Ein Leben lang gekämpft

Gisela K. und Karin F. (Namen geändert) sind 71 und 70 Jahre alt. Beide hätten sich ihr Leben im Ruhestand anders vorgestellt - zumindest ohne die ständigen Geldprobleme, die sie täglich begleiten.

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Häufig fällt bei Senioren der Blick ins Portemonnaie ernüchternd aus. Foto: dpa

Gisela K. musste ihr Leben lang jeden Pfennig und Cent dreimal umdrehen. In ihren noch jungen Jahren war sie ein Jahrzehnt verheiratet mit einem selbstständigen Handwerker. Die Kinder kamen schnell hintereinander und kurz nachdem sie dann alle da waren, ging die Ehe in die Brüche. Ihr Mann hatte sich eine andere Frau gesucht. Ein Glück für Gisela K. war dabei noch, dass sie in dem Häuschen wohnen bleiben durfte, das ihren Schwiegereltern gehörte. Auch heute wohnt sie noch dort. Das Haus ist alt, klein, an allen Ecken sanierungsbedürftig. Eine Zentralheizung wäre schön, stattdessen heizt die 71-Jährige mit einem uralten Ölofen.

"Jetzt in eine Mietwohnung umziehen, könnte ich mir nicht leisten", sagt sie. Mit ihren 800 Euro Rente kommt sie gerade so über die Runden. Weil sie nie große Sprünge gemacht hat, konnte sie sogar ein wenig Geld beiseite legen. Für den Fall, dass mal was kaputt geht. Oder wenn im Häuschen die dringendsten Sachen renoviert werden müssen.

Karin F. wohnt ebenfalls im Ermstal, muss mit 500 Euro im Monat auskommen, ein klein wenig erhält sie vom Sozialamt dazu, aber an Rücklagen ist trotzdem nicht zu denken. Die 70-Jährige ist froh, wenn das wenige Geld im Monat für die laufenden Kosten und für Essen und Trinken reicht. "Einfach mal einen Kaffee trinken gehen, kann ich mir nicht leisten", sagt sie. Und wenn die Waschmaschine kaputt gehen sollte? "Hören Sie auf", sagt sie und schaut entsetzt. Was für ein Horrorgedanke.

171 Euro muss sie monatlich für die Miete bezahlen, 103 Euro gehen für Raten weg, dazu Telefon-, Praxis- und Rezeptgebühren, Strom - abzüglich all der laufenden Kosten verbleiben ihr im Monat noch etwa 125 Euro für Essen und Trinken. Das sind nicht viel mehr als vier Euro am Tag. Zweimal in der Woche geht sie in einer der Tafeln im Ermstal einkaufen, jeweils für fünf Euro. Anfangs wollte sie dort nicht hin. "Ich habe mich geschämt", sagt Karin F., die den Tafelladen dennoch als Segen betrachtet. Weil sie sonst nicht wüsste, wie sie ihr tägliches Essen bezahlen sollte. Die 70-Jährige ist mittlerweile dankbar für diese Möglichkeit, auch "weil die Ehrenamtlichen dort so nett sind".

Gisela K. geht nicht in die Tafel. Ihr Geld reicht gerade so, um "ganz normal" in den Supermärkten oder Discountern einzukaufen. Ein wenig Entlastung hat sie vor kurzem erst erfahren, weil ihr Bruder ihr einen kleinen Betrag vererbt hat. Dennoch schaut sie auch weiter auf jeden Cent: "Ich bin es ja gewohnt, sparsam mit Geld umzugehen", sagt sie. Zum ersten Mal in ihrem Leben fühlt sie sich jetzt nicht mehr so abhängig von Anderen. "Das ist das Schlimmste", betont die 71-Jährige. Früher wäre sie aber ohne die Gaben in Form von Gemüse und Obst oder auch nach Schlachtungen von Eltern und Schwiegereltern kaum über die Runden gekommen.

Als die drei Kinder dann "aus dem Gröbsten raus waren", hat sich Gisela K. eine Arbeit gesucht, bekam eine Halbtagsstelle, die nach einigen Jahren auf Grund der schlechten Wirtschaftslage wegrationalisiert wurde. Mit 55 Jahren fand Gisela K. nichts Neues mehr, mit 60 ging sie in Frührente. Auf Grund der oftmals ausweglos erscheinenden Situation hatte sie immer mal wieder mit Depressionen zu kämpfen - aufgegeben hat sie aber nie. Genauso wenig wie Karin F., die vor wenigen Monaten noch nah dran war, den Lebensmut zu verlieren - sie fühlte sich am Boden zerstört.

Auch Karin F. war alleinerziehend, musste schon immer mit wenig Geld auskommen. Dass es im Alter so wenig sein würde, "das hätte ich nie gedacht". Und dennoch gibt sie nicht auf. "Ich bin eine Kämpfernatur", sagt sie und lächelt. Dankbar ist sie für jede Hilfe, die sie erhält. Nicht nur von der Tafel, sondern auch vom Sozialen Reparaturdienst. Ob sie Wünsche hätte, die sie sich mit mehr Geld erfüllen könnte? "Na klar", sagt sie. Viele. Aber auf die Schnelle fällt ihr gar nichts ein. Offensichtlich ist sie daran gewohnt, mit der Armut zu leben. Nach etwas Zögern sagt sie dann: "Ich würde gerne meinen Sohn besuchen." Eine Fahrkarte in die weit entfernte Stadt kann sie sich aber nicht leisten. Und ihrem Sohn auf der Tasche liegen will sie auch nicht - "er hat ja selbst kein Geld".

Trotz aller Not, gibt Karin F. nicht auf - "ich bete jeden Morgen eine halbe Stunde", sagt sie. Das gibt ihr Kraft. Einen Wunsch hätte sie noch, der nichts mit Geld zu tun hat: "Ich würde gerne im Chor singen", sagt die 70-Jährige. "Aber ich kann keine Noten lesen", setzt sie verschämt hinzu.

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