Radseligkeit trotz Handicap

"Wind in den Haaren" ist ein Mentoren-Projekt, das gehbehinderte Mitbürger auf dem elektrifizierten Drahtesel wieder mitten ins Leben chauffiert.

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Den Rolli oder die Gehhilfe einfach am Gehsteig zurücklassen und gedanklich mit in die Pedale treten. Den Wind in den Haaren spüren, Sonne und Regen auf der Haut. So wie früher, als das selber noch ging und der Weg raus zum Gütle mit dem Drahtesel ein Klacks war, der Platz mit den vielen Erinnerungen immer erreichbar, der Weg zu den paar Tomaten vom Wochenmarkt einfach eine Lust. Dank Elektroantrieb kommen Fahrradverrückte heute fast überall hin - länger und ausdauernder. Bis irgendwann Schluss ist. Zunehmendes Alter ist nur ein Grund dafür.

Ein findiger Däne wollte einem befreundeten Rentner eine Freude machen: Er besorgte sich vor Ort eins der legendären Tansport-Velos (Christiania-Bike genannt) mit Ladefläche nach vorn und nahm den Senior einfach mit, als Fracht. Gemeinsam besuchten sie Plätze, tauschten Erinnerungen aus, entdeckten sich und Neues. Die fixe Idee wurde zur lieben Gewohnheit.

Die Aktion „Wind in den Haaren“ von der inzwischen auch in der Schweiz und in Berlin beheimateten Plattform „Radeln ohne Alter“ macht jetzt Schule in Metzingen: Bürger-Mentor Achim Gölz aus Riederich, wissenschaftlicher Mitarbeiter beim Fraunhofer Institut in Stuttgart-Vaihingen, hatte sich eigens in der Tübinger Werkstätte „Radstall“ eine Vorne-Rikscha mit niedrigem Einstieg besorgt. Eine Handvoll Radfans sollten damit zum Diakonie-Festival die ersten Abenteuerlustigen durch die Gegend kutschieren.

Am Samstag nach der Mittagszeit rückten die Freiwilligen, die sich auf einen ersten Aufruf der Metzinger Mentoren gemeldet hatten, beim Seniorenzentrum Erms in der Siemensstraße an. „Es ist erstaunlich gut gelaufen. Die gefahren sind, fanden es sehr gut. Die Touren gingen Richtung Kelternplatz, zum Rathaus und zum Lindenplatz. Zu sehen gibt’s genug“, sagte Achim Gölz, „die schwäbische Mentalität hat’s uns allerdings nicht ganz leicht gemacht: Die Älteren hatten alle Ausreden. Ich denke, die hatten einfach Angst, dass sie da vorne auf dem Präsentierteller sitzen.“

Am Festsonntag auf dem Kelternplatz musste der verdecklose Testlauf allerdings wegen starken Regens abgesagt werden. Die Leidtragenden waren die Fahrgäste vom Seniorenheim des Diakonissenrings und die Besucher des Festivals.

„Wir zielen auf ein nachhaltiges Projekt“, erklärt Bürgermentor Achim Gölz, „dazu gibt’s noch viele Gedankenspiele“. Die nächste Sitzung der Mentoren ist am Donnerstag. Da steht die Idee wieder auf der Agenda. Gölz: „Es lohnt sich, weiter daran zu arbeiten. Der Probelauf hat uns bestärkt. Da gibt es noch viel zu diskutieren“.

Etwa die Beschaffungskosten für das Spezial-E-Bike, das 5.000 Euro kostet. Achim Gölz ist nach einer Krankheit selbst gehbehindert und nach wie vor radbegeistert. Wichtig ist ihm, dass „Wind in den Haaren“ beiden Seiten Spaß macht. Nur so werden aus zufälligen Begegnungen vielleicht Stammkunden und beste Freunde.

Auf dem Diakonie-Festival zur Initiative befragt gab’s bei Metzingens Oberbürgermeister keinerlei Umschweife: „Großartig. Ich find’s klasse!“ so Dr. Ulrich Fiedler, „die Bürgermentoren sind angetreten, Ideen zu finden, die auf einen Bedarf treffen und bei denen sie sich selbst verwirklichen können. Beides wird bei diesem Projekt zutreffen. Ich bin der festen Überzeugung, dass das gut ankommt.“

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