Für Danzer hat’s auch gereicht

Das Regierungspräsidium Tübingen sucht unter den Dorfgasthäusern das Vorbildlichste. Könnte das der „Hirsch“ in Glems sein? Immerhin hat die Kulturkneipe schon ganz andere Größen überzeugt.

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Die Dinge ändern sich. Manchmal innerhalb der eineinhalb Stunden eines Konzerts. Als beispielsweise der österreichische Sänger Georg Danzer im „Hirsch“ aufschlug, war’s um seine gute Laune geschehen: „Wos, do soll i spui’n?“ Dann werkelte er relativ lustlos sein Programm runter, wie sich „Hirsch“-Wirt Walter Dieterle erinnert. Doch je länger die Session dauerte, desto grandioser verschmolzen Künstler und Zuhörer. Am Ende war der ewige Grantler Danzer euphorisch. Spitze, „leiwand“, wie es der Wiener in dem Fall gerne sagt. Er, Danzer, wolle unbedingt am Ende seiner Tour nochmal nach Glems kommen. Dass er das nicht tat, enttäuschte Walter Dieterle nur kurz, denn nicht lange danach erfuhr er vom Tod Danzers und übt seitdem Nachsicht: „Er wird damals schon ganz andere Sorgen gehabt haben.“ Er habe ja auch geraucht wie ein Backofen, sogar während des Essens. „Abartig!“

Diese kleine Episode um den 2007 verstorbenen Liedermacher geriete längst in Vergessenheit, doch sie ist ein beredtes Zeugnis für die eingangs gestellte These, wonach sich die Dinge verändern. Das zeigt sich schon darin, dass Danzer heutzutage nicht mehr einfach nur Liedermacher wäre. Radiomoderatoren neudeutscher Schulung würden ihn als Singer-Songwriter bezeichnen.

Außerdem braucht Dieterle die Danzer-Geschichte, um solche Künstler zu erden, die zum ersten Mal im „Hirsch“ auftreten und pikiert drein schauen: „Für Danzer hat’s gereicht, dann reichts auch für euch“, pflegt Dieterle in solchen Fällen zu entgegnen. Wishbone Ash, Ten Years After, Albert Lee oder Krachmusikoff kommen immer wieder gerne in die Kulturkneipe. Für ein Publikum, das Dieterle als 40 aufwärts bezeichnet: „Ich halte auch nichts vom Jugendwahn“, gesteht der Mittfünfziger, dem seine Gäste erleichtert auf die Schulter klopfen und ihn dafür loben, „endlich keine grauen Haare mehr zu tragen.“ Jetzt, da sie schlohweiß sind. Die Jugend ist prüde. Das mag deren Problem sein, aber dass sie Tim Bendzkos hervorbringt, müsse er ihr anlasten: „Es kann doch nicht sein, dass es keine jungen Leute mehr gibt, die Musik machen können.“ Vermutlich gibt es welche, sagt Dieterle, „aber die werden halt nicht gespielt. Immer der gleiche Einheitsmatsch. Helene Fischer oder Coldplay. Das kann ich mir nicht mehr anhören.“ Er scheint tatsächlich zu leiden, und als er kürzlich Applaus von den Sportsfreunden Stiller hörte, war er entsetzt: „All diese Germanistikstudenten mit ihren schwachsinnigen Texten.“ Mutlos, kraftlos, inhaltsleer.

Fast hört es sich so an, als verlöre der Gastwirt, der selbst oft genug als Walter F. Diet auf der Bühne steht, die Contenance, wenn es um die Moderne geht. Falsch. Dieterle gehört nicht zur Legion der Griesgrämigen, deswegen verlässt er auch schnell wieder seine „Abschweifungen in Walters Rock’n’Roll-Welt“. Am Donnerstag spielt bei ihm die Band Cashbacks, die bringt Songs von Johnny Cash. Das boomt bei den Jungen, denn Cash erlebte kurz vor dessen Tod vor elf Jahren ein Comeback. Und die Alten kennen ihn aus den 50er und 60er Jahren. „Ausverkauft“, sagt Dieterle und grinst. Jedenfalls der Donnerstag-Termin, für Freitag gibt es noch ein paar Karten.

Dass er am Donnerstag eine volle Hütte hat, behagt ihm sichtlich. Kürzlich bewarb er sich beim Regierungspräsidium Tübingen. Das hat einen Wettbewerb ins Leben gerufen, es geht um das Dorfgasthaus des Jahres 2014. Der „Hirsch“, so Dieterle, sei in die engere Auswahl gekommen, am Donnerstagabend kommt die Jury. Ein besseres Timing kann er sich gar nicht wünschen.

Doch ist die Kulturkneipe auch ein Dorfgasthaus? Walter Dieterle muss da nicht lange überlegen: Schnitzel gibt’s und Wurstsalat auch. Die großen Trinkgelage, wie sie in den 80er Jahren noch üblich waren bei Erdnussparties und Schnapstrinkanimationen, sind längst vorbei, jedenfalls im „Hirsch“. Wenn einer zum Schnitzel drei Weizen trinkt, ist das viel. Aber, so Dieterle, „das ist mein Beitrag zum nachhaltigen Wirtschaften“, denn wenn der Mann anständig nach Hause kommt, hat die Frau nichts dagegen, dass er wieder in den „Hirsch“ geht. Dieterle geht noch einen Schritt weiter: „In den ’Hirsch’ kommen auch Frauen alleine.“ Im gesitteten Rahmen gibt’s keine dumme Anmache, keine Grapschereien, keine blöden Sprüche. „Aber geflirtet werden darf trotzdem“, verspricht Dieterle. Der „Hirsch“ also die Dorfgaststätte des Jahres? 39 andere haben sich beworben, die Konkurrenz ist groß. Doch um es mit Georg Danzer selig zu sagen: „Es könnte sich ausgehen.“

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