Plan B immer in der Hinterhand

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    Laura Siegemund ist bei der Wortwahl so treffsicher wie mit dem Tennisschläger. Foto: 
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    Im Gespräch mit unserer Zeitung gibt sich die Profi-Tennisspielerin intelligent und selbstbewusst, vor allem aber natürlich, bodenständig und heimatverbunden. Foto: 
  • Unser Bild zeigt von rechts: Geschäftsführer Thomas Scherf-Clavel, Laura Siegemund, Verkaufsleiter Tim Hager und Redaktionsleiter Peter Kiedaisch. 4/4
    Unser Bild zeigt von rechts: Geschäftsführer Thomas Scherf-Clavel, Laura Siegemund, Verkaufsleiter Tim Hager und Redaktionsleiter Peter Kiedaisch. Foto: 
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Täglich fünf bis sechs Stunden Reha in der Klinik sollen Laura Siegemund nach ihrem Kreuzbandriss zurückbringen auf die Tenniscourts dieser Welt. Kräftigungsübungen, Physiotherapie, Dehnungen, daraus besteht ihr derzeitiges Sportprogramm. Aber es tut weh. Wer von einer derlei schweren Verletzung rasch genesen möchte, sagt sie, „muss an die Schmerzgrenze gehen“. Und darüber hinaus. Diese Grenze, von der sie im Gespräch mit unserer Zeitung erzählt, wird sie in den kommenden Wochen nicht nur täglich acht bis zehn Mal erreichen, sie wird sie auch überschreiten. Bis an den Moment, der auf einer in der Medizin üblichen Skala den obersten Wert einnimmt: die Zehn, die für den stärksten vorstellbaren Schmerz steht und nur wenig Freude bei jenen auslöst, die sich mit diesen Qualen auseinandersetzen müssen. Das gilt auch für ihre Trainer und Therapeuten: „Niemand fügt einem anderen gerne Schmerzen zu“, sagt sie.

Eigentlich könnte die 29-Jährige die Sache gelassen angehen. Dieses Jahr hat sie in Stuttgart den Porsche-Cup gewonnen, bei den Olympischen Spielen 2016 in Rio de Janeiro erreichte sie das Viertelfinale, bei den Australian Open schaffte sie es in die dritte Runde, zwischenzeitlich rangierte sie auf der Liste der Women’s Tennis Association (WTA) auf Platz 30 der Welt. Aber, sagt Laura Siegemund: „Ich sehe mich nicht nur als reine Tennisspielerin.“ Deswegen wirft sie ein gerissenes Kreuzband nicht aus der Bahn. Sie hat in der Hinterhand noch einen Plan B.

Der fußt auf ihrem Leben außerhalb der Tennisplätze dieser Welt und hat auch, aber nicht nur, mit ihrem abgeschlossenen Bachelor-Studium in Psychologie zu tun. Beratung und Coaching interessieren sie, und sie spricht gerne vor Leuten.

Dann erklärt sie beispielsweise, wie das mit Schule und Leistungssport funktionieren kann. Am Beispiel ihres Kurpfalz-Gymnasiums in Mannheim, auf dem sie war: „Da wird der Schwerpunkt auf Sport gelegt“, berichtet sie und schränkt sofort ein, „ohne, dass die Bildung zu kurz kommt.“ Es ist alles nur eine Frage der Organisation oder des Stundenplans. Freilich ist sie in dieser Hinsicht eine Ausnahme. „Das Gros ist fixiert auf den Leistungssport“, sagt sie, wenn sie an ihre Kolleginnen aus der überschaubaren Familie der WTA-Tennisspielerinnen denkt. Nur wenige haben ein abgeschlossenes Studium, „aber das ist in Deutschland ja auch dem System geschuldet“. Manchmal ist es auch eine Frage der Zeit. Oder hat es doch andere Gründe? Laura Siegemund hat als Kind Klavier spielen gelernt. Ihr Klavierlehrer hat ihr aber auch Arabisch beigebracht. Das sind die kleinen Abfallprodukte eines intensiven Lebens: „Ich bin wirklich ein disziplinierter Mensch.“ Dass sie besser Tennis als Klavier spielt, hat mit eben jener Disziplin zu tun: Sport auf diesem Niveau ist eine Frage der Hingabe, so etwas wie eine Partnerschaft, die auf monogamen Grundsätzen beruht: „Um professionell zu spielen, muss man sich zu 100 Prozent einbringen.“ Das ist eine einfache Rechnung. Ganz oder gar nicht.

Der volle Einsatz lohnt sich für sie. Die Wahl-Stuttgarterin aus Metzingen spürt das oft. Finanziell, weil sie vom Sport lebt, aber auch emotional. Wenn sie bei ihrer Familie in Metzingen ist, trifft sie Bekannte, die sich mit ihr über ihre Erfolge freuen. Nachbarn schneiden Zeitungsartikel aus und legen sie den Eltern vor die Haustüre. „Manchmal sprechen mich fremde Menschen auf der Straße an. Das ist etwas total Schönes“, freut sie sich und spricht über ihre Begegnungen. Sie spricht von dem erhabenen Gefühl, in ihren Mitmenschen etwas Positives auszulösen. Sie ist gerne hier in ihre Heimat, im Schwabenländle. Bei 30 Turnieren auf der ganzen Welt verbringt sie mehr Zeit in Hotels als zu Hause: „Wenn die 30-Wochen-Grenze überschritten ist, wird’s schon hart.“ Und monoton. „Dann bin ich halt auf den Flughäfen.“ Das sind die physikalischen Gesetzmäßigkeiten, wenn der Tennis-Zirkus von Stadt zu Stadt, von Land zu Land, von Kontinent zu Kontinent zieht. „Ach wie schön ist Metzingen“, möchte man Laura Siegemund dieser Tage sagen hören, jetzt, da sie in ihrer „Basis“, bei ihren Eltern und in ihrer Wohnung in Stuttgart Kraft tankt für alles, was noch auf sie zukommt. So deutlich sagt sie das indessen nicht. Das wäre ja schon fast sentimental. Oder ist sie das am Ende gar? Zwei Beispiele aus ihrer Karriere könnten diese Frage beantworten helfen. Da ist beispielsweise ihre Teilnahme an den Olympischen Spielen 2016 in Rio: „Da spielt man für sein Land!“, schwärmt sie voller Begeisterung. Ende April hat sie in Stuttgart einen Porsche gewonnen. Preisgeld ist ja schon schön. „Aber so ein Porsche, das ist ein Symbol, so etwas bedeutet einem etwas.“ Das ist wie ein Pokal, „den gebe ich nicht mehr her.“

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