eine absolute Verrücktheit, wie Walther, so der Künstlername von Werner Theis, selbst sagt. Von seinem Tun lassen kann er dennoch nicht. Er ist ein Getriebener im Dienste der Literatur, und das, was er schafft, regt zum Nachdenken, Schmunzeln oder Schwärmen an. Es reicht von Liebespoesie über die Innenschau des modernen Menschen bis zu Betrachtungen grundsätzlicher Natur, etwa über die Umwelt oder politische Umstände. Theis fordert auf, sich einzumischen und macht es selbst, er zeigt ganze Welten auf und das verdichtet verpackt in wenigen Zeilen, schaut selbstironisch auf sich selbst und erreicht gerade dadurch einen Lerneffekt. Seinen Stil hat er im Lauf der Jahre verbessert, standen am Anfang  noch die unbeholfenen Versuche eines pubertierenden Jünglings, der von den Verlagen abgeschmettert wurde, ist Theis heute ein versierter Wortkünstler mit lesenswerten Sonetten.

Herr Theis, wie um alles in der Welt kommt man dazu, Gedichte zu schrieben?

Werner Theis Ich habe das erste Gedicht mit 14 geschrieben, um meinen Alltag zu bewältigen. Schreiben ist anfangs immer Lebensbewältigung.

Was ist mit diesen ersten Schreibversuchen geschehen?

Ich bin furchtbar damit gescheitert. Von dem Verlag, an den ich sie geschickt habe, kam ein Verriss zurück, und der Lektor hatte Recht damit. Dann habe ich jahrelang vor mich hingeschrieben, war ab 2002 in Foren und Literatenkommunen unterwegs. Schließlich wurde ich von einem Redakteur der Kieler Nachrichten gefördert, der wunderbare Sonette schrieb und mich wohl für talentiert hält. Er hat mir die Grundlagen der Formlyrik beigebracht. Ich habe mich mit den Schreibtechniken befasst, denn Poesie verlangt Schulung in der Sprache, der Rhythmik und der Form. In einem gelungenen Gedicht fließt die Sprache so, als könnte sie gar nicht anders. Wir alle brauchen Mentoren und müssen uns ehrlich der Kritik aussetzen, sonst wird das nichts.

Was sind die Themen eines Lyrikers?

Der ganz junge Mensch beschreibt das, was ihn sehr bewegt, in den meisten Fällen sind das die Liebe und der Weltschmerz. Das Chaos „Leben“, das man ordnen und verstehen möchte, beginnt, wenn man sich seiner bewusst zu denken und handeln beginnt, wenn man als Heranwachsender dasitzt und sich fragt, wer liebt mich, wer versteht mich, wer bin ich, wozu bin ich hier? Später befasst man sich zusätzlich mit der Interaktion zwischen innen und außen. Die Natur, die Jahreszeiten, spielen eine große Rolle für meine Poesie. Hinzu kommen noch die großen Fragen nach Abschied, Hunger, Krieg oder Tod. Das heißt, die Poesie ist immer ein wenig selbstbezüglich, aber kein Literat, kein Künstler, kann Abstand nehmen von dem, was ihn umgibt.

Wie muss man sich Ihre Arbeit als Poet vorstellen?

Der kreative Prozess ist mir bis heute ein Geheimnis geblieben, ich weiß nicht, wie er bei mir und anderen wirklich funktioniert. Ich sammle Eindrücke, die sich irgendwann zu formen beginnen. Beim Schreiben übernimmt das Werk die Herrschaft über den Autor. Man muss loslassen lernen und sich überraschen lassen, wo das hinführt. Ich selbst bin eher ein Vielschreiber, pro Woche mehrere Gedichte, führe ein gedichtetes Tagebuch. Wobei ich ehrlich sein will: Den Großteil dieser Gedichte kann man als nette Übung ablegen. Am Ende des Tages, wenn man zurückblickt, ist das Meiste nicht so gelungen, das es überdauern wird. Andere Autoren verfassen nur wenige Texte in ihrem Leben, die sie immer und immer wieder rundschleifen und bekommen dafür zu Recht den Nobelpreis. Es gibt also kein Erfolgsrezept.

Sie haben bereits mehrere Bücher veröffentlicht. Ist das Ansporn für Ihren Schaffenseifer?

