Schneckenschleim und Heilpflanzen

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Wolfgang Voelter beabsichtigt, sich allmählich aus der wissenschaftlichen Forschung zurückzuziehen. Um einige Themen wird er sich freilich weiter kümmern. Dem Produkt aus Schneckenschleim und dessen medizinischer Anwendung möchte er in Deutschland den Durchbruch verschaffen.  Foto: 

Der lange Arm des Professors reicht weit. Von New York bis Karachi, von den Philippinen bis nach Chile. Seine etwa 150 Doktoranden sind verteilt auf die ganze Welt, 30 von ihnen sind inzwischen ebenfalls Professoren und widmen sich den zwei großen Themen, die Wolfgang Voelter seit Jahrzehnten begleiten: Peptide und Proteine einerseits, Kohlenhydrate und Zucker andererseits. Der in Ludwigsburg aufgewachsene und in Tübingen lebende Voelter ist in Metzingen vor allem durch sein Engagement fürs Familien- und Bürgerzentrum bekannt, das er zusammen mit seinem Vetter Dr. Ulrich Völter im familieneigenen Pfleghof, dem ältesten Gebäude der Stadt, ermöglicht.

Aus „ö“ wird „oe“

Das „ö“ aus seinem Namen hat er längst durch ein im internationalen Sprachgebrauch geschmeidigeres „oe“ ersetzt, seine E-Mail-Adresse endet mit der Domäne „uni-tuebingen.de“. Das ist ein Tribut an die Wissenschaft, der sich Wolfgang Voelter mit dem Beginn des Chemie- und des Medizinstudiums 1956 verschrieben hat.

Promoviert hat er im Fach Chemie 1966, vier Jahre später hat er sich habilitiert, 1973 wurde er Universitätsprofessor. Etwa 800 Publikationen hat er verfasst, und von seinen mehr als zwei Dutzend Auszeichnungen erhielt er die vorerst letzte vor zwei Jahren: den Universitätspreis der Uni Tübingen. Vergangenes Jahr hat die Universität in Karachi (Pakistan) ein Gebäude nach ihm benannt, bereits 1997 wurde ihm das Bundesverdienstkreuzes am Bande verliehen.

Trophäen seines Lebens

Es sind die Trophäen aus Lehre und Forschung, die sein Leben begleiten, wie es ansonsten nur Gemälde und Graphiken vermögen, die er zusammen mit seiner Frau Dr. Heide Voelter seit den frühen 1960er Jahren gesammelt hat. Werke von Max Beckmann, Erich Heckel, Max Pechstein und Horst Janssen gehören dazu, um nur einige zu nennen. Wer heute beispielsweise einen Beckmann ersteigern möchte und nur vermögend ist, wird kaum den Zuschlag erhalten.

Den bislang teuersten Beckmann versteigerte das Auktionshaus Christie’s Ende Juni für umgerechnet 40,8 Millionen Euro. Als sich die Sammelleidenschaft für Kunst ins Leben der Voelters schlich, lagen die Dinge noch anders. Kürzlich erst hatte Prof. Voelter die Gelegenheit, weit auszuholen und die Sache mit der Kunst zu relativieren, sofern dies im Beckmann’schen Maßstab überhaupt möglich ist. In den frühen Jahren seiner Karriere schrieb er ein Buch über organische Experimentalchemie, das er im Laufe der folgenden Jahre mehr als 10 000 Mal verkaufen konnte. Die Einnahmen ermöglichten seiner Frau und ihm eine, wie sie es heute nennen, „gewisse Unabhängigkeit von unseren Elternhäusern“. So konnten sie den ersten Beckmann kaufen, „den wir lange abbezahlen mussten“.

Voelter erzählte diese Anekdote kürzlich während eines wissenschaftlichen Symposiums im Institut für Biochemie der Uni Tübingen, bei dem seine ehemaligen Doktoranden zusammenkamen, um ihm in Vorträgen über Peptide und Proteine nachträglich zu seinem 80. Geburtstag zu gratulieren. „Das“, so Voelter, „sollte eigentlich der Abschluss meiner wissenschaftlichen Karriere sein.“ Der Konjunktiv des Modalverbs „sollte“ deutet schon darauf hin: Das Ende ist noch nicht erreicht.

