Elias lässt sich nicht unterkriegen

Elias spielt, Elias lacht, er geht, isst, trinkt und äußert seinen Willen. Vier Mal in der Wochebesucht er den Kindergarten. Wie ein ganz normales Kind eben. Aber: Elias ist behindert. Er hat das Down-Syndrom.

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Der 21. März ist der Welt-Down-Syndrom-Tag. Er wurde ausgewählt, weil bei dieser Behinderung, abgesehen von einigen wenigen Sonderformen, das 21. Chromosom immer dreifach vorhanden ist. Daher wird das Down-Syndrom auch Trisomie 21 genannt.Elias spürt von seinem Zuviel an Erbgut nichts, er fühlt sich heute pudelwohl. Selbst eine fiebrige Erkältung vermiest ihm nicht die Laune –Brezel und das Getränk aus der Schnabeltasse schmecken ihm vorzüglich.

Er hatte allerdings auch schon schwere Tage: Während der Schwan gerschaft haben sich einige Organe nicht normal entwickelt. So musste Elias nur Stunden nach der Geburt am Darm operiert werden. Noch heute hat er zudem zwei Löcher in seiner Herzscheidewand. Diese beeinträchtigen ihn bislang aber nicht, sie können in den ersten drei Lebensjahren sogar noch zuwachsen. Ebenfalls typisch für das Down-Syndrom: Elias hat eine Schilddrüsenunterfunktion. Elias ist jetzt zweieinviertel. Seit einigen Wochen besucht er an vier Vormittagen pro Woche den Kindergarten der Körperbehindertenhilfe Neckar-Alb (KBF) im Neugreuth. Darauf freut er sich jeden Morgen, ist beim Stichwort „Kindergarten“kaum zu halten. „Der Kindergarten ist klasse“, freut sich Elias’ Mutter Olivia Calasso. „Das Spielen mit Kindern, die auf seiner Entwicklungsstufe sind,macht Elias unheimlich viel Spaß.“

Aber welche Entwicklungsstufe ist das? Kinder, die an Trisomie 21 leiden, lernen langsamer. Elias, so schätzt seine Mutter, hat heute in etwa den Stand eines eineinhalbjährigen Kindes erreicht. Als generelle Faustformel gilt, dass das Entwicklungstempo etwa halb so schnell ist wie bei „normalen“ Kindern. Besonders die motorische Entwicklung bleibt zunächst zurück. „Normal“ sind für Olivia Calasso beide ihrer Kinder, die gesunde siebenjährige Tochter ebenso wie der behinderte Elias. „Ich kenn ihn ja nicht anders. Hätte ich einenWunsch, ich würde mir Elias genau so wieder wünschen wie er ist“, sagt die stolze Mutter. Kinder mit dem Down-Syndrom gelten als besonders freundlich, liebevoll und offen. Sie lachen sehr viel. Nur kurz war Olivia Calasso von der Diagnose geschockt, als sie in der 28. Schwangerschaftswoche von der Behinderung ihres Sohnes erfuhr. „Mongolismus“ sei ihr als erstes durch den Kopf geschossen, ohne zu wissen, was genau sich dahinter verbirgt. „Die Ärzte haben mir auf dem Ultraschall allerlei Auffälligkeiten gezeigt. Ich habe aber nichts gesehen, außer meinem süßen Kind“, erinnert sie sich an die entscheidende Untersuchung in Tübingen. Keinen Moment habe sie über eine Abtreibung nachgedacht, die rechtlich zu diesem Zeitpunkt noch möglich gewesen wäre. „Über die Behinderung habe ich mir keine Sorgen gemacht, sondern nur darüber, dass Elias sofort nach der Geburt operiert werden musste.“ Bis zur Entbindung dann hat sich die werdende Mutter in das Thema eingearbeitet. Eine beruhigende Erkenntnis dabei: Die Lebenserwartung von Menschen mit Down-Syndrom ist von neun Jahren (1930) auf inzwischen 60 Jahre gestiegen, die meisten Betroffenen werden sogar älter als 70 Jahre.

Eine weitere Lehre: Im Falle der „Freien Trisomie“, die bei Elias diagnostiziert wurde, können die Betroffenen ein verhältnismäßig normales Leben führen. Sie laufen und sprechen, lernen später lesen undrechnen – alles, nur zeitlich etwas verzögert. Schnell war für Olivia Calasso klar: „Elias ist ein Geschenk, keine Strafe.“ Anlässlich des Welt-Down-Syndrom-Tages möchte die Familie Calasso die Gesellschaft an ihrem Geschenk teilhaben lassen. Sie möchte ein anders Bild vermitteln, als es weit verbreitet ist. Das Down-Syndrom ist längst nicht das Ende, so die Botschaft. Und was die betroffenen schon gar nicht gebrauchen können, ist Mitleid. „Wofür auch“,sagt Olivia Calasso. „Elias gibt mir so viel, da brauche ich kein Mitleid.“ Und Elias schon gar nicht. Er besucht zunächst weiterhin den KBF-Kindergarten. Am liebsten, so wünscht es sich seine Mutter, soll er eines Tages in einen Regelkindergarten wechseln. Problematischer wird dann die Schulsuche, denn die nächstgelegene für Elias wäre erst in Münsingen. „Vielleicht“, so ein weiterer Wunsch von Olivia Calasso, tut sich bis dahin etwas im Ermstal.“ So weit denkt Elias freilich noch nicht, einen Wunsch hat er aber trotzdem: ein Laufrad zu Ostern. Das steht, verrät die Mutter, schon in der Garage und wird danngegen das Bobby-Car ausgetauscht wie bei ganz normalen Kindern eben.

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