Das schnelle Abi und die weite Welt

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Chiara Tortorella (19 Jahre) fühlt sich als Europäerin und hält nichts davon, zwei Monate in Thailand Party zu machen.  Foto: 

Zurzeit bin ich Praktikantin. Das ist die Standardantwort der 19-jährigen Chiara Tortorella, seit sie im vergangenen Jahr ihr Abitur gemacht hat.

Nach der Generation Praktikum arbeitet sich jetzt eine neue Generation ins Berufsleben vor. Junge Männer und Frauen, denen das Abitur fast zu früh ins Leben geschneit ist. Die durchs Turbo-Abi eingesparte Zeit verwenden sie für Praktika. Oder für Auslandsaufenthalte, bestenfalls, um eine Fremdsprache zu lernen. Schlimmstenfalls, um einige Monate Party in Thailand zu machen.

Chiara Tortorella ist seit März Praktikantin in der Lokalredaktion dieser Zeitung. Wir sprachen mit ihr über Schule, Beruf, Ausland und die große Politik.

Frau Tortorella, am Sonntag haben unsere französichen Nachbarn gerade noch eine rechtspopulistische Präsidentin verhindert. Interessieren sich 19-Jährige für solche Themen, insbesondere für Europa?

Chiara Tortorella Über die Bedeutung Europas haben wir bereits in der Schule gesprochen. Sollen wir uns als Deutsche fühlen oder als Europäer? Das ist schon ein Thema.

Ihr Vater ist Italiener, Ihre Mutter Deutsche. Und Sie?

Eigentlich ist das nichts Halbes und nichts Ganzes. Aber ich lebe hier, also fühle ich mich eher als Deutsche. In Italien sagt man den Deutschen Ordnungssinn und Pünktlichkeit nach. Diese Eigenschaften habe ich von meiner Mutter geerbt.

Gut, dann also Hand aufs Herz. Welcher ist Ihr Lieblingsverein?

Juventus Turin. Das habe ich von meinem Vater geerbt. Aber ich bin auch für den VfB.

Vor einem Jahr haben sie Abitur gemacht. Damals waren sie 18 Jahre alt. Zu jung, um ins Berufsleben durchzustarten?

In der Zwischenzeit habe ich einige Praktika vorzuweisen. Ich war in einer Apotheke, in einem Büro, ich habe mit Kindern gearbeitet und bin jetzt für drei Monate in der Lokalredaktion.

Man könnte ketzerisch behaupten, das Abitur kommt zu früh für junge Menschen, die gerade mal 18 geworden sind.

Das stimmt auch. Zudem hatte ich den Eindruck, dass man auf dem Gymnasium nicht so richtig aufs Leben vorbereitet wird. Eine Woche Praktikum ist zu wenig. Zwei Jahre lang haben wir uns nur auf die Abiprüfung fokussiert, danach steht man da und nimmt ein Jahr Auszeit. G8 ist wirklich stressig. Genau so gut hätten wir ein Jahr länger auf der Schule bleiben können, um dafür auf die Auszeit danach zu verzichten.

Ist das nur ein Gefühl, oder hat Ihre Generation Schwierigkeiten damit, im Leben anzukommen? Heutzutage möchten alle Fächer studieren, die es vor wenigen Jahren noch gar nicht gab. Wo bleiben da die Klassiker wie Geschichte oder Jura?

Der NC ist für manche Fächer sicher eine Hürde, aber noch nicht mal so sehr. Aber lohnen sich Sprachen? Ich könnte Englisch und Italienisch studieren. Doch was mache ich damit? Unternehmen wollen, dass man Fremdsprachen beherrscht, deswegen muss man sie aber nicht studiert haben. Dann bleibt mit dieser Kombination nur das Lehramt. Mit 19 kann ich mir nur schwer vorstellen, in ein paar Jahren Lehrer zu sein. Und Jura kann trügerisch sein. Man kommt leicht rein, aber viele brechen das Studium ab oder scheitern daran. Ich habe das Gefühl, viele drängen in moderne Fächer, etwa Touristikmanagement, Eventmanagement oder Industrial Design.

Was machen denn Ihre Mitabiturienten gerade?

Viele sind auf Reisen gegangen. Thailand, Australien, Neuseeland sind gerade beliebt. Ein Freund von mir war ein halbes Jahr auf Weltreise, eine Freundin ist in Kanada und arbeitet dort auf einer Ranch mit Pferden. Da bin ich ein bisschen neidisch.

Kommt man sich blöd vor, wenn man wie Sie nach dem Abi nicht ins Ausland geht?

Nein, überhaupt nicht. Es gibt sicher auch später noch die Möglichkeit, die Welt kennen zu lernen. Ehe ich mit dem Rucksack drei Monate rumziehe, gehe ich lieber nur zwei Wochen weg, dafür aber ins Hotel. Ich nutze die Zeit lieber sinnvoll. Einen Sprachkurs im Ausland fände ich in Ordnung, aber zwei Monate Party in Thailand bringen nicht viel. Ich weiß auch nicht, wie das im Lebenslauf ankommt.

Am Sonntag wurde auch in Schleswig-Holstein gewählt. Verglichen mit Frankreich: Ist so etwas in Ihrem Freundeskreis überhaupt ein Thema?

Mein Freund interessiert sich für Politik. In seinem Freundeskreis kam diese Wahl auch zur Sprache. Seitdem ich das Praktikum bei der Lokalredaktion mache, informiere ich mich auch regelmäßig über solche Dinge. Es ist irgendwie blöd, wenn sich alle darüber unterhalten und man nicht mitreden kann.

Bringt die Zeitungslektüre etwas? Man findet ja auch Infos in allen möglichen sozialen Internet-Portalen.

Ja, auf jeden Fall. Eine Zeitung ist seriöser, und alles wird ausführlich erklärt.

Müssen Sie gegenüber Ihren Freunden das vermeintlich alte Medium Zeitung verteidigen?

Nein, überhaupt nicht. Obwohl, meine Mädels lesen eher keine Zeitung, die Jungs aber schon, die informieren sich mehr. Mein jüngerer Bruder und seine Kumpels sind da leider anders drauf. Die interessieren sich nicht so sehr für Politik, für die ist das alles uncool. Die haben dafür aber auch keinen Plan, was läuft. Selbst schuld.

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