Sonst stirbt diese Landschaft

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    Lamm und Ostern passen thematisch zusammen, doch der Wanderschäferei drohen schwere Zeiten. Foto: 
  • Anette Wohlfarth ist Geschäftsführerin des Landesschafzuchtverbands, wohnt in Glems und isst nicht nur an Ostern Lammfleisch. 2/2
    Anette Wohlfarth ist Geschäftsführerin des Landesschafzuchtverbands, wohnt in Glems und isst nicht nur an Ostern Lammfleisch. Foto: 
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So könnte es in vielen Küchen am späten Ostermorgen aussehen: Im Backofen schmurgelt bei milden 100 Grad eine mit Senf überzogene, gesalzene und mit Kräutern eingeriebene Lammschulter von einem Schäfer aus der Region. Wer davon isst, huldigt einem österlichen Brauch und hilft indirekt, das über Jahrhunderte typisch gebliebene Landschaftsbild der Schwäbischen Alb und ihres Vorlands zu erhalten.

Schafe gelten als lebende Rasenmäher und verrichten ihren wertvollen Dienst auf Wacholderheiden und in Streuobstwiesen.

Die werden aber immer weniger, die Bedingungen für die Schäfer immer härter, sagt die Geschäftsführerin des Landesschafzuchtverbands, Anette Wohlfarth aus Glems. EU-Richtlinien machen das Leben nicht leichter, mitunter aber grenze die Umsetzung durch Landesbehörden an Bürokratie um der Bürokratie willen. Die Landschaftspflege müsse finanziell lukrativer für die Schäfer werden, fordert sie. Sonst droht das Ende der Schäferei.

Frau Wohlfarth, essen Sie zu Ostern einen Lammbraten?

Anette Wohlfarth Bei mir gibt es das ganze Jahr über Lamm. In allen Variationen. Ich komme aus einer Schäferfamilie, meine Schwester hat den elterlichen Betrieb übernommen, mein Bruder ist Wanderschäfer, und ich bin Geschäftsführerin beim Landesschafzuchtverband.

Bei Ihnen dreht sich also alles um die Schäferei. Waren sie auch mal beim Schäferlauf am Start?

Ja, ein paar Mal. Aber ich habe nie gewonnen.

Solche Traditionen sind die heitere, romantisierende Facette eines Gewerbes, dem es nicht mehr gut geht. Mit Wolle verdienen Schäfer kaum noch etwas, Lammfleisch essen viele nur an Ostern, allenfalls an Himmelfahrt beim Hammelessen auf Eppenzill, wenn der Musikverein Upfingen einlädt. Ist mit Fleisch noch Geld zu verdienen?

Am meisten verdienen Schäfer mit der Landschaftspflege. Damit erzielen sie 59 Prozent ihrer Einkünfte, 39 Prozent entfallen auf die Lämmerproduktion. Wobei sie die meisten Lämmer lebend verkaufen, dann verdienen Händler und Metzger auch noch daran.

Wäre eine regionale Vermarktung nicht lukrativer? Dann könnte der Gewinn bei den Schafzüchtern verbleiben.

Es ist paradox. Eigentlich ist die Direktvermarktung politisch gewollt. Alle sagen, kauft beim Erzeuger und unterstützt regionale Produkte. Aber die EU unterscheidet nicht zwischen kleinen Betrieben und Großschlachtereien. EU-Anforderungen an die Schlachtstätten können viele Schäfereibetriebe nicht mehr erfüllen. Schade. Immerhin gibt es eine große Handelskette, die Württemberger Lamm anbietet. Das sind die Lämmer, die nicht in den direkten Handel gelangt sind. Für unsere Betriebe ist das ein wichtiges Standbein.

Die Schäferei gehört in diese Gegend wie der Most und die dafür nötigen Obstbaumwiesen. Durchziehende Herden prägen das Landschaftsbild. Politiker singen regelmäßig das Hohelied auf diesen alten Berufsstand, dennoch klagen die Schäfer und sehen für sich kaum mehr eine Zukunft. Doch offenbar helfen alle Marketingstrategien nicht, um Lammfleisch einem größeren Kundenkreis schmackhaft zu machen.

