Die Freiheit, der Brexit und das schnelle Leben

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    Nadine Wilmanns hat den Schritt gewagt und sich in London ein zweites Standbein geschaffen. Foto: 
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    In London gibt es Kultur, wohin man blickt. Im Hintergrund ist die St. Paul’s Cathedral zu sehen. Foto: 
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Noch hat die junge Modedesignerin aus Metzingen den Überblick. Wenn Nadine Wilmanns morgens die Augen aufschlägt, muss sie nicht erst lange überlegen, wo sie ist. In ihrem Bett in Metzingen oder in dem in London? Das ist gar nicht selbstverständlich, denn sie lebt in zwei Welten. Zwei Monate im Ermstal, dann zwei Monate in der Hauptstadt Englands. In England verdient sie mit Mode ihr Geld, in Deutschland mit Schreiben und Fotografie. Was sie macht, soll kreativ sein. Und abwechslungsreich, so wie ihre zwei Lebensmittelpunkte, die einander so ähnlich sind wie Feuer und Wasser.

Frau Wilmanns, besser gesagt, Nadine, denn wir kennen uns seit mehr als zehn Jahren. Seit Du als Studentin bei uns als freie Mitarbeiterin angefangen hast. Du lebst inzwischen in London, zuvor hattest Du Modedesign in Reutlingen studiert und unter anderem bei Wolfgang Joop in Potsdam gearbeitet. Wie hat’s Dich nach England verschlagen?

Nadine Wilmanns Während eines Praktikums in London lernte ich meinen heutigen Freund flüchtig kennen. Als ich Monate später Freunde in England besuchte, haben wir uns wieder getroffen.

Und weil auch in England Modedesigner gebraucht werden, bist Du gleich dageblieben?

Wilmanns Nach meinem Master-Abschluss in Reutlingen, wo ich Modedesign studiert habe, zog ich zu meinem Freund. Das geht innerhalb der EU problemlos. Ich fand dann auch schnell Arbeit als Modell-Macherin.

Eine Modell-Macherin hat welche Aufgabe?

Ich bin für den Schnitt der Kleidung verantwortlich. So wie ein Architekt die Konstruktion für ein Haus macht, entwerfe ich die Konstruktion für ein Kleid.

Wie lebt es sich denn in London?

Es gibt da immer etwas zu sehen. Viel Kultur, irgendwas ist immer los. Der Nachteil: Es ist sehr teuer, und dann der Verkehr: Besser, man lässt das Auto stehen und nimmt die Tube (Anm. der Red.: U-Bahn in London). Die ist leider immer schrecklich überfüllt. Aber man lebt in London anonymer und ist deswegen freier. Ich würde immer in einer Stadt wohnen wollen.

Du hast einen kreativen Beruf, vermutlich stehst du nicht morgens um kurz nach 6 Uhr auf.

Doch, ich arbeite für ein Unternehmen, das funktionieren möchte und seinen Mitarbeitern abends um halb sechs den Feierabend gönnt. Geregelte Arbeitszeiten sind in der Modebranche allerdings ganz selten. Normal sind viele Überstunden, Wochenendarbeit und viel Stress. In der Hinsicht hatte ich immer viel Glück.

Hast Du viel mit berühmten Models zu tun?

Überhaupt nicht. Wir haben so genannte Fitting-Models. Die haben zwar Model-Figuren, schaffen es aber nicht auf den Laufsteg oder wollen es auch gar nicht. Das sind Studentinnen, an denen wir unsere Kleidung anpassen und die nebenbei lesen und lernen können. Ein ganz angenehmer Job.

Wie ist es um Deine eigene Karriere bestellt?

Ich bin seit Oktober Freiberuflerin. Ich wollte einfach flexibler sein und nicht immer den Chef fragen müssen, ob ich Urlaub bekommen kann. So kann ich problemlos für zwei Monate nach Metzingen, um meine Familie zu besuchen und als Journalistin tätig sein. Nebenbei studiere ich an der Freien Journalistenschule in Berlin. Das ist ein Fernstudium.

