Die feine Adresse des Gesangs

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Geschichte wiederholt sich also doch. Jedenfalls ein bisschen. Im 19. Jahrhundert galt der 1837 gegründete Liederkranz Metzingen als feine Adresse. Damals tief im gesellschaftlichen Leben verwurzelt, war der Chor unverrückbarer Bestandteil des öffentlichen Lebens. Er veranstaltete Konzerte und rauschende Bälle.

Zutritt zum stolzen Gesangsbund gab es allerdings nicht für jedermann. Weibliche Sängerinnen waren ganz außen vor und auch die Metzinger Herrschaft kam nur vereinzelt und gemäß ihres gesellschaftlichen Standes zum Zuge. Der Liederkranz war damals, als man vor allem in den wenig geschäftigen Wintermonaten zu Singstunden zusammenkam, vor allem sozialer Kristallisationspunkt der Stadtprominenz: „Nur jemand der etwas galt, durfte in den Chor“, erzählt Ingeborg Cartarius, seit 2013 Liederkranz-Vorsitzende.

Cartarius’ Vorname deutet es an: In den vergangenen 180 Jahren hat sich vieles innerhalb und außerhalb des einst reinen Männerchores getan. Eines aber blieb: Es traut sich nicht jeder, an die Vereinspforte zu klopfen. War es damals die elitäre Aura, in die man sich hüllte, ist es nun das Gesangsniveau, das Respekt einflößt. Verantwortlich hierfür zeichnet vorneweg der musikalische Leiter, Gunther Rall. 2010 übernahm der vielbeschäftigte Musikpädagoge den Taktstock beim Liederkranz. Und dass, nicht etwa zufällig, sondern wegen des hohen Niveaus, das er in Metzingen vorfand.

Musik im Allgemeinen und Chormusik im Speziellen, ist integraler Bestandteil seines Lebens. Insgesamt betreut er sieben Singgruppen aus der weitgefassten Region. „Singen macht glücklich, gesünder und intelligenter“, stellt der 47-jährige fest, bedauert aber gleichzeitig: „Trotzdem strömen die Leute nicht in die Chöre.“

Ein Schicksal, das der Metzinger Liederkranz mit vielen anderen Chören teilt. Angegangen hat Rall die Situation nicht mit weniger, sondern mit mehr Engagement: Um auch neue Sänger an den Chor zu binden, rief er 2012 die eigenständigen „metSingers“ ins Leben. Der Frauenchor ergänzte fortan den 30-köpfigen Stammchor und bringt nicht nur eine andere Stimmfarbe mit, sondern widmet sich verstärkt auch der internationalen und aktuellen Chorliteratur und lockt damit neue und jüngere Sängerinnen an. Bewegt sich das Alter der 23 „metSingers“ zwischen 20 und 70 Jahren, rangiert es beim 30-köpfigen Stammchor zwischen 60 und 80. Einzelne Sänger sind seit unglaublichen 65 Jahren dabei.

Die lange Tradition des Stammchores möchte Rall, ebenso wenig wie Cartarius, abbrechen lassen. Gleichwohl wissen beide, dass der ehrwürdige Chor eines Tages durch die „metSingers“ abgelöst werden könnte. Beide Formationen absolvieren im Jahr eine handvoll Auftritte. Wohlbekannt sind etwa die Kaminkonzerte der „metSingers“ im Holy-Keller. Gemeinsame Musikstunden sind nicht zuletzt wegen des unterschiedlichen Liedguts selten.

In diesem Jahr, da der Liederkranz 180 Jahre alt wird, kommt es allerdings gleich zu zwei Gelegenheiten. Sind die Vorbereitungen für die swingende Geburtstagsparty am 13. Mai schon in vollem Gange, steht bereits am 28. Januar das erste Highlight an. Es erreicht beinahe die Dimension der „Carmina Burana“-Aufführung im letzten Jahr.

Am Samstag, 28. Januar, werden um 17 Uhr rund 150 Sängerinnen und Sänger aus vier Chören gemeinsam in der Martinskirche zu hören sein. Der Liederkranz mit den „metSingers“ haben sich mit dem Sängerbund Altdorf, dem Göppinger Liederkranz und dem Chor der freien Waldorfschule Böblingen zusammengetan und machen mit dem Konzert, das den Titel „Bleib bei uns“ trägt, auch in Sindelfingen, Neckartenzlingen und Göppingen Station. Während des rund 75-minütigen Konzerts, in Metzingen begleitet durch Kantor Stephen Blaich am Klavier, werden durchaus anspruchsvolle Namen, wie Felix Mendelssohn Bartholdy auf den Notenblättern stehen. Eine Herausforderung für die Chöre, „wunderbare Musik“ und einen tollen, teils achtstimmigen  Klang, stellt Ruf den Gästen in Aussicht.

Das Konzert verspricht zudem zur Werbung in eigener Sache zu werden, was fulminante, da klangstarke Chormusik, aber auch was den Liederkranz selbst betrifft. Zwar sagt Ingeborg Cartarius, dass neue Sänger aufgrund der vorhandenen Qualität derzeit nicht zwingend gesucht würden, da man man vor allem auf Klasse statt Masse setze. Doch abweisen würde sie wohl trotzdem niemanden, der sich nur traut anzuklopfen.

Das Konzert am 28. Januar in der Metzinger Martinskirche um 17 Uhr, ist bereits das Dritte der kleinen Tournee. Zuvor gastierten die Chöre in Sindelfingen und Neckartenzlingen. Wer in Metzingen auf den Geschmack gekommen ist, der hat am 29. Januar die erneute Chance: Um 18 Uhr in der Göppinger Christkönigskirche.

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