Schwätz mer über Moscht

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Horst Wahl und Wolfgang Dürr (v.l.) lassen sich ein Glas Most schmecken.  Foto: 

Wenn das volle Leben einer Streuobstwiese im Fass landet, kann daraus etwas Köstliches entstehen: Most. Vergorener Apfelsaft, der früher aus den Gewölbekellern ländlicher Gebiete heraus den Durst ganzer Dorfgemeinschaften löschte. In unterschiedlichen Verdünnungsgraden, sodass vom Kind bis zum Greis alle gleichermaßen zum kühlen Trunk greifen konnten. Bei der Mostprämierung am Mittwoch geht es im Waldhorn in Glems um jenes volkstümliche Getränk, das einen Großteil seiner einstigen Anhängerschaft verloren hat. Altersbedingt, denn die Jungen finden nur selten Zugang zum Getränk der Vorväter. Mit neuen Gärmethoden findet der Most allerdings neue Freunde. Der so genannte „Prickler“ etwa wird süffiger und leichter als das Original.

Herr Dürr, Herr Wahl, beim Most, sonst würde die Prämierung am Mittwoch keinen Sinn ergeben, kann man also feine Nuancen unterscheiden. Es gibt ein Leben für den Most zwischen den Extremen „schmeckt“ oder „schmeckt nicht.“

Horst Wahl Wir haben eine Skalierung von 1 bis 100. Die Jury achtet beispielsweise auf den Geschmack, die Farbe ...

Wolfgang Dürr ... und die Klarheit.

Wahl Ah, das ist ein ganz heikles Thema. Zu der Jahreszeit kann der Most noch gar nicht ganz klar sein. Es sei denn, jemand hat schon früh im September gemostet. Die Schlauen warten ohnehin bis Ende Oktober. Manche lassen das Obst sogar im Gras liegen bis November, dass zwei oder drei Frostnächte drübergehen.

Statt Eiswein gibt’s dann Eismost.

Wahl Das Obst ist einfach reifer und süßer, das ist gut für den Geschmack.

Das dürfte die Jüngeren freuen, von der Jugend freilich nicht zu reden, schließlich ist Most ein alkoholisches Getränk, das zudem im Ruf steht, hin und wieder räs zu sein.

Wahl Die jüngere Generation muss erst wieder an den Most herangeführt werden, das geht aber nur schwer mit traditionellen Mosten.

Gibt es auch weniger traditionelle Moste?

Wahl Viele veredeln ihre Moste, etwa mit Johannisbeeren, Kirschen, Quitten oder Holunder.

Wird Holunder nicht recht bitter?

Wahl Man kann Holundersaft oder Holunderblüten nehmen. Mit Blüten schmeckt er dann so ähnlich wie das Kultgetränk Hugo. Wer freilich alter Mosttrinker ist, hält das für ein Gesöff.

Dürr Das sehe ich auch bei den Führungen im Obstbaumuseum. Zu uns kommen in der Regel Obst- und Gartenbauvereine, Jahrgänge und ältere Leute von 60 bis 100 Jahre, so lange sie noch laufen können. Die wollen richtigen Most. Jedenfalls die Männer.

Und die Frauen?

Dürr Denen bieten wir unseren tollen Prickler an.

Der Prickler ist eine abgeschwächte Variante vom Most?

Wahl Prickler ist Most, wird aber in einem Metalldruckfass gegärt. Der Unterschied zu Holz- oder Kunststofffässern besteht kurz gesagt darin, dass im Metalldruckfass der Most keine Chance bekommt, wesentlich mehr Alkoholgehalt als vielleicht 2,5 Prozent aufzubauen. Das liegt am ständig gleichbleibenden Druck von zehn bar, der nicht allein durch den Gärprozess entsteht, sondern durch den Druck von Kohlensäure, mit der das Fass zu etwa 15 Prozent befüllt wird. Das bewirkt, dass auch bei geringer werdendem Füllstand der Druck gleich bleibt. denn immer dann, wenn sich jemand ein Glas Most aus dem Hahn rauslässt, wird weitere Kohlensäure reingepresst. Dadurch schmeckt der Most das ganze Jahr gleich und bleibt mild und süffig.

Wie viel Most haben Sie zu Hause?

Dürr Daheim hab ich gar nichts.

Wahl Zwei Mal 100 Liter und fünf Mal 50 Liter, also 450 Liter insgesamt.

