Der Platz des himmlischen Schweigens

Deutschland ist ein Meer aus roten Punkten. Jedenfalls auf der Landkarte der Tibet-Initiative Deutschland. Dort ist jede Stadt markiert, die gestern die tibetische Fahne gehisst hat. Auch Metzingen.

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Die Volksrepublik China hat die abgelegenen Dörfer Tibets vom Joch eines feudalen Unterdrückungssystems befreit. Das war 1949 und spiegelt in dieser Formulierung eine Sicht wider, wie sie der Große Vorsitzende Mao Tse-tung damals als offizielle Sprachregelung herausgab. Nun kann man die Dinge auch anders deuten, was die Tibeter durchaus taten und in der vermeintlichen Befreiung eine Annexion sahen. 1959 lehnten sie sich dagegen auf in Form eines gewaltlosen Volksaufstandes, der laut Angaben der Tibet-Initiative Deutschland (TID) 87 000 Tibetern das Leben gekostet haben soll. Gestern jährte sich der Aufstand in Lhasa, weswegen sich im gesamten Bundesgebiet hunderte Städte und Gemeinden solidarisch mit Tibet zeigten und die Flagge des einstmals eigenständigen Landes hissten.

Eine Grafik auf der Internetseite der Tibet-Initiative verdeutlicht, wie groß die Solidarität mit dem Land ist, aus dem der Dalei Lama ins Exil fliehen musste. Für jede Flagge gibt es einen roten Punkt auf einer Deutschlandkarte, die bei nicht allzu starker Vergrößerung wie ein einziges rotes Punkte-Meer aussieht. Einer davon steht für das Metzinger Rathaus. Dass freilich jene gut betuchten Chinesen, die täglich am Lindenplatz zu sehen sind, von ihrer Tour durch die Outletcity mit der Botschaft ins Reich der Mitte zurückkehren, die schwäbische Mode-Hauptstadt unterstütze den tibetischen Freiheitsgedanken, steht nicht zu befürchten. Die Outletcity ist fahnenpolitisch ein Platz des himmlischen Schweigens, und von den vielen Shopping-Touristen aus China kommt kaum einer am Rathaus vorbei. Gut gebrüllt, Löwe, könnte man da sagen. Aber es ist immerhin ein Zeichen. Die Stadtverwaltung jedenfalls unterstützt bewusst die Tibet-Initiative. So hat es Alt-Oberbürgermeister Dieter Hauswirth schon gehalten, so sieht es auch sein Amtsnachfolger Dr. Ulrich Fiedler.

Wenn es freilich gelingen sollte, die Shopping-Ströme weit in die Innenstadt zu leiten, wird's politisch brisant. Dann riskiert Metzingen ernste diplomatische Verwicklungen mit China.

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