Zumal die Muslime im Land liberaler werden, was die Ernährung anbelangt. Aber das eigentliche Problem ist die Bürokratie. Wenn ein Schäfer ein Stück Land pachtet und pflegt, gibt es dafür EU-Zahlungen, da diese Flächen in der Regel im Besitz der öffentlichen Hand sind. Die Pflege und Bewirtschaftungen sind an einige Bedingungen gebunden. Es muss sich beispielsweise um Flächen handeln, die als landwirtschaftliche Flächen anerkannt sind. Wacholderheiden, Obstbaumwiesen und Steilhänge werden da schon ganz genau geprüft, ob auch mindestens über 51 Prozent Grasanteil auf der Fläche vorhanden ist.

Davon gibt es doch genügend in dieser Region.

Schon, aber die Einhaltung der EU-Vorgaben werden von Bund und Land überprüft. Oft dauert es nach einem Pflegeeinsatz ein Jahr, bis der Schäfer sein Geld bekommt. Weil die Kontrolleure zentimetergenau nachmessen. Jeder Strauch und jeder Baum müssen herausgerechnet werden. Und wehe, ein Schäfer gibt bei der Antragstellung eine gewisse Quadratmeterzahl vor, inzwischen aber hat der Grundstückbesitzer dort eine Holzbeige aufgeschichtet und die Fläche verkleinert sich: Das kann für den Schäfer richtigen Ärger geben. Der Stundenlohn eines Schäfers liegt übrigens bei 6,38 Euro. Die eines angestellten Schäfers beim Mindestlohn.

Davon muss der Schäfer also sich und seinen Betrieb ernähren. Wie geht das?

Traditionell ziehen die Wanderschäfer  über den Winter ins Rheintal, nach Oberschwaben, an den Bodensee oder ins Remstal. Das sind tiefer gelegene Gegenden, da wird es nicht so kalt und es ermöglicht den Schäfern ohne Stall zu überwintern.

Ihr Bruder ist Wanderschäfer, wie verläuft sein Jahr?

Er überwintert im Remstal und zieht derzeit auf seine Weide nach Albstadt-Ebingen. Dabei kommt er auch durch Glems. Alle zehn Tage kommt jemand vom Kreisveterinäramt und kontrolliert den Zustand der Herde, zehn bis 15 Kilometer muss er jeden Tag wandern auf einer vom Landratsamt vorgeschriebenen Route. Aber es wird immer schwerer, eine Route zu finden.

Wegen des zunehmenden Straßenverkehrs?

Nein, weil es immer weniger Flächen gibt. Überall werden Mais und Raps für die Biogaserzeugung hochgezogen. Das typische Landschaftsbild verschwindet allmählich. Die intensive landwirtschaftliche Nutzung ist auch so ein Problem. Wenn drei Mal im Jahr gemäht wird, bleibt für die Tiere nichts mehr übrig. Wenn ein Bauer Gülle auf seiner Wiese ausbringt, war es das dann für die Schafe: Die fressen dann nichts mehr.

Statt Obstbaumwiesen bekommen wir also fast zwei Meter hohe Maiswände zu sehen oder Rapsfelder soweit das Auge reicht.

Das sollten sich die Menschen ruhig mal klar machen. Die Landschaft wird so nicht bleiben, wenn die Schäfer aufgeben müssen.

Wie viele Wanderschäfer gibt es noch im Land?

Keine 20 mehr. Hauptberufliche Schäfer gibt es 160, die ihre Tiere standortgebunden halten und in der Regel Ställe besitzen.

Welche politischen Ziele verfolgt der Landesschafzuchtverband?

Wir müssen aufwandsgerecht in der Landschaftspflege bezahlt werden. Ums Doppelte, um genau zu sein. Wir müssen politisch noch mehr Gehör finden. Es muss uns allen bewusst sein, dass wir alle durch die Pflege der Landschaft mit Schafen profitieren. Die Schäfer pflegen die Landschaft die sie lieben.

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