Die Ratten in der Stadt

Die hohen Niederschläge der vergangenen Wochen haben den Lebensraum der Ratten überflutet. Deswegen steigen sie aus den Abwasserkanälen dieser Stadt. Sehr zum Ärger ihrer Einwohner.

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Mit etwa 2000 Giftködern geht der städtische Bauhof dieser Tage gegen die Rattenplage in der Stadt vor. Es ist ein Großangriff auf die Nager, denen die meisten Menschen zwiespältige Gefühle entgegenbringen. Einerseits gelten sie als schlau und kümmern sich in ihren Rudeln um ihre Artgenossen, andererseits gelten sie als Überträger von Krankheiten, als hinterhältig oder zumindest als lästig. Ganz gewiss sind sie furchtlos, sagt Bernd Roller vom Bauhof: „Sie haben keine Angst, und wenn sie bedroht werden, greifen sie auch an.“ Er kennt sich aus mit Ratten. Schließlich bekämpft er sie seit 25 Jahren mit steter Regelmäßigkeit. Denn das, was Metzingens Einwohner derzeit bekümmert, kommt immer wieder vor. Regenwasser spült die Kanäle durch und reißt alles mit, was für die Ratten fressbar wäre. Manchmal steigt das Wasser sogar so hoch, dass den Tieren gar nichts anderes übrig bleibt, als aus den Schächten zu klettern.

Eberhard Müller, der Leiter des Bauhofs, berichtet von ungewöhnlich vielen Anrufen, die er in den vergangenen Wochen erhielt. Tenor der Gespräche: „Kommen Sie bitte, wir haben hier Rattenbefall.“ Deswegen, und weil sich Vorfälle aufs gesamte Stadtgebiet verteilen, hat der Bauhof zur großangelegten Herbstoffensive geblasen. Bernd Roller und ein weiterer zur Rattenbekämpfung befugter Kollege hängen an jeden einzelnen Kanaldeckel der Stadt und der Stadtteile einen dicken Draht, an dessen Ende ein Köder mit Gift baumelt. Und damit sie die Übersicht nicht verlieren, werden beköderte Deckel mit einem roten Punkt markiert. Es wird noch zwei bis drei Wochen dauern, ehe der letzte Köder hängt.

Ob die Ratten tatsächlich so schlau sind, wie manche sagen, und die Köder unberührt hängen lassen? Bernd Roller glaubt nicht an diese Mär von der Intelligenzbestie: „Ich habe noch keine Ratte Zeitung lesen sehen.“ In der Tat relativieren neueste wissenschaftliche Studien diese Einschätzung. Ratten seien nicht klüger als andere Tiere vergleichbarer Größe, doch sie sind übervorsichtig beim Fressen. „Was der Bauer nicht kennt“, gilt auch in den Abwasserkanälen und an Müllhalden. Ratten würden beispielsweise niemals eine Speise anrühren, nach deren Verzehr sich eine Artgenossin mit Krämpfen in den Eingeweiden am Boden wälzen würde, ehe ihr Lebenslicht gänzlich erlösche. Deswegen wirkt das Gift in den Ködern auch erst nach drei Tagen, wenn selbst die umsichtigste Ratte keinen Zusammenhang mehr zwischen Fressen und Sterben herstellen kann. Die Bauhof-Leute bringen die Köder aber ausschließlich in öffentlichen Kanälen aus. In Privathäuser oder auf frei zugängliche Grundstücke darf das Gift nicht gelangen: „Wegen Mieze und Lumpi“, wie Eberhard Müller sagt, also wegen der Haustiere. Insbesondere freilich, damit kleine Kinder mit den Ködern nicht in Berührung kommen können. Die Sorge indes, Hund oder Katze könnten durch heimlich dargereichtes Gift eingehen, sei eher unbegründet. Die müssten dann schon in etwa ihr eigenes Körpergewicht als Köder fressen, sagen Müller und Roller, wohl wissend, dass der Verzehr in kleineren Mengen aber auch nicht gerade wohltuend ist. Unaufgeräumte Keller, Abbruchhäuser, die Nähe zu Flüssen: Das sind Orte, an denen die Nager gerne mal nach Essbarem suchen. Durch einen zwei Zentimeter schmalen Ritz schlüpfen selbst erwachsene Tiere problemlos. Und die moderne Sage, wonach Ratten durchs Fallrohr bis in die Kloschüssel vordringen: Sie stimmt leider, sagt Eberhard Müller. Er habe so einen Fall schon mitbekommen.

Dass es in der Stadt derzeit überhand mit Ratten nimmt, dokumentier auch eine kleine Episode, wie sie sich gestern im Bauhof zutrug: Während Eberhard Müller und Bernd Roller die Köder für den nächsten Einsatz zurechtlegten, fuhr ein Metzinger Einwohner auf den Hof, stieg aus und brachte sein Anliegen vor: „Sie, hätten Sie mir nicht zwei Rattenköder?“

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