Warum konzentrierst Du Dich nicht komplett auf die Mode?

Das werde ich früher oder später vielleicht schon. An der Modebranche stört mich nämlich etwas: Da wird oftmals alles sehr billig produziert. Unter den Stoffen wird oft das Billigste vom Billigen ausgesucht. Trotzdem ist die Kleidung dann für den Endverbraucher auf mittlerem Niveau. Für so ein Kleidchen zahlen die Kunden schon mal 60 Pfund. Man kann sich vorstellen, wie Unternehmen arbeiten, die wesentlich günstiger verkaufen.

Wie die Modekette Primark, die in die Schlagzeilen geriet, weil Kunden einen eingenähten Hilferuf in einer Hose fanden. Von elenden Arbeitsbedingungen war dort die Rede. Offenbar von einer Arbeiterin oder von einem Arbeiter dort hinterlassen. Primark hält das zwar für eine Fälschung, aber denkbar ist in dieser Branche vieles.

Auch deswegen: Sollte ich mich selbstständig machen, dann mit Öko-Mode, es ist einfach ein schönes Einkaufserlebnis, wenn ich weiß, dass für meine Kleidung niemand Überstunden machen musste bis zum Umkippen.

Apropos umkippen. Wie ist denn die Stimmung in London, jetzt vor dem Brexit und nach Trump?

Für mich persönlich ist der Brexit blöd. Man weiß ja nicht, was auf uns Ausländer zukommt. Mehr Bürokratie wird es auf jeden Fall werden. Bisher war es easy, bald werde ich wohl ein Visum brauchen.

Und die allgemeine Stimmung?

Die Menschen sind gespalten. Die meisten glauben im Moment noch, bei der Brexit-Abstimmung richtig entschieden zu haben. Und wer für den Brexit war, sieht sich in der Trump-Wahl nachträglich bestätigt. Die anderen warnen davor, dass bald die Banken abwandern und Arbeitsplätze wegfallen.

Das hört sich nach einer tiefen Verunsicherung an.

Das stimmt. Die Leute spüren diesen weltweiten Trend zu Populismus und Nationalismus. Es gibt viele Reiche in diesem Land. Aber auch viele Arme, die Mittelschicht wird immer weniger.

Wie organisierst Du Dein Leben?

Zwei Monate hier, zwei Monate da, einen Modefotografie-Kurs habe ich in England gemacht, hier studiere ich Journalismus: Jetzt muss ich noch einen Weg finden, wie ich als Freiberuflerin und Kreative gut leben kann.

Gehörst Du jener Generation an, die das Leben nicht so ernst nimmt?

Ich nehme es schon ernst. Aber ich denke erst mal an jetzt. Ich habe null Altersvorsorge. Das Leben geht so schnell, dann findet man sich plötzlich in Situationen, an die man vor Jahren noch gar nicht dachte. Lieber weniger Geld, dafür aber frei sein.

Was macht mehr Spaß, Mode, Schreiben oder Fotografieren?

Alles. Bei kreativer Arbeit kommt man in so einen Flow, man merkt gar nicht, dass man arbeitet. Es ist ja nicht so, dass man etwas einfach nur abarbeitet. Das gilt auch für die Mode. Anfangs ist es schwer, den Einstieg zu finden, dann entwickelt sich auf einmal eine Eingendynamik.

Wachst Du morgens auf und weißt im ersten Moment nicht, ob Du in Metzingen oder in London bist?

Nein, komischerweise nicht. Aber ich habe manchmal das Gefühl, dass die Dinge schon wieder vorbei sind, bevor ich sie richtig greifen kann.

Was ist Dein Lieblingsplatz in London?

Ich mag es auf der Brick Lane, im Osten Londons. Da habe ich gewohnt, als ich zum ersten Mal nach London gezogen bin. Deswegen fühle ich mich dort immer noch ein bisschen zu Hause. Und die Docks: Vor 50 Jahren machten dort Frachtschiffe fest, das Land drumherum war Marschland. Heute sind da die Cable-Cars. Das ist eine Seilbahn über das Wasser mit ganz schöner Aussicht.

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