Gütlesbesitzer stürmen das Obstbaumuseum

Apfel ist nicht gleich Apfel, das zeigte sich gestern bei der Obstsortenbestimmung. Dabei geriet sogar der Experte manches Mal ins Schleudern. Kein Wunder, bei mehr als 3000 Apfelsorten, die es in Deutschland gibt.

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Schlange stehen hieß es gestern im Obstbaumuseum. Foto: Joachim Lenk

In Zusammenarbeit mit der Fachhochschule Nürtingen läuft in Glems ein Pilotprojekt zum Erhalt der Streuobstwiesen mit Unterstützung des Landwirtschaftsministerium Baden-Württemberg. Qualitätssicherung, Erhalt alter Sorten und Wirtschaftlichkeit des Streuobstanbaus stehen dabei im Vordergrund. Ziel ist es, möglichst seltene Sorten zu finden, die sich nicht nur für den Verzehr, sondern besonders auch für die spezielle Bearbeitung zu Most, Brand und Dörrobst eignen.

Aber das ist gar nicht so einfach. Viele Obstfreunde, Streuobstwiesen- und Gütlesbesitzer wissen gar nicht, welche Sorten bei ihnen zuhause wachsen. Deshalb wurde gestern zur ersten Obstsortenbestimmung ins Obstbaumuseum nach Glems eingeladen.

Produkte, die Geld einbringen sollen, müssen stets sortenrein sein, erklärt Ulrich Schroefel, Fachberater für Obst- und Gartenbau im Landratsamt Reutlingen. Alle die, die seltene und gut geeignete Sorten von Äpfel-, Birnen- oder Kirschbäume haben, können ihr Obst unter Umständen zu deutlich höheren Preisen verkaufen.

Hans-Joachim Bannier vom Pomologen-Verein (Obstsortenbestimmung) ist extra aus Bielefeld angereist. Er ist überrascht, wie viele Menschen mit Obst in Körben und Tüten ins Obstbaumuseum strömen. Die meisten Sorten wie Rema, Luikenapfel, Maunzenapfel, Türkannele, Tezer, Elstar, Boskoop, Welschisner und Ontario können er und Schroefel sofort bestimmen.

Sie begutachten die äußeren Merkmale wie Größe, Form, Farbe der Schale, Beschaffenheit der Schale und den Stil. Mit dem Messer schneiden sie die Frucht in zwei Hälften, um die Kerne, die Farbe des Fruchtfleisches, den Saftgehalt und die Festigkeit zu prüfen. Manchmal hilft auch ein kräftiger Biss in den Apfel weiter. Blüten, Blätter, Knospen und Rinde sind weitere Merkmale, die sie unter die Lupe nehmen.

Aber das ist nicht immer ganz einfach. Die Äpfel von Inge Glöckler aus Glems können die beiden Experten nicht genau zuordnen. Es ist kein Rubinette-Apfel, aber auch kein Cox Orange. Obwohl sie danach aussehen. "Die Samen passen nicht dazu", schüttelt Bannier ungläubig den Kopf, der in seinen Ordnern mehrere Tausend Kerne zum Vergleich mit dabei hat.

Die Obstsortenkunde ist nicht einfach. In Baden-Württemberg gibt es beim Kernobst rund 3000 Apfel- und etwa 800 Birnensorten, sagt Schroefel. Er geht davon aus, dass es alleine im Landkreis Reutlingen mehr als 600 verschiedene Sorten an Äpfeln gibt. Eine davon ist die Landsberger Renette von Paul Weiblen aus Neuhausen, die die beiden Experten sofort bestimmen können. Ebenso den Gloster von Heidi Heilemann aus Eningen.

Leider verschwinden durch Umwelteinflüsse immer wieder typischen Sorten aus der Region, bedauert Schroefel. Dazu gehören unter anderem der Jägermichl und der Rote Fresquin. Deshalb freut er sich, als ein Gütlesbesitzer "dieses seltene Kulturgut" vorbeibringt. Sofort wird die Adresse aufgeschrieben, in der Hoffnung, dass er ein paar Edelreiser zur Weiterzucht abholen kann. Sechs Stunden lang begutachten und bestimmen die beiden Experten die verschiedensten Sorten. Nicht nur aus der näheren Umgebung, auch aus Stuttgart und den Landkreisen Esslingen und Böblingen kommen die Menschen vorbei.

Wolfgang Dürr, Vorsitzender des Fördervereins Obstbaumuseum Glems, kann sich nicht daran erinnern, dass jemals mehr Leute das Museum an einem Tag bevölkert haben. "Es müssen so um die 500 gewesen sein", stellt er zufrieden fest, als er am Abend die Türe schließt. Kein Wunder, dass im kommenden Jahr wieder eine Obstsortenbestimmung in Glems geplant ist.

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