Der Wein und seine guten Geister

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Unser Bild zeigt von links: Walter Veit, Christel Linder und Martin Schadenberger.  Foto: 

Die 70er Jahre waren für manche Überraschung gut. Die Studentenbewegung war gerade abgeebbt, doch ihrer Parole („Unter den Talaren, Muff von 1000 Jahren“) fühlten sich nun insbesondere Architekten und Städteplaner verpflichtet. Statt freilich alten Zöpfen und Seilschaften in Politik und Gesellschaft rückten diese historischen Gebäuden zu Leibe. Es war eine Zeit des Abreißens.

Kantiger Beton ersetzte Fachwerk, schwarzer Schiefer an den Fassaden galt als Inbegriff eines neuen Zeitgeists. Dem hätten in Metzingen beinahe die Keltern weichen müssen. Ihr Abriss war fast schon beschlossen. Damals war der Begriff „Wutbürger“ noch unbekannt. Die sich für den Erhalt jener historischen Schätze einsetzten, firmieren heute unter der Bezeichnung „Mutbürger“. Und sie hatten Erfolg. Metzingen hat als einzige Kommune Deutschlands sieben Keltern bewahrt und kultiviert (mit Neuhausen und Glems sind es insgesamt elf Keltern).

Heute kümmert sich um diese Gebäude neben der Stadt der Förderkreis Metzinger Keltern, mithin ein Verein mit 400 Mitgliedern, von denen etwa 50 aktiv mitarbeiten. Sie sind die guten Geister des Weinbaus.

Wir sitzen hier im Wengerterhäusle am Kelternplatz. Das Weinbaumuseum und die Vinothek sind keine 50 Meter entfernt. Hier ist Weingenießen Kultur.

Walter Veit Schon erstaunlich, wie sich alles entwickelt hat. Vor etwas mehr als 50 Jahren haben viele Metzinger gesagt, „reißt es doch ab, das alte Gerümpel“. So wäre es wahrscheinlich auch gekommen, hätte sich der Denkmalschutz nicht gegen den Abriss gestellt. Ein Umdenken setzte ein. Mit Unterstützung eines Stuttgarter Planungsbüros und des damaligen Bürgermeisters Eduard Kahl machte sich eine Initiative für den Erhalt der Keltern stark. Örtliche Antriebsfeder war die heutige Ehrenbürgerin der Stadt, Eva-Maria Weiblen, sie hatte viele Mitstreiter. 1978 wurde der Förderkreis Metzinger Keltern gegründet.

Die Keltern blieben stehen. Sieben an der Zahl. Sie sind restauriert und mit Leben gefüllt.

Veit 1979 wurde das Weinbaumuseum eingerichtet. Aber es war ein Sommer-Sonntags-Nachmittagsmuseum. Wir konnten nur in der warmen Jahreszeit öffnen. Es war nicht isoliert, es gab keine Heizung. Schließlich wollten wir es ganzjährig erlebbar machen. Unter der Regie von Friedrich Lemmer haben wir einen Arbeitskreis gebildet und Fachleute hinzugezogen. Seit der Umgestaltung 2009 können wir das Museum auch im Winter unseren Gästen anbieten.

Sie bieten Führungen und Weinproben an, zudem dienen Museum und Wengerterhäusle als Veranstaltungsräume für private Gesellschaften. Was unterscheidet diese Räumlichkeiten von anderen Veranstaltungsorten?

Martin Schadenberger Wer bei uns feiern möchte, dem bieten wir Weinkultur. Wir bieten Weinproben im Wengerterhäusle in Kombination mit Museums- oder Weinerlebnisweg-Führungen an.

Christel Linder Das entspricht unserer Vereinssatzung. Veranstaltungen müssen immer mit der Weinkultur zu tun haben. Zudem schenken wir selbstverständlich den Metzinger Wein aus.

Metzingen ist ja hauptsächlich wegen der Outlets bekannt. Zieht auch der Wein Touristen an?

Veit Der frühere OB Dieter Hauswirth hat es mal so formuliert: Metzingen, die freundliche Einkaufsstadt und die traditionsbewusste Weinbaugemeinde. Unser Konzept, Wein und Kultur zu vereinen, und das Weinbaumuseum mit Veranstaltungen zu beleben, ist erfolgreich. Mit Veranstaltungen erreichen wir mehr Leute, das ist schon ein guter Angelhaken. Außerdem haben wir unsere Keltern nicht abgerissen. Eine Kelter haben viele Gemeinden stehen lassen, aber wir sind die einzige mit sieben Keltern auf einem Platz. Das ist ein Alleinstellungsmerkmal.

Linder Natürlich eröffnet uns das Internet ganz neue Möglichkeiten. Inzwischen erhalten wir fast täglich Anfragen.