Wie lange hält dieser Vorrat an?

Wahl Bis er getrunken ist. Aber ernsthaft: Most darf auch mal zwei Jahre alt werden.

Dürr Früher haben die Bauern immer mehr gemacht als nur für ein Jahr. Man wusste ja nie, wie die Ernte im nächsten Jahr werden wird.

Manche Weine gewinnen im Alter. Das gilt aber nicht für den Most.

Wahl Wir haben mal einen dreijährigen ausgeschenkt. Beim ersten Glas dachte ich mir, den kann man nicht trinken, „oder wie mer auf schwäbisch saga dät: Denn kosch ed saufa.“ Das zweite Glas hat aber dann gut geschmeckt.

Wer durch die Mostprämierung auf den Geschmack kommt und im Herbst selbst mosten möchte: Was muss der tun?

Wahl Wenn er eigenes Streuobst hat, kann er das bei uns abgeben und den Saft seines Obstes mitnehmen. Wer das nicht hat, sollte uns anrufen, wir besorgen ihm die entsprechende Menge Obst für seinen Most. Ein Fass muss jeder selbst mitbringen.

Was ist besser: Holz, Kunststoff oder Metall?

Wahl Holzfässer brauchen feuchte Gewölbekeller, sonst halten sie sich nicht. Anfängern würde ich ein Metalldruckfass empfehlen, das den Ablasshahn unten hat. Dann kann man es als Druckfass oder als normales Fass mit Gärspund verwenden.

Zu jedem nur erdenklichen Anlass gibt es auch den passenden Wein dazu. Wie verhält es sich mit dem Most?

Wahl Die Bauern tranken ihn früher immer dann, wenn sie Durst hatten. Most passt immer.

Dürr Most ist ja verdünnter Apfelwein. Damals wurde schon die Maische mit Wasser angesetzt, dann wurde der Most nicht so stark. Heute macht man es umgekehrt und gießt Wasser in den Most. Das ist ein wirklich erfrischendes Getränk, besser als Radler.

Wahl Most ist halt nicht salonfähig. Aber Wirtschaften ohne Most sollte man gar nicht besuchen.

In Hessen ist Most Kultgetränk.

Wahl Da heißt er ja auch Äppelwoi. Da dürfte kein großer Unterschied sein zu unserem Prickler. Der ist bei uns im Obstbaumuseum der Renner.

Kann man den auch kaufen?

Dürr Wir empfehlen es nicht, ihn in Flaschen zu verkaufen. Da verliert er nach dem Öffnen zu schnell an Qualität.

Wahl Wer Most trinken möchte, muss sich mit dem Streuobst in der Region identifizieren. Wer etwas Billiges trinken möchte, muss in den Supermarkt gehen.

Dürr Wir verkaufen 100-prozentigen Saft.

Wahl Wenn ich das Lumpenzeug im Supermarkt genauer anschaue, sind das oft gar keine Säfte, sondern Konzentrate. Vorne das Etikett ist halt nur Werbung, auf der Rückseite stehen dann kleingeschrieben die Inhaltsstoffe. Bei uns ist auch hinten drin, was vorne draufsteht.

Unter dem Motto: „Mei Obscht, mei Moschd“ führt der Förderverein Obstbaumuseum Glems Mittwoch, am 8. Februar, 19 Uhr, im Gasthof zum Waldhorn in Glems wieder eine Mostprämierung durch. Abgabe der Moste ist um 18 Uhr. Ab 18.45 Uhr werden keine Moste mehr angenommen. Zur Prämierung werden drei Gruppierungen zugelassen: 1. traditionelle Moste, voll ausgegoren im Holz-, Kunststoff- oder Metallfass (keine Druckmoste), Äpfel, Birnen, auch gemischt. 2. traditionelle Moste wie oben, jedoch mit Zutaten (Quitten, Beeren, Kirschen). 3. Druckmoste: Metallfass angegoren, ausgegoren, Äpfel, Birnen auch gemischt und Zutaten (Quitten, Beeren, Kirschen). Der Eintritt beinhaltet ein schwäbisches Vesper inklusive Getränke (Säfte und/oder Moste). Eingeladen sind alle Mosterzeuger aus nah und fern, auch solche die es werden wollen. Die Fachjury handelt nach der Devise: „kosten, prüfen, bewerten“.

Anmeldung bei bei Wolfgang Dürr unter ☎ (0 71 23) 1 56 53.

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