Nein, ich bin wohl ein Lyrikverrückter. Ich würde für mich weiterschreiben, selbst wenn ich keinen Verlag gefunden hätte. Wenn man etwas macht, das einem Spaß macht, sollte man sich nicht aufhalten lassen. Meine Frau ist Adressatin meiner Liebesgedichte, damit konnte und kann ich ihr meine sehr große Wertschätzung vermitteln. Da hat jeder seinen eigenen Weg. Das ist der meine. Sie ist sozusagen meine Muse. Wahre Literatur ist ein Text, wenn etwas entstanden ist, das über den Augenblick, den Anlass hinausweist, ein Bild von bleibendem Wert: Das gelingt nicht allzu oft.

Das heißt, Sie nehmen sich selbst nicht all zu ernst? Viele Ihrer Gedichte enden mit einer Wendung, die zum Schmunzeln verleitet.

Die Selbstironie dient dazu, schmerzhafte Wahrheiten lustig zu verkünden – so wie ein guter Clown sich selbst auf die Schippe nimmt, um allgemein Menschliches durch den Kakao zu ziehen. Damit erreicht man die besten Ergebnisse, weil das niemanden angreift und keinem wehtut.

Aufklären, sich einmischen, Stellung beziehen: Auch das sehen Sie ja als Aufgabe von Literatur und Poesie.

Ich bin ein politischer Mensch und glaube, dass man das in seinen Werken verarbeiten sollte. Heute ist das wichtiger denn je, denn es gilt, die Freiheit zu verteidigen, dazu sind wir alle aufgerufen. Unsere Welt wird durchgepflügt, es gibt um uns eine Tendenz in Richtung autoritäre Regimes. Wir müssen gegen Populisten wie die AfD und Le Pen selbstverständliche Menschenrechte verteidigen, die unveräußerlich sind. Wir haben eine Auseinandersetzung der grundsätzlichen Art: Freiheit und Frieden sind in Gefahr, beides glaubten wir gesichert, die Literatur muss wieder grundsätzlich politisch werden. Darum habe ich auch von der zugetextet-Ausgabe Nr. 2 / 2016 einen Euro pro Ausgabe an den Arbeitskreis Asyl gespendet, denn der AK Asyl ist unser Arm für die Barmherzigkeit. Den Menschen, die sich dort und anderswo für die Mitmenschen engagieren, gebührt bei aller Unterschiedlichkeit der Ansichten unser Respekt.

Für den Bad Uracher Poesieweg haben Sie sich schon mehrfach mit einem politischen Gedicht beworben, das in seiner Form vorbildlich ist. Es wirft einen ganz eigenen, kritischen Blick auf den Dichter Johannes R. Becher. Allerdings wurde es bisher nicht berücksichtigt. Warum?

Ja, es ist technisch sicherlich eines meiner gelungensten Gedichte. Es ist wohl zu sperrig, weil es sich mit der Verantwortung menschlichen Handelns auseinandersetzt. Trotzdem schicke ich es alle Jahre wieder. Es behandelt die Zerstörung der Kunstfreiheit, für die Becher als Kultusminister der DDR große Mitschuld hatte. Er hat Künstler in der DDR sogar in den Tod getrieben, die vorher von den Nazis als entartet stigmatisiert waren. Diese Mitverantwortung wird verschwiegen, auch auf dem Bad Uracher Poesieweg. Darauf möchte ich aufmerksam machen. Ich war mit meinem Berliner Verleger Michael Fischer an Bechers Grab auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof in Berlin, und da kam mir die Idee zu dem Gedicht. Dort liegen auch Bertold Brecht und Anna Seghers, ganz in seiner Nähe: ein Ort, der zum Kontemplieren und Sinnieren einlädt.

Was sind die nächsten Vorhaben des Autors Walther?

Ich denke, dass diesen Sommer mein Roman fertig wird, an dem ich seit zehn Jahren schreibe, und auch das Literaturprojekt zugetextet geht weiter, die nächsten Wettbewerbe sind schon ausgeschrieben.

Werner Theis lebt in Metzingen und ist Inhaber eines IT-Dienstleistungsunternehmens.
Unter dem Pseudonym Walther betreibt er den Literaturblog „zugetextet.com“ und gibt eine gleichnamige Zeitschrift heraus, das „Feuilleton für Poesie-Sprache-Streit-Kultur“. Zudem nimmt er immer wieder an Wettbewerben teil und hat schon mehrere Bücher veröffentlicht. Die zwei Sonettebände „So nett gelebt“  sind im Arnshaugk-Verlag erschienen, ein dritter Band der Reihe folgt in Kürze.

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