Tuckernde Stars

Das neunte Einachsertreffen mit Holder-Schleppern am Obstbaumuseum Glems glänzte mit tuckernden Raritäten. Ein Anblick, der auch Laien begeistert.

|
Hans-Jürgen Decker hat das Geburtstagsgeschenk an sich selbst seiner Sonja gewidmet.  Foto: 

Das mausgraue Nachkriesgsmodell mit der Vorkriegstechnik von FAWI (Fahrzeugbau Widmann aus Waiblingen) und seinem Zehn-PS-wassergekühlten Dieselmotor von Farymann war ein echter Hingucker des diesjährigen Deichselreiter-Treffens in Glems. Denn davon wurden lediglich 50 Stück gebaut. 20 davon befinden sich in Liebhaberhand. Einer ackert bei Hobbylandwirt Sebastian Schill aus Dettingen: "Mein Vater hat den vor 20 Jahren von der Wiese weg mit Moos belegt gekauft. Statt eines Unimogs. Ich sollte erst mal klein anfangen."

Das System ist zusammengebaut aus alten Militärfahrzeugen: Die Achse stammt vom Borgward-LKW, die Kupplung aus dem DKW-Motorrad. Wenn es bei den Schills heute zur Arbeit auf den halben Hektar Streuobstwiese geht, ist auch die nächste Generation mit Feuereifer dabei. Jakob (8) und Daniel (5) stecken die Köpfe unter der aufgeklappten Motorhaube zusammen, wann immer Vater und Opa in die Werkzeugkiste greifen.

Die großen Holder-Einachser haben heute noch den Beinamen "Leuteschinder", weil alle Lenkmanöver mit dem Körper nachvollzogen werden mussten, unter ständiger Motoren-Vibration. Trotzdem geht dem liebevollen Sammler nichts über eine Technik, "die so einfach ist, dass jeder durchblickt". Was für andere und inzwischen auch zunehmend für jüngere Hobbyschrauber gilt: Die unkaputtbaren Arbeitstiere - teils aus dem Sperrmüll gerettet - tun regelmäßig ihre Arbeit wie geschmiert. "Der steht das ganze Jahr über im Schopf. Man startet, fährt weg. Dann vergisst man ihn wieder", erklärt Hans-Jürgen Decker aus Walddorfhäslach zum Erbstück von seinem Großvater, das gleichzeitig ackern und mähen kann. Mit seinem Zweiachser-Holder-Bauernschlepper, Baujahr 1957 mit Zehn-PS-Sachs-Motor, hat er am frühen Morgen den Hänger mit einer weiteren Rarität über Schleichwege Richtung Glems manövriert: Ein Holder A 12, Baujahr 1958 mit zwölf PS und Geräte-Hydraulik.

"Der wird nächstes Jahr so alt wie der Fahrer: 60", erzählt Decker, "den habe ich mir zum Geburtstag gegönnt." Übers Internet ersteigert, "viel zu teuer", sagt der Holderfan, "entweder willsch's oder net". "Einer der ersten, die in den Weinberg gekräpselt sind", ergänzt ein Holder-Mitarbeiter. "Theoretisch kann der sogar Holz spalten", weiß ein interessierter Beobachter. Sobald das Allrad-Gefährt betriebsbereit ist, soll es im Wald auf Herz, Nieren und Vielseitigkeit getestet werden. "Ein Holder geht durch dick und dünn", zitiert ein Glemser Veteran, "da trifft der alte Werbespruch wieder zu." Besonders leicht sei es für Ungeübte, den Knicklenker mit doppelseitiger Werkzeug-Verankerung (zum Pflügen auf dem Rückweg) beim platzsparenden Wendemanöver aufs Kreuz zu legen. "Kommt vor", meinen die Spezialisten mit wissendem Kopfnicken.

Spekuliert wird in Glems weiter über die schillernde Figur des Motorenkonstrukteurs Christian Schaal, den der Metzinger Unternehmer Max Holder seinerzeit vom Waschmaschinenhersteller Zanker abgeworben haben soll. Die Holder-Patente wurden später an Sachs verkauft. Die einmalig schlaue Technik werde heute noch 1:1 von europäischen Herstellern kopiert. Das Traditionsunternehmen selbst hat nach wie vor seinen Sitz in Metzingen, mit knapp einem Fünftel der ursprünglichen Belegschaft für die Konstruktion und Montage der neuen Geräte-Generation.

Abonnieren Sie das kostenlose Morning-Briefing aus der Chefredaktion
Damit starten Sie top informiert in den Tag. Außerdem im Newsletter: Die Wettervorhersage und die aktuelle Verkehrslage in der Region.
» zur Registrierung

Noch kein Kommentar

Schreiben Sie Ihren eigenen Kommentar

noch 3000 Zeichen
Mit Ihrem Kommentar akzeptieren Sie unsere Netiquette

Für registrierte Nutzer

Melden Sie sich an und schicken Sie Ihren Kommentar ab:

Für noch nicht registrierte Nutzer

Registrieren Sie sich kostenlos, um Ihren Kommentar abzuschicken:

Ich bin damit einverstanden, dass die Neue Pressegesellschaft mbH & Co. KG und ihre Tochterunternehmen mich schriftlich (per E-Mail oder Brief) oder telefonisch über ihre Medienangebote und kostenlose Veranstaltungen informieren dürfen. Meine Daten dürfen zu diesem Zweck gemäß den Bestimmungen des BDSG gespeichert, verarbeitet und genutzt werden. Die Einwilligung kann ich jederzeit widerrufen.
Ich bin mit den Datenschutzbestimmungen einverstanden. *

Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:

neu laden
Content Management by InterRed GmbH Logo
weiter zur Startseite

Stadt will in Albthermen investieren

Auf die neue Sauna in den Albthermen soll ein modernisierter Ruheraum folgen. Der Rat diskutierte wer für die 450 000 Euro aufkommen muss. Von Simon Wagner weiter lesen