Vom Reichtum durch das Ehrenamt

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Reiner Sauter empfiehlt allen, sich ehrenamtlich zu engagieren. Es bereichere das eigene Leben.  Foto: 

Das menschliche Miteinander braucht Grundsätze. Reiner Sauter, Seniorchef von Sauter-Feinmechanik und seit einigen Wochen Träger der Staufermedaille des Landes Baden-Württemberg, hat für sich einige Regeln aufgestellt. An die hält er sich, denn sie erleichtern ihm das Navigieren über diesen Ozean namens Leben. Toleranz und Verantwortung gehören dazu, aber auch Fürsorge für jene, die es aus eigener Kraft nicht schaffen, zu guten Lebensverhältnissen zu kommen.

Wir sprachen mit dem 75-Jährigen über Ehrenamt, Wirtschafts-Ethik, Donald Trump, die AfD und seinen acht Monate alten Mischlingshund sowie dessen hündischen Einfluss auf die Essgewohnheiten seines neuen Herrchens.

Herr Sauter, dieser Tage haben sie die Staufermedaille des Landes erhalten.

Reiner Sauter Es hat mich überrascht, als ich davon erfahren habe. Jetzt habe ich eine Urkunde von Herrn Kretschmann zu Hause. Das ist schön.

Liegt der Ministerpräsident als Grünen-Politiker politisch auf Ihrer Wellenlänge?

Sauter Ich habe gegen keinen Menschen etwas, solange er tolerant ist und seine Arbeit macht. Das ist ein Grundsatz von mir.

Würden sie den Begriff Toleranz gerne ausweiten auf wirtschaftspolitische Liberalität?

Nein, ich verstehe es so, dass ich andere Personen achte, ich hänge niemandem einen üblen Namen an, auch wenn ich deren Meinung nicht teile. Wenn man sich so verhält, gibt’s auch keine großen Streitereien. Das ist heute mehr denn je wichtig, allein schon wegen des Zustroms von Menschen aus anderen Kulturkreisen. In dieser Hinsicht haben wir Älteren schon mal etwas falsch gemacht. Ich bin 1942 geboren und habe die Zeit erlebt, in der Flüchtlinge aus den Ostgebieten nach Württemberg kamen. Wir nannten sie abwertend „Flichtling“. Das war unkorrekt. Es ist arrogant, wenn man sich erhebt über andere Menschen.

Die Gesellschaft scheint mit der neuen Zuwanderungswelle überfordert, teilweise auch gespalten.

Das ist auch nachvollziehbar. Kann Deutschland die ganze Welt aufnehmen? Sicher nicht, aber wo man helfen kann, muss man dies tun.

In Metzingen haben sich schnell Helfer gefunden, die die Ankunft der Asylsuchenden in ordentliche Bahnen gelenkt haben.

Metzingen ist in mancherlei Hinsicht ein gutes Beispiel. Das kann man auch an der Entwicklung der Industrie ablesen. Braike-Wangen etwa. Da geht der Platz bald aus, aber es hat nicht ein einzelnes Großunternehmen gebaut, sondern viele Kleinere und Mittlere. So eine Entwicklung ist einfach gesünder. Wenn es um Wirtschaftspolitik geht, sollte man es machen wie die Förster mit dem Wald. Dort arbeitet man mit Zehnjahresplänen. Auch nachfolgende Generationen wollen noch Grundstücke vergeben können.

Was sagen Sie als Seniorchef eines Maschinenbau-Unternehmens zur Entwicklung in den USA. Machen Sie sich keine Sorgen wegen der von Trump geplanten Einfuhrzölle?

Nein, Sorge ist zu viel gesagt. Ich lese, was Herr Trump von sich gibt. Ich denke, der Brei wird nicht so heiß gegessen, wie er gekocht wird. Es kann ja nicht sein, dass mit einem Federstrich alle bilateralen Abkommen zwischen den USA und Deutschland zerstört werden. Trump wird schnell bemerken, dass der ungehinderte, weltweite Handel das Beste ist, um Nationen voran zu bringen.

Das hört sich jetzt aber doch nach neoliberaler Deregulierung an.

Ich schränke es ein, auch angesichts des Leides in der Dritten Welt. Freier Handel reicht nicht, wir brauchen freien sozialen Handel. So liberal bin ich nun auch wieder nicht, eher sozialliberal. Mit sozialer Verantwortung.

Was waren Sie für eine Art Chef in Ihrem Unternehmen? Auch sozial?

