Dr. Heinz und Mister Liu

Eine Bonner Stiftung schickt Experten als Wissenschafts-Botschafter ins Ausland. Einer von ihnen stammt aus dem Ermstal und ist firm in Sachen Zähne.

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Dr. Heinz Kleineikenscheidt, Senior Experts, Metzingen  Foto: 

In China, und das dürfte seit der im Fernsehen fast täglich angebotenen Flut an Dokusoaps ein Allgemeinplatz sein, in China also isst man gerne alles. Und mit alles ist auch fast alles gemeint. Alles, was vier Füße hat, etwa. Mit Ausnahme von Tischen und Stühlen. Nun ist es aber auch in China eine große Hilfe, dem Essen mit bissfesten Zähnen zu Leibe zu rücken. Denn nicht jeden Tag gibt es frisch gezapftes Blut einer Kobra zu trinken.

In Jiaozuo, einer Stadt mit 750 000 Einwohnern in der Provinz Henan, unterhält ein gewisser Mister Liu ein Hospital, das sich darauf spezialisiert hat, seinen Patienten Zahnimplantate einzusetzen. Sofort-Implantate, um genau zu sein. „Der kaputte Zahn kommt raus, das Implantat sofort rein“, so erklärt es Dr. Heinz Kleineikenscheidt. Bis vor vier Jahren praktizierte er als niedergelassener Zahnarzt in Metzingen, genießt nun aber seinen Ruhestand. Sofern es einem Menschen wie ihm Genuss sein kann, das Leben vor sich hinplätschern zu lassen, ohne selbst einzugreifen. Ein Blick in seine Vita genügt, um zu verstehen, warum er sich, 68-jährig, noch immer um zahnmedizinische Themen kümmert und eben nicht die Beine hochlegt und Kreuzworträtsel löst. Bereits Anfang der 1990er Jahre reiste er zwei Mal für die Organisation „German Doctors“ auf die Philippinen nach Mindanao.

Das ist ein Knochenjob für die Mediziner, die dafür ihren Jahresurlaub dreingeben. Nicht für Geld, Ruhm und Ehre, sondern um armen Menschen in benachteiligten Gebieten wenigstens einen Hauch dessen angedeihen zu lassen, was in den meisten westlichen Ländern zum rechtlich einklagbaren Standard gehört. Vergangenes Jahr war er dort nochmals in einem Rolling Team für die German Doctors unterwegs. In einem geländegängigen Kastenwagen mit Vierradantrieb, dessen Fahrer gleichzeitig als zahnärztlicher Helfer assistierte, eine Schwester firmierte als Dolmetscherin, ihre Kollegin war für die Patientenaufnahme zuständig, eine dritte hatte die fahrende Apotheke unter sich. Das Team übernachtete teilweise in den mitunter ärmlichen Hütten der dort lebenden Menschen. Durchaus luxuriöser hatte es Dr. Kleineikenscheidt kürzlich in eben jenem chinesischen Jiaozuo, wo er in einem Hotel untergebracht war. Sein Auftraggeber war auch keine Organisation, die sich der Elendsbekämpfung verschrieben hat, sondern der SES, der Senior Experten Service. Das ist eine Stiftung der deutschen Wirtschaft für internationale Zusammenarbeit.

Der SES bietet qualifizierten Menschen im Ruhestand die Möglichkeit, ihre Kenntnisse und ihr Wissen an andere weiterzugeben, auch im Ausland. Als ein Zahnarztkollege Dr. Heinz Kleineikenscheidt von dem SES berichtete und davon, dass sich ein Hospital in China für Implantationstechniken interessiert, bewarb sich der Metzinger Mediziner bei der Organisation in Bonn und wurde prompt angenommen. Mit neun Fachvorträgen im Gepäck reiste er nach Jiaozuo, wo er auf Einladung des Arztes und Zahnarztes Dr. Liu während seines dreiwöchigen Aufenthalts sein Expertenwissen weitergab. „Dr. Heinz“, wie er im Hospital anerkennend genannt wurde, konnte durchaus beeindrucken. Auch deswegen, weil er als junger Mann an einem Forschungsprojekt der Uni Tübingen beteiligt war. Dabei ging es um Sofortimplantate aus Keramik, was den Forschern 1978 den Jahresbestpreis der Deutschen Gesellschaft für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde einbrachte. Allerdings setzte sich die Technik seinerzeit nicht durch, die Keramik damaliger Bauart erwies sich als nicht haltbar genug. Das ist lange her. Die Keramik wurde besser, Titan allerdings sei allen anderen Materialien weit überlegen.

