Es wird ein Leben nach der Bank geben

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Am 31. Mai ist der letzte Arbeitstag von Bernd-Dieter Reusch, der nach 42 Jahren bei der Volksbank Metzingen in den Ruhestand geht.   Foto: 

Sein komplettes Berufsleben hat Bernd-Dieter Reusch bei der Volksbank Metzingen, heute Volksbank Ermstal-Alb, verbracht. 1975 hat er dort seine Ausbildung begonnen, später parallel zum Beruf studiert. 30 Jahre war er Vorstandsmitglied, die vergangenen zwölf als Vorstandsvorsitzender. Geplant war dieser Werdegang so nicht. Eigentlich wollte Bernd-Dieter Reusch seine  Ausbildung nutzen, um für das Studium der Berufspädagogik eine bessere Basis zu haben.

Herr Reusch, eigentlich hätten Sie Pädagoge werden wollen, doch dann sind sie nach der Ausbildung bei der Metzinger Volksbank geblieben. Haben Sie diese Entscheidung je bereut?

Bernd-Dieter Reusch Nein, nie. Ich bin mir sicher, dass es für mich gut war, nicht Lehrer zu werden. Mein Beruf hat mir immer Spaß gemacht, er ist so vielseitig. Gerade in einer kleineren Bank, in der man nicht nur Sachbearbeiter für den Buchstaben A bis F ist, sondern wo man viel sieht, zu den Menschen und in die Firmen kommt.

Also sehen Sie ihrem Ruhestand mit gemischten Gefühlen entgegen?

Ich gehe mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Es gibt viele Menschen, Kunden, Kollegen und Mitarbeiter, mit denen ich sehr gerne zusammenarbeite. Ich habe mich immer gefreut, wenn Erfolge da waren und habe gelitten, wenn es nicht so gelaufen ist. Wenn ich gehe, bin ich draußen ohne Wenn und Aber, andererseits sind dann auch der Druck und die Verantwortung weg. Die sind in der Vergangenheit gestiegen.

Welche Folgen hat der  steigende Druck auf Sie gehabt?

Ich habe über Jahrzehnte viel Zeit investiert in meine Arbeit. Als das gesundheitliche Konsequenzen hatte, wurde mir klar, dass es nicht das Maß aller Dinge ist. 70 Stunden pro Woche auf Dauer zu arbeiten, kann nicht gesund sein. Darum musste ich auch lernen, meinen Mitarbeitern mehr anzuvertrauen und loszulassen.

Das Ansehen von Banken und ihren Angestellten ist in den vergangenen Jahren gesunken. Merken Sie dies in ihrem Arbeitsalltag auch?

Früher war ein Bankvorstand noch der „Herr Bankdirektor“, heute gelten wir oft als Beutelschneider, unser Ansehen liegt knapp über dem von Totengräbern. Allerdings ist dies eine Entwicklung, die alle betrifft. Viele Autoritäten werden von den so genannten Wutbürgern wegen Nichtigkeiten angegangen. Ganze Berufsgruppen werden denunziert und das ohne Ansehen der Person, seien es Banker, Politiker oder auch Journalisten.

Trifft einen das?

Angriffe auf die eigene Person tun weh, denn ich betrüge niemanden, aber das wird einem öfter unterstellt und das verletzt einen dann schon. Ich musste manchmal Entscheidungen treffen, die nicht einfach waren, aber ich habe sie immer mit meiner Berufsethik vereinbaren können. Wichtig war mir immer, dass ich mich noch im Spiegel ansehen kann. Zwar gibt es schwarze Schafe in unserer Branche, aber die gibt es überall. Ich sage immer: Das Schöne an meinem Beruf ist, dass ich mit Menschen zu tun habe. Das ist aber gleichzeitig auch das Schwierige.

Schwierig sind auch die Rahmenbedingungen für Banken. Sie haben es anklingen lassen, dass die Zeiten immer schwieriger werden. Was kann eine Bank wie die Volksbank tun, um zu bestehen?

