Das waren wilde Zeiten

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Norbert Schimanski stand ein halbes Leben im Dienst der Volkshochschule Metzingen-Ermstal.  Foto: 

Wer die Volkshochschule Metzingen-Ermstal kennt, kennt auch Norbert Schimanski. Mal als Leiter, mal als Stellvertreter, als Programmplaner, Dozent, Buchhalter oder gar als Aufbauhelfer – über drei Jahrzehnte war der Wittlinger „Mädchen für alles“ der VHS. Damit ist nun Schluss, in wenigen Wochen verabschiedet sich Norbert Schimanski in den Ruhestand. Zuvor hält er eine kleine Rückschau.

Herr Schimanski, bald haben Sie es geschafft. Nach 33 Jahren bei der VHS Metzingen-Ermstal naht der Ruhestand.

Norbert Schimanski: Ich sehe das mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Die VHS Metzingen ist ja auch mein Baby, aber jetzt ist sie erwachsen geworden, steht auf eigenen Beinen und ich habe das gute Gefühl, dass ich gehen kann.

Wie war das damals? Waren es starke Geburtswehen?

Bei der Gründung 1981 war ich noch nicht dabei. Ich kam erst 1985 als Dozent dazu und wurde ein Jahr später vom damaligen Leiter Wolfgang Köppl als hauptamtlicher pädagogischer Mitarbeiter fest nach Metzingen geholt.

Für die Jüngeren unter uns: Wie muss man sich die VHS der 1980er Jahre in Metzingen vorstellen?

Wir hatten einen einzigen Raum im Milchhäusle. Weil es keine eigenen Unterrichtsräume gab, fanden unsere Kurse an 20 verschiedenen Stellen in ganz Metzingen statt. Das war natürlich ein riesiger organisatorischer Aufwand. Herr Köppl und ich haben oft morgens um 8.30 Uhr mit der Arbeit begonnen und sind dann bis nachts um 3 Uhr gesessen. Es war eine kuriose, eine wilde Zeit. So was kann man sich heute gar nicht mehr vorstellen. Während meiner ersten Jahre gab es dann eine spürbare personelle Verbesserung. Die VHS musste dabei allerdings finanziell in Vorleistung gehen, was dann mitunter auch mal zu Problemen geführt hat.

Können Sie das mit der „wilden Zeit“ noch etwas ausführen, zu den Finanzen kommen wir später?

Die Arbeitsweise war damals anders: Man hatte eine Idee und hat die dann einfach umgesetzt. Heute müsste man erst ein Konzept erstellen. Wir haben zum Beispiel mal einen Lehrgang mit berufsorientiertem Deutsch für Ausländer, zusammen mit dem Arbeitsamt, innerhalb von zwei Tagen aus dem Boden gestampft. Wir hatten von den Fördermöglichkeiten gehört, ein bisschen telefoniert und zwei Tage später fand der Kurs mit Lehrplänen und Zulassung des Kultusministeriums in den Fachkliniken in Bad Urach statt. Heute ginge das nicht mehr so.

Dabei lief die gesamte Organisation ja damals noch ohne Computer ab...

...obwohl wir auf diesem Gebiet, wie auf vielen anderen auch, Vorreiter waren. Wir waren die erste Volkshochschule in Baden-Württemberg, die Computerkurse angeboten hat. Wir waren auch die Ersten, die Apple-Computer angeschafft haben. Oder beim Thema Internet: Die Adresse www.vhs.de gehört uns in Metzingen, dafür bekommen wir heute noch Nutzungsgebühren, weil wir die Bedeutung des Internets eben als Erste erkannt hatten.

Welche Errungenschaften gehen noch auf das Konto der VHS Metzingen-Ermstal?

Zum Beispiel die Ermstäler Literatur- und Kulturtage, die wir 1989 ins Leben gerufen haben. In diesem Zusammenhang ist die enge Kooperation mit der Stadtbücherei zu erwähnen. Wir hatten sogar so berühmte Schriftsteller wie Herta Müller zu Gast, die später dann ja den Nobelpreis erhielt. Oder die Kooperation mit unseren Sportvereinen TuS Metzingen und TV Neuhausen. Eine solche Konstellation war über Jahrzehnte einmalig in Baden-Württemberg, dabei haben beide Seiten stark davon profitiert.

In unserem Rückblick residiert die VHS immer noch im Milchhäusle.

Das haben wir 1990 verlassen und sind ins alte Bauamt der Stadt Metzingen in der Reutlinger Straße gezogen. Heute ist in dem Gebäude das Schiesser-Outlet untergebracht. Dort wurde ich 1992 dann offiziell stellvertretender VHS-Leiter.

Als Leiter beziehungsweise Stellvertreter rückt man dann aber auch in die Verantwortung.

Oh ja, es ging natürlich oft ums Thema Geld. Wir haben von der Stadt damals einen jährlichen Zuschuss von 100 000 Mark bekommen. Der Landeszuschuss für Volkshochschulen ist in Baden-Württemberg traditionell deutschlandweit am geringsten. Ministerpräsident Lothar Späth hatte seiner Zeit versprochen, den Zuschuss auf 10 Mark pro Unterrichtseinheit zu erhören. Wir haben übrigens immer zwischen 15 und 18 000 Unterrichtseinheiten angeboten. Doch Späth ist damals bekanntlich aus der Politik verschwunden, genauso sein Versprechen. Es blieb also bei drei bis vier Mark. Aber die Finanzen sollten erst einige Jahre später zum richtigen Problem werden.

