Der perfekte Moment

So wie sich die Mondsichel an diesem Abend im seidigen Gespinst der Wolken verfängt, zieht die Metzinger Künstlerin Gaby Staudinger feine Grenzen zwischen dem, was zerfließt, und dem Wahrhaftigen.

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In der Grundschule hatte sie bei einem Zeichenwettbewerb ein Bild eingereicht. Das könne nicht sein, das haben deine Eltern gemalt, wurde ihr vorgeworfen. Aus Protest hat sich Gaby Staudinger damals für Jahre dem Malen verweigert. Kinder sind wahrhaftig. So sind die Bilder von Gaby Staudinger noch heute: Hinter jeder durchscheinenden Pigmentschicht steht etwas Reales. Nichts entflieht ewig. Es wird durch das Handwerkliche in genau skalierten Grenzen gehalten. Der fotografische Blick hält fest, was zu entgleiten droht und gibt ihm dadurch Gewicht.

Gaby Staudinger, bis 2013 Dozentin an der VHS Metzingen, ist angetan von der Schönheit ihrer Heimat. Ein älterer Bilderzyklus aus der Toskana erweitert nur die Bandbreite der Motive. Sie hat in den letzten Jahren sehr viel im Bann der Alb gearbeitet und sich in die Zartheit edler Blüten verliebt. Der "Blaue Traktor" neben einem alten Bauernhaus ist eine Ausnahme. Er heißt nicht nur so, er tuckert auch gleich aus dem Bild. Solche Motive findet man selten in Aquarell. Die Menschen auf dem Florian, beim Spaziergang durch die Metzinger Weinberge oder auf dem Metzinger Markt beim alten Rathaus sind farblich nur eine Andeutung, figürlich kalkuliert und dadurch wesentlicher Bestandteil.

Auch Menschen entdeckt man in dieser Technik sonst eher selten. Aquarelle sind häufig Stillleben und flüchtige Landschaften zwischen Wirklichkeit und Traum. Gaby Staudingers Personen sind real und in der Zeit. Sie traut ihrer Technik. Holt ihre Motive ins Leben und ins Jetzt. In Farben und Konturen, die selbst einer Winterlandschaft etwas Warmes, Anheimelndes abgewinnen.

"Diese Ausstellung hat etwas mit Authentizität zu tun", erklärt die Metzinger Galeristin Bettina Scharping zur Vernissage, "Kunst ist ein ewiges Abenteuer. Kunst ist." In diesem Fall ist Kunst Gaby Staudinger: "Eine stille Gestalterin, die mit der Möglichkeit des Schönen operiert. Sie möchte die Welt ins richtige Licht rücken, ohne einfach, oberflächlich oder sentimental zu wirken." Das einfallende Licht durchdringe die Pigmentschicht wie eine transparente Glasscheibe. Ein Aquarell mit seinem großen Spektrum an Ausdrucksmöglichkeiten müsse ständig beobachtet werden. Nicht alles verlaufe so, wie und wo man es sich gedacht habe. Es sei viel Zufälliges dabei. Es gebe keine Korrekturmöglichkeit. Deshalb sei Aquarellmalen so schwierig "und Gaby so gut". Ihre Kunst sei die Schönheit hinter dem Vordergründigen und das Festhalten des Einzigartigen im Moment. Nur einem beobachtenden Menschen werde bewusst, wie bezaubernd Schönheit, Ästhetik und Natürlichkeit in diesem Augenblick sind. "Der perfekte Moment der Vergänglichkeit."

Das "Staudinger-Ensemble" aus dem weiteren Familienkreis inszenierte zur Vernissage in der Metzinger Kreissparkasse passend "Viva la Vida". Gaby Staudinger stammt nicht aus einer künstlerischen Familie, verneinte ihr Mann Achim auf Anfrage, "aber ihr Vater ist ein wundervoller Mensch. Sie hat viel von ihm mitbekommen".

Info Die Ausstellung "Hingeschaut" ist noch bis zum 24. Oktober in der Kreissparkasse Metzingen zu sehen.

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