Nur wer sich entwickelt, wird frei

"Moglis Dschungel", so heißt es, ist "kein Waldkindergarten". Deshalb startet das Junge LTT mit viel tierischem Gebrüll und menschlichen Weisheiten.

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Das LTT-Kinder- und Jugendtheater heißt jetzt "Junges LTT", sonst bleibt vieles beim Gewohnten. Auch, dass der Leiter Michael Miensopust jeweils ein Jugendstück für den Abendspielplan aufbereitet. Jetzt hat er aus Rudyard Kiplings "Dschungelbüchern" eine eigene LTT-Version für Menschen ab acht geschrieben und inszeniert.

"Moglis Dschungel" hat aber außer den bekannten Figuren und Motiven eher weniger mit den üblichen weichgespülten Disney-, Musical- oder Kindertheater-Inszenierungen zu tun. In Miensopusts und "Moglis Dschungel" gilt noch das Gesetz "Fressen oder Gefressen werden", und durch den Urwald schleichen keine süßen Kuscheltierchen, sondern struppige, kantige und hippiehafte Brüllmonster, die mehr auf funkigen Sprechgesang stehen als auf die bewährten Disney-Hits. Auch der Bühnendschungel (Cornelia Brey) ist keine Wohlfühloase und kein Kindertraumland, sondern maximal ein 70er-Jahre-Zoo-Gehege.

Nur Sonne und Mond schimmern magisch durch den Plastikvorhang. Aber während man noch mit sich selbst diskutiert, ob hier schon dezent auf Tierquälerei und Urwaldzerstörung verwiesen wird, brüllt, heult, faucht, grollt, keift, protzt und sprotzt auch schon die gesamte Fauna über die Bühne. Nur wer für besonders gefährlich gehalten wird, bleibt im Urwald Sieger, weswegen sich alle brutalst viel Mühe geben, Angst und Schrecken zu verbreiten.

Allen voran Dimetrio-Giovanni Rupp als böser, böser Zottel-Tiger Shir Khan, hinter dessen Agro-Gehabe natürlich eine schwer traumatisierte Angstseele steckt: schlechte Erfahrungen mit Mensch und Feuer. Deshalb kennt er auch nur ein Ziel: das wölfisch-feurige Menschlein Mogli zu vernichten. In Shir Khans Schlepptau schleimt sich der schmarotzige Schakal Tabaki (Andreas Laufer) durchs imaginäre Gebüsch, eine fieser Freak mit lausiger Perücke. Und so bilden sich im baumlosen Plastikwald die bizarrsten Interessenskoalitionen, diesbezüglich geht es ganz menschlich darwinistisch und neoliberal zu. Die jungen Wölfe wiederum sind ganz süß und drollig, wie sie da im LTT an ihrer imaginären Wolfsmama nuckeln.

Sind sie aber erst mal groß und grau und al-kaida-bärtig, lassen sie sich zu jedem Verrat an der Menschlichkeit aufhetzen. Es gibt aber auch die Guten: Daniel Blum als dicker Bär Balu in Daunenjacke und Tarnanzug probierts ja bekanntlich "mit Gemütlichkeit", ist am LTT aber dermaßen gechillt, dass er erst gar nicht selber singen mag, sondern Kopfhörermusik bevorzugt.

Sein Kumpel Baghira (Henry Braun) steckt als cooler, eleganter schwarzer Panther im Business-Dress und achtet schwer auf sein Äußeres. Aber auch auf Mogli. Den müssen Baghira und Balu ständig vor irgendwelchen Gefahren retten. Mogli (Magdalena Flade) wiederum weiß nicht genau, was er von sich halten soll: Ist er oder sie oder es Wolf oder Mensch oder beides? Und so traumtänzelt sich Magdalena Flade auf ihrem verschlungenen Pfad der Selbsterkenntnis so wild wie naiv, so clever wie unbefangen durchs unidyllische Abenteuerland.

Sie wird immer wieder leichtes Opfer für so mittelböse Dschungelkolleg(inn)en wie Kaa, die Schlange (Linda Lienhard). Kaa kann sämtliche Tiere mit ihrem betörenden Geseier hypnotisieren und spielt sich am Ende gar als Urwald-Guru auf. So wie hier jeder jedem was vorspielt - eine ganz schöne Challenge für Mogli, in diesem Chaos erwachsen zu werden. Um Moglis Herzensbildung zu fördern, werfen sich seine Freunde und Feinde gegenseitig gerne mal ihre gesammelten Lebensweisheiten an den Kopf: "Wer sich nicht entwickelt, wird niemals frei", weiß Kaa. "Den Dschungel findest du überall", weiß Balu.

Und überall dort findest du Musik: Christian Ther und Christian Dähn begleiten Moglis Selbsterkenntnis-Trip live mit einem schwüly-jazzy-funky Dschungelsoundtrack (Musik: Andreas Murnau), bis Mogli endgültig eine Identitätskrise kriegt. Wie viele Leute fragt auch er sich: Wer bin ich? Aber ob Mogli mit richtigen Menschen glücklicher werden kann?

Weitere Termine: 4. und 17. Oktober, 20 Uhr, Landestheater Tübingen

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