China in drei Wochen zu begreifen, erwies sich auch für einen studierten und in der Welt weit herumgekommenen Kopf als schiere Unmöglichkeit. Empfangen wurde Dr. Heinz mit großem Bahnhof. Extra angefertigte Banner mit seinem Namen als Schriftzug hingen an den Wänden, Fotografen knipsten auf ihn ein, als wäre er ein hoher Würdenträger des Bundespräsidialamtes, wenn nicht gar dessen Chef selbst, sogar ein Fernsehteam porträtierte ihn. „Wie man auf Deutsch Bruderschaft trinkt, habe ich erst in China gelernt“, erinnert er sich mit nur deswegen ungeteilter Freude, weil es ihm als Gast vergönnt war, das große Glas nicht randvoll mit Schnaps füllen zu müssen. „Doppelgebrannter Korn: der schmeckt grauenhaft.“ Übrigens trank auch Mister Liu nicht. Wenn er anderntags operiert, was er fast täglich mehrmals macht, soll ihm nicht der Tremor das Skalpell führen. Immerhin zeugen diese in jener Provinz praktizierten Trinkgewohnheiten davon, wie sehr Vorurteile das Denken beeinflussen. Asiaten, die wenig Alkohol vertragen? Die stammen jedenfalls nicht aus Henan, jener Region, in der das alte, traditionelle China seinen Ursprung hat. Dort sind die Menschen auch keineswegs klein, sondern eher hünenhaft groß, wie Dr. Heinz festgestellt hat. Seine 1,82 Meter jedenfalls reichen in Henan nicht fürs Gardemaß, was eines der Mitbringsel des deutschen Gastes unbrauchbar machte: Weil er wusste, dass einer seiner chinesischen Zahnarztkollegen Bayern-Fan ist, brachte er ihm ein Trikot mit. In Größe M, was nach einer kurzen Anprobe für Heiterkeit sorgte. Dr. Heinz Kleineikenscheidt hofft nun, dass einige der von ihm angepriesenen Fabrikate von den Chinesen gekauft werden. Denn dem SES geht es auch darum, deutschen Produkten einen Markteinstieg im Ausland zu ermöglichen. Vielleicht, sagt der Zahnarzt im Ruhestand, wiederholt er seinen Besuch in Jiaozuo. Zunächst jedoch lädt er Mister Liu und sein Team zu einem Gegenbesuch nach Metzingen ein. Dort kaufen sie bestimmt etwas. Und wenn es Anzüge sind.
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INFO
Vortrag: Am Mittwoch, 18. Mai, um 19.30 Uhr berichtet Dr. Heinz Kleineikenscheidt in der Medien-Akademie über seinen SES-Einsatz im „Jiaozuo Just Implant Hospital“ in der Provinz Henan in Zentralchina.
SES: Der Senior Expert Service (SES) in Bonn hat in Zusammenarbeit mit dem Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung die Aufgabe, Experten ins Ausland zu senden, um deutsche Techniken und Produkte weltweit bekannt zu machen.
Expertenwissen: Verschiedene Implantationstechniken einschließlich der prothetischen Versorgung, die Behandlung von Zahnfleischerkrankungen und das neueste Drei-D-Röntgengerät einer Firma aus Biberach, das eine Verminderung der Strahlendosis um bis zu 75 Prozent ermöglicht, hat Dr. Heinz Kleineikenscheidt während seines dreiwöchigen Aufenthalts in Jiaozuo dem Klinikpersonal und 80 Zahnärzten vorgestellt, die aus ganz China zu den neun Vorträgen des deutschen Zahnarztes angereist waren.

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