„Wolfgang, don’t give up“, gib nicht auf, das hat ihm schon Carl Djerassi mit auf den Weg gegeben. Bei dem mit 25 Ehrendoktortiteln hochdekorierten Professor, der als Entdecker der Antibaby-Pille gilt, hatte Voelter an der Uni Stanford in Texas eine Post-Doktorandenstelle. Er, Voelter, inzwischen selbst hoch angesehen, kann gar nicht aufgeben, auch mit 80 Jahren nicht. Vier wichtige Themen liegen nämlich noch auf dem Schreibtisch, wobei der Schreibtisch selbst eines der Themen ist: „Den muss ich unbedingt mal aufräumen“, sagt Wolfgang Voelter, „mal ein Fazit schreiben. Ein letztes Buch.“

Und da ist die Sache mit den Schnecken. Eine seiner Doktorandinnen forscht in Sofia (Bulgarien) mit Schneckenschleim. Der, respektive ein Extrakt daraus, soll durchaus heilsame Wirkung auf Verletzungen der Haut haben. Schwache Elektroschocks regen die Schnecken zur Schleimproduktion an. Ihnen selbst mache das nichts aus, der von ihnen produzierte Schleim indes kann Patienten helfen.

Die Menschen schwören darauf

Wolfgang Voelter hat das Institut in Sofia jahrelang finanziell unterstützt, mit Mitteln, die er von der Deutschen Forschungsgesellschaft erhalten hatte. Deswegen möchte er in Sachen Schneckenschleim noch etwas am Ball bleiben: Er möchte für dieses Produkt den Vertrieb in Deutschland aufbauen, was insbesondere dann lukrativ wird, wenn das Mittel nicht nur wie bislang nur verkauft werden darf, sondern als Medikament zugelassen ist und von den Ärzten verschrieben werden kann. Das ist in Bulgarien schon möglich, sagt Voelter: „Dort gibt es Menschen, die schwören darauf.“ Selbst bei großen Problemfällen wie offenen Beinen, unter denen Diabetiker oft leiden, hilft das Extrakt: „Es ist erstaunlich, wie sich die Wunde schließt.“ Seine Doktorandin hat sich mit der Produktion des Extraktes bereits selbstständig gemacht und beschäftigt 15 Mitarbeiter.

In Jordanien unterstützt er ein Projekt, bei dem es darum geht, aus Heilpflanzen bioaktive, antitumorale Substanzen herzustellen, also Medikamente für die Chemotherapie.

Und schließlich möchte der emeritierte Biochemiker noch die Entwicklung des Pfleghofs zum Familien- und Bürgerzentrum zusammen mit seinem Vetter beeinflussen. Ein Name freilich braucht das Ding, sagt er, und keine Abkürzung, die sich aus den Begriffen „Bürger“, Familien“ und „Zentrum“ ergibt, und die dem militärischen Sprachjargon zum Verwechseln ähnlich ist. Das hat der Pfleghof nicht verdient.

Zu den wichtigsten Auszeichnungen  des emeritierten Biochemikers Wolfgang Voelter gehören: Kneipp-Preis für die Strukturaufklärung von Naturstoffen (1983), Erich-Krieg-Preis für Metabolisierungstudien von Pharmaka (1984), Dr. Science honoris causa der Universität Karachi (1990), Sitara Award (1995), Bundesverdienstkreuz am Bande (1997), Hilal Award (2005), Ehrenplakette der Bulgarischen Akademie der Wissenschaft (2006) und der Universitätspreis der Uni Tübingen (2015).

Etwa 800 wissenschaftliche Publikationen auf dem Gebiet der Naturstoffchemie hat er von 1960 bis jetzt  verfasst.

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