Ein Hossa auf die Pappenheimer

Er parodiert sie alle: Obama, Angela Merkel, die Queen, Helene Fischer, Heino und Udo Lindenberg. Der Papiertiger und Verwandlungskünstler Ennio Marchetto war zu Gast in der Metzinger Stadthalle.

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Meister der (fast) 1000 Parodien: Verwandlungskünstler Ennio Marchetto trat beim VRM auf.  Foto: 

Hossa! Ennio Marchetto ist da und bringt die gesamte Musikgeschichte zu Papier. Und auf die Bühne. Als Pappkameraden und halblebige Karikaturen aus Fleisch und Pappe. In den wildesten Kombinationen: Als Marilyn Monroe trägt er üppige Oberweite, versprüht Herzen und singt "I Wanna Be Loved By You", bevor er sich zu Mona Rocking Lisa verwandelt, die auffällig mit den Augen zwinkert, die Lippen aufreißt, mit Händen, Armen und notfalls mit den Beinen wedelt und aus dem Rahmen tanzt.

Der Venezianer Maskeradenexperte kann aber nicht nur klassisch, sondern auch Hip-Hop, zum Beispiel mit den überdimensionalen Händen von Eminem, der sich plötzlich in Gloria Gaynor verwandelt: "I Will Survive". Der italienische Origami- und Travestie-Künstler unternimmt mit seinen Cartoons die gewagtesten Sprünge durch sämtliche Genres, Stile und Typen der Musikgeschichte. In Windeseile verklappt und entblättert er sich, und sofort geht's nach Arabien, wo eine Papier-Bauchtänzerin mit allem wackelt, was Marchetto ihr aufgezeichnet und angeklebt hat, seine Figuren sind natürlich immer recht freizügig unterwegs.

Und so werden seine Papierpersonen auf- und zugeklappt, entblättert und entfaltet, dazu pappt er sich noch eine gewagte Turmfrisur auf die Stirn und singt los. Also Playback, aber immer mit kräftiger Stimme, damit er ja auch sein Maul weit genug aufreißen kann, denn zarte Mimik ist nicht sein Ding, seine Moves und Grimassen sind immer reichlich übertrieben.

Ennio Marchetto ist eben nicht nur ein sensibler Pantomime, sondern auch ein Schlingel und Clown. Seine Figuren parodiert er im fliegenden Wechsel, meistens gibt es sie im Dreierpack und in den wildesten Kombinationen. Er tanzt und singt und gibt wieder irgendeine Popschranze in offenherzigen Papierfetzen, bevor er sich in Nullkommanix vom Sexbömbchen zur braven französischen Nonne mit Gitarre und so lieblichem Gesang verwandelt, dass man meint, die Heilsarmee sei da. So schickt er sein Publikum durchs Wechselbad der Gefühle und der Musikstile. Die Zuschauer freuen sich, wenn sie eine Figur sofort erkennen - ein klein wenig Rätselraten ist immer dabei.

Marchetto ist nicht nur Solo-Performer, sondern entfaltet auf der Bühne schon auch mal alle "Drei Tenöre" und schmalzt ein "O sole mio" durch den Raum, dass einem eiskalt den Rücken hinabschauert. Oder er macht gleich einen ganzen Gospelchor, der beseelt die Augen auf- und zuklappt und ein schmissiges "Oh Happy Day" gen Himmel schmettert.

Udo Lindenberg gibt er mit Markenzeichen Hut und total cool, während Karel Gott als Biene Maja durch die Gegend flattert. Die bombastisch-elegante Whitney Houston singt mit voller Inbrunst, leider hat bei ihr die Platte einen Kratzer, da vervielfacht sich die Dramatik.

Tina Turner ist da eher ziemlich rotzig unterwegs - "Simply The Best" - während es so allmählich zu allen anderen Promis aus Politik und Zeitgeschichte geht: Zu dezenter Klaviermusik kreiert ein wilder Einstein seine Formeln, während Jesus Christ Superstar die ganze Welt umarmt, ehe er sich in Conchita Wurst verwandelt.

Marchetto hat halt vor nichts Respekt, auch nicht vor Michael Jackson und Obama ("Daddy Cool"), der eine wundersame Wandlung erfährt in Richtung Boney M. Da darf eine Volksmusik nicht fehlen: "Servus, Grüezi und Hallo", schon kommt in der Stadthalle Stimmung auf, als auch schon die Krawallbrüder von Rammstein alles wieder zerstören. Marlene Dietrich ist derweil "Von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt", bis ihr das Gebiss herausfällt - Marchetto zeigt sie als eher reiferes Modell.

Die Queen wiederum darf zu "God Save The Queen" royalen Glanz verbreiten. Sie verliert auch kein Gebiss, im Gegenteil: Sie bekommt eines auf den Mund gepappt, und zwar die recht auffälligen Beißer von Freddy Mercury, und schon sind wir bei den anderen Queens: "I Want To Break Free!"

Bei so viel königlichem Gebaren will "Angie" auch mitspielen: Merkel hantiert mit ihrem Handy herum, als sie auch schon von der atemlosen Helene Fischer abgelöst wird, die eine Sauerstoffflasche braucht. Celine Dion lässt mit zitternden Lippen, viel Pathos und wehenden Haaren noch einmal die Titanic sinken, bevor auch noch Heino, Marianne Rosenberg und Elvis ihr Stelldichein geben und ihre Papierknie wackeln lassen.

Aber Rex Gildo kann da mit seiner Fiesta Mexicana locker mithalten: Hossa!

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