In einem Unternehmen beginnen die Zwänge zu wirken. Die Kundschaft zahlt nicht jeden Preis, andererseits haben wir ein bestimmtes Kostenniveau. Da muss man auch manchmal unpopuläre Maßnahmen treffen. Wir waren lange ein Einschicht-Betrieb, dann haben wir teure CNC-Maschinen gekauft. Die amortisieren sich aber nur über eine Erhöhung der Maschinenlaufzeit, also haben wir auf Zweischicht-Betrieb umgestellt. Das hat nicht jedem gefallen. Als Chef bin ich dann sozial, wenn ich den Betrieb und die Arbeitsplätze in der vorhandenen Größe erhalten kann. Das gelingt nicht immer, viele lassen inzwischen im Ausland produzieren.

Als unsozial wird auch die mitunter ungleiche Verteilung der Unternehmergewinne angesehen. Und dass Fußball-Bundesligaspieler am Tag mehr verdienen als manche Arbeitnehmer im Jahr: Wer soll das begreifen?

Solche Entwicklungen nehme ich auch mit Bedauern zur Kenntnis. Die Geringverdiener nehmen zu, der Mittelstand wird geringer. Nach Köpfen gerechnet haben wir ja die höchste Beschäftigung jemals, aber nach Stunden nicht. Teilzeitbeschäftige gibt es immer mehr, was ja auch nicht schlecht ist. Wenn eine Familie ein Haus bauen möchte, reicht ein Verdienst nicht aus, ein zusätzlicher Vollzeitjob aber wäre mit der Familie kaum vereinbar.

Hatten Sie auch als junger Mann diese liberale Gesinnung?

Nein, das ist eine Entwicklung, die ich durchgemacht habe. Ich halte mich da an den christlichen Glauben: Wer mehr hat, soll denen helfen, die weniger haben. Je älter ich werde, desto klarer wird mir, dass sich die Gesellschaft dann am besten entwickelt, wenn nach diesen Prinzipien gehandelt wird.

Religion wird mehr und mehr zum Spielball politischer Interessen. Sehen sie das mit Sorge?

Die Erde ist groß, es gibt viele Milliarden Menschen. Wir können nicht sagen, die allein Seligen zu sein. Wir haben die Weisheit nicht mit Löffeln gefressen. Soll doch jeder glauben, an was oder wen er möchte, solange er tolerant ist. Der Staat ist allerdings dann gefordert, wenn eine Minderheit der schweigenden Mehrheit ihren Willen aufsetzt.

Hätten Sie sich vor wenigen Jahren die AfD vorstellen können?

Nein, das ist meines Erachtens nach auch nur eine vorübergehende Erscheinung. Sie nimmt das Unbehagen vieler auf und artikuliert es. Für die etablierten Parteien kommt es nun darauf an, diese Herausforderung anzunehmen. Sie müssen die Menschen mitnehmen, auch die, die auf der Schattenseite stehen. Egal, ob es Flüchtlinge oder Einheimische sind. Man muss denjenigen helfen, die es aus eigener Kraft nicht schaffen, zu guten Lebensverhältnissen zu kommen.

Wenn sie jetzt die Wahl hätten, ein Ehrenamt anzutreten, für welches würden Sie sich entscheiden?

Da spielen oft Zufälle eine Rolle. Oft wird man aus dem Bekanntenkreis gefragt, ob man nicht hier oder dort mithelfen möchte. Man muss es nur tun. Man bekommt dafür zwar kein Geld, hat aber ein gutes Gefühl. Es ist viel wert, wenn man in der Gemeinschaft anerkannt wird.

Sie sind seit wenigen Monaten mit einem jungen Hund unterwegs. Macht er Ihnen Spaß?

Meine Frau wollte schon immer einen Hund. Welche Lebensfreude der hat! Es ist einfach schön, ihm zuzuschauen, wie er rennt und tobt. So ein Hund vermittelt einem, dass sich Tiere und Menschen sehr nahe sind. Trauer, Fröhlichkeit, Begeisterung und Eifersucht: All das teilt der Hund mit dem Menschen. Ja, so ein Hund: Wenn der einem die Schnauze auf den Schenkel legt und einen anschaut!

Andere Tiere essen wir, ohne einen Gedanken daran zu verschwenden.

Da sollte man Mittelmaß walten lassen. Zu einer ausgewogenen Ernährung gehört auch Fleisch. Aber aus artgerechter Haltung. Und es muss auch nicht jeden Tag Fleisch sein. Es ist wichtig, mit Mensch und Tier verantwortungsvoll umzugehen.

Im Rahmen des Neujahrsempfangs wurde Reiner Sauter kürzlich die Staufermedaille verliehen. Die Staufermedaille ist eine besondere, persönliche Auszeichnung des Ministerpräsidenten für Verdienste um das Land Baden-Württemberg. Sie wird seit 1977 verliehen. Reiner Sauter, Seniorchef der Firma Sauter Feinmechanik Metzingen, war lange Jahre Gemeinderat für die FWV in Metzingen und Kreisrat im Reutlinger Gremium. Außerdem ist er stellvertretender Vorsitzender der Metzinger Arbeits-Initiative MAI.

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