An den Zeiten können wir nichts ändern, wir müssen sie so nehmen, wie sie sind. Der Markt wird sich helfen und sich selbst bereinigen. Aber in jeder Konjunkturdelle stellt sich die Frage: Wie viel Speck habe ich auf den Rippen? Manche Banken konnten sich ein Polster schaffen in den guten Jahren. Unsere Volksbank gehört dazu. Es hat sich vieles geändert und das wird es auch weiterhin, wir werden wohl irgendwann wieder über weitere Fusionen nachdenken müssen. Unsere Bank gibt es schon seit 150 Jahren, sie hat schwierige Zeiten überlebt und wird es auch diesmal tun.

Was hat sie an Ihrem Job speziell bei der Volksbank Metzingen gereizt?

Mein erster Chef hat mir gesagt, ich hätte nach der Ausbildung gute Chancen,  darum bin ich geblieben und habe mich fortgebildet. Wichtig ist, die Verwurzelung der Bank in der Region, denn wir leben von den Menschen vor Ort. Wir müssen das Interesse haben, dass unsere Kunden zufrieden sind. Darum sind wir in persönlichem Kontakt zu ihnen und können individuell entscheiden. Nehmen Sie als Beispiel einen Kreditantrag. Den kann man rein nach den Zahlen genehmigen oder nicht, oder man kann dies tun, weil man sich bei einem Kunden, den man kennt, sicher ist, dass er es packt oder auch nicht. Zudem bietet unsere Bank jedem Mitarbeiter die Möglichkeit, sich je nach seinen Neigungen zu spezialisieren. Und wir müssen als genossenschaftliche Bank gesellschaftliche Belange fördern. Unsere Aufgabe muss es sein, das zu unterstützen, was unsere Mitglieder bewegt.

Dennoch hat auch Ihre Bank mit vielfältigen Herausforderungen zu kämpfen, etwa der Niedrigzinspolitik, die bald zu Minuszinsen führen könnte. Wünschen Sie sich wieder steigende Zinsen?

Klar ist, dass der Verbraucher dafür bezahlen muss. Aber man muss sich auch klarmachen, dass ein Ende der Niedrigzinspolitik für Länder wie Griechenland, Italien oder Portugal schlecht wäre. Europa kostet Geld, aber das ist in Ordnung. Da bin ich ganz überzeugter Europäer und denke, wir müssen schauen, wie wir durchkommen.

Ihr letzter Arbeitstag ist der 31. Mai. Was haben Sie ab dem 1. Juni vor?

Ich will mir diese Zeit nicht schon im Vorfeld verplanen, es wird wachsen.

Also anders gefragt: Für was werden Sie im Ruhestand mehr Zeit haben, was ist in den vergangenen Jahren  zu kurz gekommen?

Ich betreibe Karate und ich gehe regelmäßig laufen, ich gehe auf die Jagd, habe zwei Enkel, einen Hund und drei Esel. Ich werde mehr Zeit mit den Enkeln und Tieren verbringen, darauf freue ich mich. Außerdem spiele ich auch ein bisschen Gitarre. Auch in meinen privaten Neigungen bin ich eher für das breite Spektrum, ich war nie derjenige, der sich nur auf ein Hobby spezialisiert. Es wird also definitiv ein Leben nach der Bank geben.

Die Volksbank Ermstal-Alb wurde 1867 unter dem Namen „Gewerbebank Metzingen“ gegründet. Im Jahr 2000 fusionierte sie mit der Volksbank Bad Urach, 2015 folgte die Fusion mit der VR-Bank Alb zur heutigen Volksbank Ermstal-Alb. 

Die Bank hat 314 Mitarbeiter, 27 Geschäftsstellen und 41 Automaten. Die Zahl der Kunden liegt bei 71 000, gemessen an der Einwohnerzahl im Geschäftsgebiet bedeutet dies, dass rein rechnerisch mehr als 80 Prozent der Einwohner Kunden sind. Mitglieder hat die Volksbank 36 738, sprich mehr als die Hälfte der Kunden hält Anteile an der Bank.

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