Lebe deinen Traum

Und wieder ein Stück Prosa, ein Klassiker zumal: "Demian" von Hermann Hesse. Regisseur Dominik Günther zerlegt am LTT die Jugend-Geschichte Emil Sinclairs in eine historisch-kritische Bilderfolge in Schwarz-Weiß.

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    "Demian" - ein Klassiker von Hermann Hesse ist jetzt im Landestheater Tübingen (LTT) zu sehen. Dominik Günther führt Regie. Foto: 
  • Dominik Günther. 2/2
    Dominik Günther. Foto: 
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Sich selbst finden; Verwirklichen, was man will; Gut, Böse und die Wahrheit in sich finden und miteinander vereinen; die ein oder andere Welt zerstören, damit etwas Neues entstehen kann; seinen Traum leben. Hesse gibt seinem Emil Sinclair einige Aufgaben und Strategiephrasen mit auf den Weg, die sich heute reichlich abgedroschen ratgebermäßig anhören.

Und dies alles vor dem Hintergrund der nahenden Kriegskatastrophe, die sich die Jugendlichen mit der entsprechenden Willens- und Herrenmensch-Ideologie zurechtreden müssen: eine Herausforderung, so ein Zeitzeugnis einigermaßen kritisch auf die Bühne zu bringen.

Regisseur Dominik Günther gelingt dies, indem er die auserwählte "Kains-Mal"-Dreifaltigkeit aus Sinclair, Demian und dessen Mutter Eva letztlich ironisch überzeichnet als ziemlich schwärmerische und sektenartige Bewegung mit leicht verschwurbelter Erweckungs-Ideologie zeigt. Und sich ansonsten mit beeindruckenden Bildern, einer schwindelerregenden Drehbühne, vielsagender Musik, schwarz-weiß gezeichneten Figuren und zahlreichen Mantras einfühlt in diese Entpuppung des empfindsamen Emil Sinclairs nach theosophischem, anthroposophischem, jung-psychoanalytischem, nietzscheanischem und esoterischem Muster. Wobei Sinclair nebenbei noch die üblichen pubertären Katastrophen bewältigen muss! Für die Dramatisierung zeichnen Regisseur Dominik Günther und Chefdramaturg Stefan Schnabel verantwortlich. Bühnenbildnerin Sandra Fox hat für Emils Individuationsprozess, der ihn immer wieder zwischen den Extremen hin und her wirft, ein großes, luftiges Metallgerüst auf die Bühne gestellt. Anfangs liegt da ein symbolträchtiges Häuflein Menschheit, das sich erst mal aus seiner schwarzen Umhüllung pellen muss - eins der vielen mystischen Bilder in Hesses Erzählung: Der Vogel muss das Ei, also seine Welt zerstören, um Neues entstehen zu lassen.

Von den Stück-Protagonisten wird dieses Bild nicht nur für den individuellen Reifeprozess herangezogen, sondern auch für den anrollenden Weltkrieg bemüht: in den sich die unfertige Jugend euphorisch hineinstürzt, im Glauben, Europa erst einmal zerstören zu müssen, um etwas gesundes Neues entstehen zu lassen. Hinter dem Kasten herrscht deshalb auch schon der Krieg mit viel Lärm, Nebel, tödlichem Licht und Stahlhelmen. Da liegt Emil Sinclair auch schon im Lazarett, begegnet ein letztes Mal seinem Freund und Führer, Guru und Alter-Ego Max Demian, der sterben darf, weil Sinclair in seiner Selbstfindung so weit ist, dass er alleine zurecht kommt.

So erzählt Emil (Lukas Umlauft) die Geschichte seiner Jugend, seiner existenziellen Zerrissenheit zwischen zwei Welten: drinnen im Kasten das wonnig-wohlige Familienuniversum mit viel Licht, Ordnung, Sauberkeit und Geradlinigkeit, draußen das so verbotene wie attraktive Böse. Aber ganz so idyllisch geht's auch bei Sinclairs nicht zu. Zwar herrscht liebliches Glockenspiel, aber auch ein hyperpietistisch-krankhafter Mix aus Pflicht und ewig schlechtem Gewissen. Emils Vater (Andreas Guglielmetti) ist ein steifer Patriarch, dessen blockwartmäßiger Befehl "Zieh dir die nassen Schuhe aus!" noch lange durch Emils Leben hallt. Umlaufts schwer von Schuldgefühl und Unsicherheit gebeugter Emil wird außerdem vom bösen Franz Kromer (Thomas Zerck) erpresst, der immer wieder furchteinflößend pfeift und an den Metallstangen zerrt.

Emil verspürt oft eine regressive Sehnsucht nach der Rückkehr ins verlorene Paradies. Das es ja nie gab. Das aber in Form von Demian auf den Plan tritt, der musikalisch mit wohlig warmen Harmonien eingeführt wird. Demian durchkreuzt nicht nur den Kasten mit Kreppband, sondern schafft auch das Problem Kromer aus der Welt und zerlegt Emils bisheriges Welt-Bild.

Sie seien mit dem "Kains-Mal" ausgezeichnet, doziert Demian, deshalb überlegene Menschen, die ihre Freiheit und ihren herrischen Willen ausleben können. So wird auch Emil immer selbstsicherer, euphorischer. Und entdeckt seine Sexualität: Thomas Zerck schlüpft als unkontrollierbarer Trieb in den Emil hinein und posiert anschließend als vergötterter Eros. Jeder Mensch muss selbst herausfinden, was ihm erlaubt ist, findet Demian. Und weil das Böse auch viel Spaß macht, zieht Emil als Weltverachter auf rauschender Selbstzerstörungstour durch die Kneipen.

Wird aber "geheilt" durch die nächste Traumgestalt: Beatrice, die Unerreichbare. Die er plötzlich überall auf der Bühne und in sich selbst entdeckt, so wie alles ineinander verwoben ist, das Innere mit dem Äußeren, das Böse mit dem Guten, die anderen mit dem Selbst.

Bis Emil auf Demians Mutter Eva trifft: Jennifer Kornprobst als erlösender Inbegriff alles Heiligen, Mütterlichen, Geliebten, Göttlichen. Zu dritt leben sie eine sektiererische Phase mit eigenem Glaubensbekenntnis, bis sich der Kreis schließt, Demian stirbt und Emil auf sich selbst zurückgeworfen wird.

Die nächsten Aufführungen - Tickets - Kurzinhalt

Weitere Vorstellungen am 25. und 26. Februar, 5. und 24. März, 9. April, jeweils 20 Uhr LTT.

Karten Telefon: (0 70 71) 9 31 31 49, E-Mail an kasse@landestheater-tuebingen.de oder auf landestheater-tuebingen.de.

Worum geht's? Emil Sinclair entdeckt mit zehn Jahren die Existenz zweier Welten in seinem Leben. Einerseits gibt es die vertraute, heimische Welt der Familie, andererseits die fremde, dunkle, unheimliche Welt "da draußen". Sinclair erlebt eine albtraumhafte Zeit, bis Demian in sein Leben tritt, dem Emils Seele ein offenes Buch zu sein scheint. Erst mit dem aufkommenden Ersten Weltkrieg trennen sich die Wege der beiden Freunde.

SWP

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