Und wo bleibt die Moral?

Stets politisch, klug austariert zwischen Polemik, Witz und satirischem Humor: Im Neuhäuser Bindhof stellte Frank Lüdecke "Die Kunst des Nehmens" vor.

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Frank Lüdecke, politischer Kabarettist, im Bindhof Neuhausen. Foto: Spiess

Was kann einem Kabarettisten Besseres passieren als schlechte Zeiten. Denn die liefern reichlich Stoff und gute Vorlagen für sein Programm. So gesehen, geht es Frank Lüdecke derzeit ziemlich gut - angesichts von Finanzkrise, Eurobonds oder Schuldenerlass. Der Abend im Neuhäuser Bindhof ist ausverkauft. Und Frank Lüdeckes Programm "Die Kunst des Nehmens" ist durchaus etwas Besonderes. Gitarre spielend betritt der Berliner Kabarettist und Kleinkunstpreisträger die Bühne und beginnt ohne Umschweife zu erläutern, weshalb Egoismus wichtig für unsere Persönlichkeit ist und warum Ex-Präsident Wulff eigentlich nichts falsch gemacht hat: "Stellen Sie sich vor, Sie hätten ein Auto gekauft und, vier Jahre später stellt sich heraus, dass Ihr Nachbar das Auto einfach so bezahlt hat - da können Sie doch nichts dafür!"

Um die Themen Egoismus, Moral, Politik und Bankenkrise rankt sich sein Programm, ein Mix aus pointierter Provokation, bissiger Satire und liedermacher-ähnlichen Gesangs- und Gitarreneinlagen. Guttenberg, Wulff, Merkel, Steinbrück: Genüsslich pinkelt der 50-jährige Berliner der Obrigkeit ans Bein, spinnt die Fäden von der Reformationszeit bis hin zu Horst Seehofer: "Martin Luther, der Typ der damals die Agenda 1517 an die Tür genagelt hat, wäre heute sicher Integrationsberater in Bayern." Den Kanzlerkandidaten Peer Steinbrück bezeichnet er als "sprechenden Taschenrechner aus NRW", Charles Darwin als "früheren Generalsekretär der FDP" und sich selbst als "Frauenversteher" und "Mutter Teresa unter den Kabarettisten".

Hintergründig erhält der scheinbare Schwachsinn bei ihm Tiefsinn. Etwa, wenn er sich fragt: "Weshalb muss ich mit meinen Steuergeldern eigentlich ein anderes Land vor der Pleite retten?" Oder wenn er die Vorzüge egoistischer Selbstbedienung und deren Gegenmodelle aufzeigt. Dann springt er in einem Atemzug von Jesus Christus zu Robin Hood, vom Fliesenleger zum Hartz-IV-Empfänger. Dann erklärt er, weshalb die meisten Finanzmanager eigentlich nur einen Gendefekt haben und weshalb "kriminelle Investmentbanker kein Fall für die Staatsanwaltschaft sind, sondern für die AOK". Mit viel Tempo und dem für ihn so typischen Habitus beweist Lüdecke einmal mehr, warum er zu den bedeutendsten Vertretern seines Genres zählt. "Die Kunst des Nehmens" ist ein irrwitziger Exkurs durch die Höhen und Tiefen des politischen Alltags, ein Höllentrip durch globalisierungsverseuchte Wirtschafts- und Finanzmärkte.

Und wo bleibt die Moral? Lüdecke erklärt den Wertewandel so: "Seit 1918 haben wir in Deutschland die Trennung von Staat und Kirche, seit 1989 die von Moral und Wirtschaft." Frank Lüdeckes Mischung aus Vortrag, Witz und Liedern kommt an. Nichts geht eben über geistvoll und hintergründig verspielte Text- und Musiksequenzen. Denn - Moral hin oder her - das Ohr transportiert den Sinn auch durch Klang.

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