Nervöse Schafe und zwei Herden

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Die Schafe beim Leistungshüten waren dieses Mal sehr nervös, die Schäfer brauchten gute Nerven.  Foto: 

Ute Svensson hat am Samstag kein gutes Los erwischt:  Als erste von fünf Bewerbern musste sie sich den Prüfungen des Leistungshütens in Wittlingen stellen und  sah sich gemeinsam mit ihren beiden Hunden einer hochnervösen Herde gegenüber. Die Schafe waren am frühen Morgen attackiert worden, ein Tier erlitt dabei so schwere Verletzungen, dass es später geschlachtet wurde. „Es sieht nach einem Hundebiss aus“, sagte Anette Wohlfarth, Geschäftsführerin des Landesschafzuchtverbandes, nach einer ersten Analyse.  Um vollständige Klarheit zu erhalten, erfolge nun eine DNA-Analyse.

Der Schock  über den Angriff saß den Schafen am Samstagmorgen sichtbar in den Knochen. Ute Svensson gelang es zwar, die Tiere aus dem Pferch zu locken, dann allerdings ging die Herde durch und verdrückte sich in Richtung Parkplatz. Vielleicht lag es an den beiden großen Hunden, die Svensson als Assistenten mit nach Wittlingen gebracht hatte. Womöglich fühlten sich die Schafe beim Anblick der Altdeutschen Tiger an den nächtlichen Angreifer erinnert. Die Schäferin und ihre Hunde zeigten sich der kniffligen Situation allerdings gewachsen. Nach bangen Minuten des Wartens gelang es, Kontakt und Vertrauen zur Herde aufzubauen, sie zurück auf den Sportplatz zu locken und den Wettkampf zu absolvieren. Glücklicherweise, sagt Ute Svensson, hätten ihr zehn Jahre alter Rüde Baff und die siebenjährige Nette die Nerven behalten. Was freilich auch für die Schäferin galt, wofür es von vielen im Publikum anerkennende Worte gab. „Schafe“, weiß Svensson, „haben sehr feine Antennen.“  Haltung, Statur und Stimme, daran erkennen die Schafe ihren Hirten sofort.

Um die Schafe in Gang zu bringen, setzte Ute Svensson am Samstag einerseits auf die Präsenz ihrer erfahrenen Hunde und andererseits auf die richtige Ansprache: „Kommt Mädels, wir gehen weiter.“  Half das nichts, wurde die Schäferin deutlicher:  „Los Alte.“  Ihre Drahtseilnerven bescherten Ute Svensson am Samstag den dritten Platz beim Leistungshüten.

Ideales Terrain

Zuerst rennst du, dann hütest du. Diesem alten Schäferspruch folgte Daniel Erhardt, der beim Uracher Schäferlauf 2015 die Königskrone errungen hatte. Dieses Mal stellte er sich zudem dem Urteil der Fachleute beim Leistungshüten. Sein Auftritt trug ihm am Samstag den zweiten Platz ein, am Sonntag siegte er erneut beim Wettrennen der Schäfer. Sieger des Leistungshüten wurde Jonas Henniger aus Münsingen, der seinen Erfolg von 2015 wiederholen konnte.

Fürs Publikum kommentierte das Geschehen seit vielen Jahren Hansjörg Wenzler, Zuchtleiter beim Landesschafzuchtverband. Am Samstag klangen seine kompetenten Erläuterungen jedoch zum letzten Mal über den Wittlinger Sportplatz, er geht in den Ruhestand. Für den Wettkampf der Berufsschäfer sei das Terrain auf der Alb geradezu ideal, sagt er. Der Platz ist übersichtlich, sodass die Zuschauer von fast allen Positionen aus etwas sehen können, und es bleibt genügend  Raum, um die Besucher von der Herde wegzulenken.  Letzteres freilich ist nicht unbedingt das leichteste Unterfangen. Da bedurfte es schon der einen oder anderen strengeren Ermahnung, doch bitteschön die Straße für die heranstürmende Schafherde zu räumen.  Dieses  Treiben eine Weile beobachtend, fasste ein Besucher  seine Gedanken wie folgt zusammen: „Eigentlich sind ja zwei Herden unterwegs.“ Vorneweg jene mit vier Beinen, dahinter jene mit zwei.

 In diesem Jahr, sagt Konrad Hölz vom gastgebenden TSV Wittlingen, seien jedenfalls so viele Besucher auf die Alb geströmt, wie noch nie zuvor bei einem Leistungshüten. Darunter fanden sich auch Delegationen aus Taiwan, der Schweiz und Schleswig Holstein. Gefallen hat es allen Besuchern, die sich auch die kulinarischen Köstlichkeiten schmecken ließen. Der leckere Lammbraten jedenfalls war um die Mittagszeit herum bereits ausverkauft.

Von einem Acht-Stundentag können Schäfer allenfalls träumen. Zwölf Stunden sind die Regel, wenn die Schur ansteht oder die Tiere ihre Lämmer gebären, auch gerne länger.  Der Lohn der Plackerei fällt dabei mager aus, im Schnitt sind gute sechs Euro pro Stunde verdient. Kein Wunder also, dass der Nachwuchs dünn gesät ist. Mit Schäferkarrenromantik hat der Alltag der heutigen Hirten jedenfalls kaum noch etwas gemein. Wer mit seiner Herde von Landstrich zu Landstrich zieht, sieht sich überdies etlichen bürokratischen Hürden gegenüber. Für all jene Autofahrer, deren Fortkommen von einer die Straße querenden Herde behindert wird, hat Hansjörg Wenzler indessen einen guten Rat parat: „Genießen sie den Anblick.“

Start und Ziel beim Leistungshüten ist der Pferch. Die Herde aus diesem geschützten Raum herauszulocken erfordert mitunter Geduld, manchmal helfen auch Schmeicheleien. Wahrscheinlich bereuen die Schafe ihre  diesbezügliche Gutmütigkeit aber schon nach wenigen Schritten, wenn sie sich einem herannahenden Auto gegenüber sehen, das ihre Marschroute kreuzt. Entspannter geht es für die Schafe im engen Gehüt und weiten Gehüt zu, hier dürfen sie zumindest grasen. Sobald die Tiere zurück im Pferch sind, spendete das Publikum kräftigen Beifall und die Preisrichter gaben ihr Urteil ab.

Seine Schippe nutzte der Schäfer einst nicht zuletzt, um Diebe in die Flucht zu schlagen. Vor Langfingern fürchten sich die Hirten heute nicht mehr unbedingt, viel mehr  Sorge bereitet ihnen die Rückkehr des Wolfs.  Deshalb fordert der Landesschafzuchtverband geschützte Bereiche sowohl für Schäfer als auch für Wölfe. Ein gemeinsames Revier, eine friedliche Koexistenz, sei nicht denkbar. Dafür sei der Wolf ein zu cleverer Gegner.

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