Nämlich wann?

Anfang 2003 sind wir aus dem Bauamt an unseren heutigen Standort in der Inneren Heerstraße gerückt. Es war ein Gebäudetausch zwischen der Stadt und Holy. Der Zustand in diesem alten Industriegebäude war desolat, aber wir haben uns vor nichts gefürchtet, auch weil sich dafür unsere Fläche von 600 auf 1200 Quadratmeter vergrößert hat. Wir durften bei der Innengestaltung mitwirken, was die Sache ein wenig verteuert hat. In den neuen PC-Raum haben wir 90 000 Euro investiert, hatten damit die aktuellsten Geräte, weswegen Kursteilnehmer aus ganz Süddeutschland nach Metzingen kamen. Der Schlag kam dann, als die Kurse vom Arbeitsamt wegfielen. Die wurden dann nicht mehr von Reutlingen aus, sondern zentral von Nürnberg vergeben. Alle Kurse mussten bundesweit ausgeschrieben werden, nur waren einige Privatanbieter eben billiger als die Volkshochschulen. Uns ist damals mit einem Schlag ein Umsatz von zehn Prozent weggebrochen, der aber zuvor hochprofitabel war.

Dann musste etwas Neues her.

Stimmt. Wir haben damals zum Beispiel, wieder als erste, Ballettkurse angeboten. Oder die x-pert-Business-Kurse zur beruflichen Fortbildung. Auch wegen dieser Phase ist die VHS heute noch so vielseitig aufgestellt. Trotzdem waren bis 2005  rund 125 000 Euro Schulden aufgelaufen.

Keine rosigen Aussichten...

Die Stadt hat die Schulden damals komplett übernommen. Im Gegenzug sollten wir natürlich wieder wirtschaftlicher werden. Den Abriss unseres Ateliers konnten wir damals nur mit viel Eigenleistungen abwenden, die Fliesen dort habe ich zum Beispiel selbst gelegt. Und der damalige OB Hauswirth wollte, dass wir mit der VHS Reutlingen fusionieren. Herr Köppl ging drei Monate später in den Ruhestand, er überließ mir deswegen die Entscheidung. Ich war gegen die Fusion.

Aber sparen mussten Sie ja trotzdem.

Wir haben personelle Einsparungen vorgenommen, die Stelle von Herrn Köppl habe ich für knapp eineinhalb Jahre kommissarisch übernommen. Das war eine echte Leidenszeit mit unglaublich viel Arbeit für mich, aber ich habe nicht aufgegeben und habe mich dann offiziell auf die Leitungsstelle beworben. Trotz meines Vetos bei der Fusion hat mir bei der Abstimmung nur eine Stimme gefehlt.

Stattdessen kam Frau Püschel für drei Jahre nach Metzingen.

Nach einer kurzen Eingewöhnungsphase kamen wir prima miteinander aus. Sie hat unsere Akzente natürlich leicht verschoben und eine Datenbank neu eingeführt, die wir noch heute nutzen. Leider fallen zwei Projekte in diese Zeit, die nicht umgesetzt werden konnten, weil wir vielleicht auch nicht mit genügend Nachdruck da hinterher waren: Zum einen war das die Fusion mit der VHS Bad Urach, die dann ja mit Münsingen zusammen gegangen ist. Zum anderen hatten wir die Anfrage der Stadt auf dem Tisch liegen, ob das Familienzentrum nicht unter dem Dach der VHS organisiert werden könnte. Auch dazu kam es bekanntlich nicht.

Und nun leitet Oliver Beck seit 2014 die Geschicke der VHS.

Er hat die Verwaltung umstrukturiert und wir haben die Zertifizierung von der Arbeitsagentur erhalten. Wie schon gesagt, die VHS steht gesund da, ich kann gehen.

Kommen wir noch zur Bedeutung der VHS. Anhand der Kursschwerpunkte kann man sogar ein Stück weit gesellschaftliche Entwicklungen ablesen.

Das stimmt. Sprachkurse für Ausländer gab es bei uns schon immer, früher mehr für die Aussiedler, heute für Asylbewerber. Oder das Feld der beruflichen Fortbildung: Das Kursangebot passt sich natürlich immer den Gegebenheiten und Anforderungen des Arbeitsmarktes an. Und dann konnte man natürlich feststellen, dass vor allem Frauen unsere Kurse besucht haben.

Wieso das?

Es gab eine ganze Generation von Frauen, die für ihre Familie die Karriere geopfert hat. Nachdem die Kinder groß waren, wollten diese Damen entweder etwas für ihre Gesundheit tun, was sich bei uns im Fitnessboom gezeigt hat. Oder sie wollten wieder in die Berufswelt einsteigen und haben zuvor entsprechende Weiterbildungsmöglichkeiten gesucht und bei uns gefunden.

Apropos gefunden: Haben Sie auch schon eine Betätigung für Ihre viele Freizeit gefunden, wenn Sie nun in den Ruhestand treten?

Ich werde auf jeden Fall Geschäftsführer des Veranstaltungsrings in Metzingen bleiben, werde weiterhin in der Prüfungskommission des VHS-Verbands sitzen und möchte auch sehr gerne weiterhin hier als Dozent tätig sein. Und dann habe ich ja noch meine Familie zu Hause in Wittlingen, die freut sich ja vielleicht auch, wenn ich häufiger daheim bin.

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