Ein See zieht um

Alle raus! Erstmals in 50 Jahren ist der Stausee Glems trocken gelegt, die Fische sind gefangen und versetzt worden. Auch für die Fachleute vom Fischereiverein tat sich dabei die eine oder andere Überraschung auf.

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„Karpfen 40!“ „Barsch 30!“ „42 Rotaugen!“ Die Kommandos kommen schnell, wenn gerade wieder ein frischer Fang aus dem Glemser Stausee geholt wurde und anschließend sortiert und protokolliert werden muss.

Auf dem trüben Rest an Wasser mit etwa noch einem Meter Tiefe wird ein Ruderboot bewegt. Besetzt ist es mit dem rudernden Steuermann und einem Fänger. Der steht am Bug des Bootes mit einem speziellen Kescher: Taucht er sein Fangnetz in das Wasser, schließt sich ein Stromkreis. Die Fische in der Nähe des Keschers erhalten dadurch einen kleinen Schlag und sind für kurze Zeit bewegungsunfähig – ideal, um sie abzufischen. Dieses Prozedere spielt sich am Glemser Stausee seit Donnerstagnachmittag tausendfach ab. Ist der Fang dann in großen Zubern an Land gebracht, müssen die rund 30 ehrenamtlichen Helfer des Fischereivereins Ermstal die Fische in Windeseile sortieren und in große, extra mit Sauerstoff gespeiste Behältnisse umladen. „Karpfen 40“ bezeichnet dabei die Länge eines einzelnen größeren Fisches, „42 Rotaugen“ bezieht sich dagegen auf die Stückzahl der kleineren Fischart.

Insgesamt sind die Fischereifachleute sehr zufrieden, teils aber auch überrascht von dem, was sie da so alles aus dem See holen. „Wir haben Karpfen bis zu einer Länge von 70 Zentimetern rausgeholt“, berichtet Rainer Stanger, beim Fischereiverein für die Öffentlichkeitsarbeit zuständig. Daneben verfingen sich aber auch hunderte von kleinen einjährigen Karpfen (Spiegel- und Schuppenkarpfen) im Kescher, „ein sehr gutes Zeichen, das zeigt, dass hier auch ihr Laichgewässer ist“, freut sich der Vereinsvorsitzende Michael Gerg.

Neben den Karpfen wurden auch etliche Exemplare des Zanders, einem Räuber, abgefischt. Gesichtet worden, aber bis gestern Nachmittag noch nicht gefangen, ist hiervon ein besonders großes Exemplar. Das Kommando „Zander 80“ – oder aufwärts – lässt aber noch auf sich warten.

Die dritte größere Bestandsart sind die Barsche. Unter sie hat sich allerdings ein unerwünschter Einwanderer gemischt, der Sonnenbarsch. „Der ist sehr bunt und wird daher gerne in Aquarien gehalten. Wenn er dort zu groß wird, setzt man ihn des nachts dann im Stausee aus“, erklärt Rainer Stanger das Vorkommen dieses eigentlich aus Nordamerika stammenden Fisches. Das Problem: Der Sonnenbarsch ist ein Laichräuber und kann so die natürlichen Bestände der anderen Fische beeinträchtigen.

Im Gegensatz zu allen anderen Fischen findet so der Sonnenbarsch auch keine neue Heimat in Gewässern der Region. Die vielen kleinen Exemplare von Rotaugen und Karpfen wurden in das Restwasser am anderen Stauseeende vor dem Turbineneinlauf umgesetzt. Hier ist das Wasser noch bis zu zehn Meter tief, genug, um auch im Sommer eine kühle Umgebung zu bieten. Kleine Raubfische wurden dagegen in das Biotop-ähnliche Vorstaubecken unmittelbar neben dem Stausee verfrachtet. Wird der See wieder befüllt, können die Fische über eine Fischtreppe zurück in den Stausee wandern. Größere Karpfen ziehen dagegen in den Floriansee, die größten Zander können nach Absprache mit dem dortigen Fischereiverein in den Epplesee, bekannt als Badesee bei Kirchentellinsfurt. „Die müssen wir unbedingt kriegen, sie sind in dieser Größe als Zuchtfische schlicht zu wertvoll“, signalisiert Michael Gerg die Suchbereitschaft seiner Truppe.

Überhaupt überstehen mehr als 99 Prozent der Fische die Prozedur mit dem Stromstoß, auch einige Kröten und Steinkrebse wurden vor dem austrocknenden Seegrund gerettet.

In einer ersten vagen Schätzung war ursprünglich von zehn Tonnen Fischbestand im Stausee die Rede, nach dem Fangen legt sich Gerg eher auf „zwei Tonnen“ fest. Grund dafür ist, dass der Seegrund wie eine Mondlandschaft aussieht. „Während andere Gewässer mit Verkrautung zu kämpfen haben, wächst hier gar nichts“, so Gerg. Was einerseits gut ist für die Wasserqualität, bedeutet auf der anderen Seite aber auch, dass Fische nur sehr schwer sichere Laichplätze finden. „Wir werden uns Gedanken darüber machen müssen, wie wir hier eine Bepflanzung hinbekommen.“

Zeit bleibt bis Juli, wenn der See langsam wieder gefüllt wird. Dann übrigens auch mit einigen zugekauften Zuchtexemplaren der einheimischen Fische, damit man die alten Stauseebewohner nicht wieder aus ihrem neuen Domizil herausfischen muss.

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