Herr Schadenberger, Sie sind einer der Experten für Weinproben. Gehören Sie auch zu den Metzingern mit eigenem Weinberg?

Schadenberger Das stimmt sogar. Beinahe. Meine Schwiegermutter war damals im Pflegeheim des Evangelischen Diakonissenrings, als dort das Haus am Weinberg gebaut wurde. Aus einer Laune heraus bot ich dem Heimleiter an, dort einen kleinen Weinberg anzulegen. Im Jahr 2010 pflanzte ich etwa 50 Rebstöcke verschiedener Tafeltrauben, auch kernlose Sorten, die von älteren Bewohnern bevorzugt werden.

Ausgerechnet jemand, der Weinproben anbietet, pflanzt Tafeltrauben. Ist das kein Sakrileg?

Schadenberger Natürlich ist es viel angenehmer, den Wein zu trinken.

Veit Wein war schon immer als keimfreies Getränk geschätzt.

Heute trinken wir Wein wegen ganz anderer Vorzüge.

Schadenberger Die Qualität unserer Weine ist inzwischen hervorragend. Da haben die Wengerter in den vergangenen Jahren alles richtig gemacht. Es gibt feine Geschmacksunterschiede. In den Weinproben ist es immer ein Spaß, die Leute da hinzuführen, wo das Weintrinken zum Genuss wird.

Woher kennen Sie sich so gut aus?

Schadenberger Ich habe das von der Pike auf gelernt. Als ich Rentner wurde, wollte ich mich im Förderkreis einbringen. Dazu war für mich wichtig, die Arbeit im Weinberg kennen zu lernen. Die Weingärtnergenossenschaft hat mich zusätzlich auf die Weinbauschule geschickt, wo ich zum Weinerlebnisführer ausgebildet wurde. Präsentieren konnte ich als Produktmanager für Gabelstapler schon vorher, aber das Wissen über Wein habe ich mir erst auf der Schule geholt. Inzwischen werden jährlich vom Förderkreis über 100 Veranstaltungen durchgeführt.

Und Ihr Weinberg beim Altenheim? Haben sie für den auch noch Zeit?

Schadenberger Ja. Allein würde ich es kaum schaffen. Ein Ar ist für einen allein sehr viel, aber mit meinen Kollegen vom Förderkreis ist der sechsmalige Einsatz im Jahr ganz lustig. Ich habe dem Leiter des Diakonissenrings übrigens eine Bedingung gestellt: Wenn ich selbst mal Bewohner würde, wünschte ich ein Zimmer mit Blick auf meinen Weinberg.

Veit Dann kannst Du vom Fenster aus die Staren vertreiben. Nicht unerwähnt bleiben darf das Engagement des eingespielten FMK-Teams bei den größeren öffentlichen Veranstaltungen auf dem Kelternplatz: Beim zweitägigen Kunstmarkt an Pfingsten übernimmt der FMK die Bewirtung der Besucher. Beim neuntägigen Kelternfest wirken mehrere Metzinger Vereine mit; die Oberregie liegt beim FMK. Beim Weihnachtsmarkt gibt’s im Wengerterhäusle das beliebte Linsenessen.

Christel Linder hat zehn Jahre lang unter Mitarbeit anderer Vereinsmitglieder private Veranstaltungen im Museum und im Wengerterhäusle organisiert. Eine lange Zeit, wie sie selbst sagt. Jetzt möchte sie sich ins Vereinsleben in der zweiten Reihe einbringen, was ihr der Vorsitzende Walter Weit durchaus gönnt. Allein: Ohne ihre organisatorischen Fähigkeiten, wird es der Verein schwer haben. Kurzum: Der Verein sucht eine adäquate Nachfolge für Christel Linder.

Der Vorstand des Förderkreises denkt an jemanden, der nicht voll im Beruf steht oder zumindest nicht voll ausgelastet ist. Die Arbeitszeiten sind flexibel, der zeitliche Aufwand variiert je nach Jahreszeit.

Zu den Aufgaben gehört die Organisation von Weinproben sowie Museums- und Weinerlebnisweg-Führungen. Das fängt beim Beratungsgespräch an, setzt sich beim Erstellen und Versenden eines Angebots fort, beinhaltet Treffen vor Ort und die Abstimmung mit dem Service-Team für Führungen und fürs Catering. Schließlich muss noch die Rechnung erstellt und verschickt werden.

Das alles lässt sich von zu Hause aus erledigen, allerdings sind bestimmte Anwesenheitszeiten im Home-Office erforderlich. Die Honorierung erfolgt nach Vereinbarung, sagt der Vorsitzende Walter Veit. Wer Interesse hat, kann sich bei Walter Veit, ☎ (0 71 23) 2 12 36 melden oder per E-Mail: walterveit@gmx.de; Homepage: www.weinbaumuseum-metzingen.de

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