Über Metzingens jüngsten Baustellenfan

Er kommt jeden Tag. Zuverlässig wie eine Schweizer Uhr, pünktlich wie die Maurer. Der kleine Lukas braucht seine tägliche Dosis "Baustelle". Die bekommt er in Metzingens Stadtmitte.

|
Da stehen sie und bestaunen die Baustelle: Nadine Spichal und ihr kleiner Sohn Lukas, der vielleicht Metzingens jüngster Baustellenfan ist.  Foto: 

Was mag das für ein kleiner Junge sein? Jeden Tag kommt er in Begleitung einer hübschen jungen Frau und versucht, über den Metallzaun zu blicken, der rings um die Stadtapotheke eigentlich Unbefugte fernhalten soll von Presslufthämmern und riesigen Steinsägen mit Sägeblättern groß wie Wagenräder.

Schweigend, so scheint es aus der Ferne, beobachtet der Kleine, was die Männer jenseits des Zauns tun. Schweigend und staunend.

Und da ist seine Begleiterin. Eigentlich kann sie ja nur seine Mutter sein. Oder die große Schwester? Nein, das täuscht, sagt sie. Natürlich ist sie seine Mama. 27 Jahre alt schon, "aber viele sagen, ich sehe jünger aus." Sie hat alles dabei, was ein kleiner Baustellenbeobachter benötigt. Etwas zu trinken etwa, wenn er durstig wird in diesen Altweibersommernachmittagen mit Temperaturen über 20 Grad.

Es hat für die, die aus der Ferne das Beobachten beobachten etwas geradezu Meditatives. Der Junge, wie er die Zeit vergisst, seine Mutter, wie sie ihn darin gewähren lässt, in einer Welt, die noch früh genug ungemütlich hektisch wird.

Er heißt Lukas. Das ist ein schöner Name, und für einen Jungen, der sich für Werkzeuge interessiert, eigentlich wie gemacht. Zu Hause hat er auch Werkzeuge. Und Baustellenfahrzeuge. "Hauptsächlich Bagger", sagt er. Und Laster. Und einen Kran, "aber der ist kaputt." Nicht wie der große Kran, der über Metzingens Dächer weithin sichtbar ist und ganz laut piept, wenn er eine Last über die Köpfe der Männer hievt. Der kleine Lukas ist fünf Jahre alt, was für ihn mit einem kleinen Ärgernis verbunden ist. Er ist Kindergartenkind. Der Kindergarten ist ja eine feine Sache, aber er muss jetzt wieder jeden Tag da hin, jetzt, da die Ferien vorbei sind. Und jetzt, ausgerechnet jetzt, da es auf der Baustelle so viel zu sehen gibt. Er kann es kaum erwarten, bis ihn seine Mama pünktlich um vier Uhr nachmittags abholt. Dann geht es schnurstracks auf die Baustelle.

Später, wenn er groß ist, möchte Lukas Kranfahrer werden. Nicht, weil der Papa Zimmermann ist und der Stiefvater ebenfalls Bauarbeiter. Nein, damit hat es gar nichts zu tun. Es ist, "weil ich ein Junge bin."

Und so stehen Lukas und seine Mama Nadine Spichal jeden Tag am Baustellenzaun. Er muss sich schon fürchterlich recken, manchmal geht es gar nicht anders, dann steigt er mit einem Fuß auf eine Aussparung im Zaun, um sich größer zu machen. Aber das tut weh.

Auf der anderen Seite des Zauns warten die Männer jeden Tag auf ihre beiden Zuschauer. "Ich glaube, die freuen sich, wenn wir kommen", sagt Nadine. So ist es bestimmt. Ganz bestimmt sogar, denn ein Mal durfte Lukas den großen Kran bedienen. Mit der Handsteuerung. Das war toll, sagt er.

Das schönste Geschenk aber haben ihm die Männer aus einigen Brettern gemacht. Sie haben gesehen, wie er sich strecken musste, schließlich hat einer der Bauarbeiter zu ihm gesagt: "Warte, ich bau dir jetzt ein Schemele." Das war nett. Auf dem Schemel steht er jetzt ganz bequem. Und die Zeit verfließt in Spätsommernachmittage.

Abonnieren Sie das kostenlose Morning-Briefing aus der Chefredaktion
Damit starten Sie top informiert in den Tag. Außerdem im Newsletter: Die Wettervorhersage und die aktuelle Verkehrslage in der Region.
» zur Registrierung

Noch kein Kommentar

Schreiben Sie Ihren eigenen Kommentar

noch 3000 Zeichen
Mit Ihrem Kommentar akzeptieren Sie unsere Netiquette

Für registrierte Nutzer

Melden Sie sich an und schicken Sie Ihren Kommentar ab:

Für noch nicht registrierte Nutzer

Registrieren Sie sich kostenlos, um Ihren Kommentar abzuschicken:

Ich bin damit einverstanden, dass die Neue Pressegesellschaft mbH & Co. KG und ihre Tochterunternehmen mich schriftlich (per E-Mail oder Brief) oder telefonisch über ihre Medienangebote und kostenlose Veranstaltungen informieren dürfen. Meine Daten dürfen zu diesem Zweck gemäß den Bestimmungen des BDSG gespeichert, verarbeitet und genutzt werden. Die Einwilligung kann ich jederzeit widerrufen.
Ich bin mit den Datenschutzbestimmungen einverstanden. *

Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:

neu laden
Content Management by InterRed GmbH Logo
weiter zur Startseite

Gesucht: Ideen und Investoren

Die Stadt will das Areal rund um den Ulrichsturm neu gestalten. Am Montag startet deswegen ein Architekten- und Investorenwettbewerb. weiter lesen