Vom einsamen Marsch ins Winterquartier

Die Kühe der Familie Seiz sind im Stall. Das wäre nichts Ungewöhnliches, wäre in den Vorjahren zu diesem Anlass nicht der Glemser Almabtrieb groß gefeiert worden. Doch das Fest ist heuer ausgefallen. Warum?

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Ein Bild aus früheren Tagen: In diesem Jahr mussten die Kühe ohne Begleittross in Richtung Stall. Foto: Archiv

Am Morgen des vergangenen Almabtriebes ist eine Dame an der Glemser Schuppenanlage Eselsohr erschienen, wo später der Almabtrieb gefeiert werden sollte. Die Tiere waren zu diesem Zeitpunkt, gefolgt von vielen Schaulustigen, noch auf dem Marsch von ihrer Sommerweide ins Winterquartier.

Die Frau war vom Kreisveterinär- und Lebensmittelüberwachungsamt des Landratsamtes Reutlingen, in dem der einstige "WKD" aufgegangen ist. Sie stellte mehrere Mängel fest, die sich an der abgelegenen Schuppenanlage nicht so einfach beheben lassen. Am schwierigsten dürfte dabei die Beschaffung von fließend kaltem und warmen Wasser fallen. Dieses muss im Bereich der Essensausgabe sowohl zum Hände waschen als auch zum Geschirr spülen zur Verfügung stehen.

"Wir haben getan, was unter den örtlichen Gegebenheiten machbar ist", sind Alfred Seiz und seine Frau Tanja noch immer enttäuscht über die Abfuhr vom Amt. Das Geschirr sei mit heißem Wasser vom Gaskocher gespült worden, kaltes Wasser habe aus lebensmittelgerechten Kannen zur Verfügung gestanden, "aber eben nicht fließend", wie Alfred Seiz erklärt. "Es ist ja nicht so, dass wir nichts getan hätten und unser Geschirr mit kaltem Wasser gespült oder die Roten mit der Hand umgedreht haben." Aber aus Sicht des Amtes haben die Hygieneschutzvorkehrungen offensichtlich nicht ausgereicht. Gegen die Dame selbst könnten sie freilich nichts sagen, "sie hat ihre Vorschriften und prüft, ob die eingehalten werden", so Alfred Seiz. "Die Motivation ist aber dahin", gesteht seine Frau.

Was niemand mehr bedauert als das Seiz-Ehepaar selbst. Die Idee, die hinter dem Fest einst stand, sei es eigentlich wert, den Almabtrieb groß zu feiern. Erst war es ein reines Helferfest gewesen, dann brachten die Helfer wieder Freunde und Angehörige mit und schließlich saßen so viele Leute im oder am Stall, dass daraus schließlich ein öffentliches Fest entstanden ist. Immerhin war es 2011 schon die zehnte Auflage. Besonders Kinder hatten sich an der Nähe zu den Tieren erfreut.

Auch dieses Jahr gab es schon wieder zahlreiche Anfragen nach dem Almabtrieb und entsprechend viele enttäuschte Gesichter, als die Absage verkündet wurde. Eine Gruppe aus Stuttgart wollte "in Busstärke" nach Glems reisen, nachdem man im Vorjahr noch zufällig an dem Fest in Glems vorbei kam.

"Doch", so das Resümee der Familie Seiz, "der Aufwand, um die Vorgaben einzuhalten, ist einfach zu groß." Kühlschränke, Spuckschutz und sonstige Vorgaben ließen sich machen, aber die Angelegenheit mit dem fließenden Wasser sei schwierig.

Endgültig begraben wollen Seiz den Almabtrieb aber nicht. Nach einem Jahr der schöpferischen Pause und "etlichen freien Tagen", die man wegen der Organisation in den Vorjahren nicht gehabt habe, wolle man sich demnächst mit dem Helferteam zusammen setzen, um zu beraten, ob man 2013 nicht doch nochmal einen Anlauf wagen sollte. "Dann aber", so Alfred Seiz, "werden wir uns vom ersten Tag der Planung an mit dem Amt in Verbindung setzen, um nachher nicht wieder eine Überraschung zu erleben."

Den Kühen jedenfalls, um die es ursprünglich bei dem Fest gehen sollte, haben am vergangenen Wochenende ihren Marsch ohne Zuschauer absolviert. "Manche waren richtig verwirrt und wollten gar nicht in den Stall", so Seiz. Ihnen habe wohl die Anfeuerung der zahlreichen Zuschauer gefehlt. Letztlich sind sie aber wohlbehalten im Stall angekommen.

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