Teures Holz für guten Durchblick

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Architekt Sebastian Krieg erläutert die Funktionsweise der neuen Fenster.  Foto: 

Im Zeitalter von Kunststoff und Aluminium, Fassadendämmung, Photovoltaik und Solarzellen wirken altehrwürdige Holzfenster geradezu wie ein Anachronismus. Für Architekt Sebastian Krieg vom Büro „shoch3“ ist es das nicht. Er sieht darin einen Rückgriff auf etwas, das man schon lange kennt, insofern sieht er kein großes Risiko, Holzfenster in die mehr als 100 Jahre alte Sieben-Keltern-Schule einzusetzen. Das hat noch nicht mal etwas mit dem Denkmalschutz zu tun, „es ist einfach sinnvoll“.

Er bezieht sich dabei auf Erfahrungswerte. Einen Steinwurf von der Schule entfernt steht ein Paradebeispiel für die Tauglichkeit von Holzfenstern: In der alten Turn- und Festhalle wurden in den 80er Jahren welche eingebaut. Obwohl sie seitdem nie gewartet wurden, halten sie noch immer. Ein Indiz, dass Holz manchem modernen Werkstoff um Längen überlegen ist, wenn die Rahmenbedingungen passen.

860 000 Euro kosten die neuen Fenster. Das liegt einerseits an der schieren Zahl, die eingebaut wird. 235 Fensterelemente verteilt auf 14 verschiedene Fenstertypen, das läppert sich. Zumal die Maße betreffend kaum ein Fenster dem anderen gleicht. „Das war früher kein Problem“, beschreibt es Sebastian Krieg. Die Fenster wurden von Handwerkern manuell hergestellt und eingebaut. Jeder hatte dabei seine eigene Technik. Wenn eines mal zwei Zentimeter breiter wurde, konnte man das beim Einbau ausgleichen. Mit solchen Sentimentalitäten am Bau ist’s vorbei, seit Fenster industriell zusammengebaut, und die Einzelteile auf CNC-Maschinen gesägt, gefräst oder genutet werden. Wenn Monteure jetzt am Bau nacharbeiten müssen, wird’s teuer.

Ein Prototyp wurde dieser Tage bereits eingesetzt und auf seine Tauglichkeit hin überprüft. Es gibt nicht viele Hersteller, sagt Architekt Krieg, die solche Fenster bauen können. Die am Wetterschenkel gefürchtete Fuge etwa, in der sich gern Nässe sammelt, gibt es gar nicht, weil die Rahmen nicht miteinander verleimt sind. „Das ist sehr aufwendig“, sagt Krieg über den Produktionsprozess, der althergebrachte Handwerkskunst mit moderner CNC-Technik vereint, „das können nicht viele.“

So sehr das Material als Reminiszenz an traditionelles Handwerk herhalten mag, so genügt die Technik an den Fenstern modernsten Anforderungen. Die Fenster bestehen aus vier Flügeln, von denen drei manuell bedient werden können. Schulkinder oder Lehrer können je nach Gusto die Flügel öffnen oder schließen. Ein Flügel indes bleibt der Geisterhand moderner Technik unterworfen. Der Schließmechanismus kann vom Hausmeister elektrisch per Taster gesteuert werden. Etwa, wenn er nach Schulschluss seine Runde macht und ein offenes Fenster entdeckt. Andere Möglichkeiten: Der Hausmeister programmiert die automatisch verstellbaren Flügel der Fenster so, dass sie vor Schulbeginn frische Luft in die Klassenzimmer lassen.

Denkbar wäre auch eine App-Variante, sagt Sebastian Krieg, möglicherweise verbunden mit einem Wetterdienst. Bei Gewitterwarnung sind dann die Schotten dicht. Im Bereich der Dachgaube der Schule ist eine kleine Wetterstation eingerichtet. Bei starkem Wind, bei Regen oder bei entsprechend niedrigen Temperaturen gehen die Fenster automatisch zu.

Dennoch haben sowohl die Kinder als auch die Lehrer die Möglichkeit, selbst für Frischluft zu sorgen. Die kurzschenkligen Fensterflügel machen’s möglich. Kein Vergleich mehr zu den einflügligen Fenstern, die früher weit in den Raum ragten und für manche Kopfbeule verantwortlich waren. „Vom historischen Vorbild“, räumt Sebastian Krieg ein, „sind wir weit weg.“

Neubau wäre wesentlich teurer

Eineinhalb Jahre dauert die Sanierung nun schon an. Weitere zweieinhalb Jahre gehen noch ins Land, ehe dann eine neue Generation Grundschüler in einem Gebäude unterrichtet wird, wie es nach heutigen Standards gar nicht mehr gebaut werden könnte. Die Räume aus damaliger Zeit sind beispielsweise größer und höher als heute üblich.

Mitunter hört Sebastian Krieg Kritik an der Sanierung. Ein Neubau wäre billiger gewesen als die zwölf Millionen Euro teure Sanierung, heißt es. Das aber stimmt nicht, bekräftigt der Architekt. Ein Neubau wäre unverhältnismäßig teurer.

Die Fenster waren und sind ein großes Thema. Doch die bautechnisch größten Herausforderungen sind andere Gewerke. Da galt es beispielsweise die Statik des Gebäudes auf Vordermann zu bringen. Um Decken zu stabilisieren mussten die Experten nachträglich Stahlträger einziehen. Auch die Hausschwamm-Sanierung hat Planer und Handwerker stark gefordert, ebenso der marode Dachstuhl, der mehr als nur neue Balken benötigt hat.

Für das Architekten-Büro „shoch3“ ist die Sanierung eine große Baustelle. Von zwölf Mitarbeitern arbeiten sechs ständig an diesem Projekt. „Wenn ich aber erlebe, wie viele Geschichten mir die Leute von der Vergangenheit dieses Gebäudes erzählen“, resümiert Sebastian Krieg, „wird mir klar, dass sich die Sanierung lohnt.“

neue Fensterelemente und 14 Fenstertypen aus Holz werden in die Sieben-Keltern-Schule eingebaut. Sie kosten 860 000 Euro und sind teilweise computergesteuert.

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