Das richtige Dach fürs Alter

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Gut 100 Interessierte informierten sich im Neuhäuser Bindhof über mögliche Wohnformen im Alter. Jetzt sind die Metzinger gefordert, eigene Ideen in die Praxis umzusetzen.  Foto: 

Vielleicht geht der 29. September 2017 einst in die Geschichte Neuhausens ein als der Tag, an dem der ideelle Startschuss zu einem neuen Wohnprojekt gefallen ist. Jedenfalls hatten Ortschaftsrat und Bürgermentoren am vergangenen Freitag zu einer Informationsveranstaltung in den Bindhof eingeladen, um sich speziell über Wohnformen unterrichten zu lassen, die für ältere Menschen besonders geeignet sind.

Dass das Thema immer brisanter wird, zeigte nicht nur die große Resonanz im vollbesetzten Bindhof, sondern das wird vor allem auch durch die Statistik belegt. Mehr als 12 000 Menschen in Metzingen seien über 40 Jahre alt, wie Finanzbürgermeisterin Carmen Haberstroh ausführte. Daraus resultierten für die Kommune enorme stadtplanerische Aufgaben. Dies konnte Leonore Held-Gemeinhardt, Altenfachberaterin des Landratsamtes Reutlingen, noch mit weiteren Zahlen belegen. Die eindrücklichsten: Die Zahl der Menschen über 85 Jahren werde in den kommenden Jahren um mehr als 40 Prozent steigen, Pflegebedürftige wird es 30 Prozent mehr geben als heute und die Zahl von an Demenz erkrankter Personen nimmt um 47 Prozent zu – das werden dann bundesweit 2,2 Millionen Menschen sein.

„Niemand möchte im Alter alleine sein“, resümierte Carmen Haberstroh. Um genau dies zu vermeiden, so das Credo des Abends, kann man auch selbst etwas unternehmen, indem man sich rechtzeitig um eine entsprechende Unterbringung kümmert. Wer diese vor Ort nicht findet, kann sich sogar auf den langen und arbeitsintensiven Weg machen und ein eigenes Wohnprojekt ankurbeln. Dass das tatsächlich gelingen kann, beweist in Metzingen etwa das neue Mehrgenerationenhaus, aber auch andere Beispiele aus der Region, die am Freitag präsentiert wurden.

Eingeladen hatten Sabine Huber als Ideengeberin des Abends und Sabine Jäger-Renner von der Stadt Metzingen Vertreter der Samariterstiftung als ein möglicher Träger solcher Einrichtungen sowie die Initiatoren des „Ligusterdörfle“ in Ohmenhausen, des „Wigwam“ in Reutlingen sowie der Bürgerstiftung Communia in Metzingen. Sie sollen zu Ideen anregen, um diese dann an weiteren Abenden präsentieren zu können, eventuelle Mitstreiter zu suchen und daraus möglicherweise ein neues Wohnprojekt in Metzingen oder Neuhausen anzustoßen.

Die Samariterstiftung, für die Angela Krohmer in den Bindhof gekommen war, betreibt bereits spezielle Wohnprojekte für Senioren, so genannte „ambulant-betreute trägerverantwortete Wohngemeinschaften“. Hier kümmert sich die Stiftung um den Wohnraum und bietet Zusatzleistungen wie etwa Pflegedienste an, die Bewohner als Mieter sollen sich stark in die Alltagsgestaltung einbringen und so möglichst lange ein hohes Maß an Selbstständigkeit erhalten. „Diese Wohnform ersetzt aber kein herkömmliches Pflegeheim“, erklärte Angela Krohmer. Zudem kritisierte sie die Kosten für diese noch junge Wohnform, die sich auf dem Niveau eines Pflegeheimplatzes bewegen, allerdings noch ohne die Pflegeleistungen zu beinhalten.

Einen anderen Ansatz haben schon in den 1980er Jahren fünf Familien in Ohmenhausen gewählt, die dort fünf zusammengehörende Häuser und ein Gemeinschaftshaus gebaut haben. Was früher die gegenseitige Kinderbetreuung war, könnte künftig die gegenseitige Unterstützung im Alter werden. „Wir möchten gemeinsam alt werden“, sagte Hans Gampe, Planer und Bewohner der ersten Stunde des „Ligusterdörfles“. Derzeit arbeiten die Bewohner gemeinsam an Plänen zur Erlangung der Barrierefreiheit und sie prüfen, ob sie sich gemeinsam eine eigene Pflegekraft leisten können. „Zukunftsmusik“, so Gampe, aber bis der Bedarf dann tatsächlich besteht, habe man sicher eine Lösung gefunden.

Die existiert bereits im Wigwam in Reutlingen, dem „Wohnen in Gemeinschaft – wertschätzend, achtsam, miteinander“. Dieses Projekt, ursprünglich als reine Frauenwohngruppe geplant, besteht erst seit September 2016, zehn Damen im Alter zwischen 50 und 96 Jahren sowie ein junger Mann leben gemeinsam unter einem Dach der selbstorganisierten Hausgemeinschaft. Zehn Jahre der Planung seien der Grundsteinlegung vorausgegangen, berichtete Sibylle Höf. Die Stolpersteine für die Pionierinnen seien das Grundstück und die Gruppenfindung  gewesen. Die Bewohner hätten dann eine GmbH gegründet und ein Darlehen mit einer Laufzeit von 30 Jahren aufgenommen, um die große Wohngemeinschaft innerhalb eines Neubaus zu finanzieren. Jeder Bewohner hat sein eigenes Zimmer, das Leben aber spielt sich in den Gemeinschaftsräumen wie Küche oder Wohnzimmer ab, erzählte Sibylle Höf.

Ein solches Projekt wäre ganz im Sinne der Communia, der Bürgerstiftung für bezahlbaren Wohnraum, die von Martien Elderhorst vorgestellt wurde. Diese Stiftung möchte in Metzingen durch Zustiftungen und Spenden so viel Geld sammeln, dass sie davon ein Grundstück erwerben kann. Dieses wiederum wird dann einem Bauträger in Erbpacht zur Verfügung gestellt. Der Bauträger muss sich allerdings verpflichten, vom späteren Bewohner eine Miete deutlich unter der Vergleichsmiete zu verlangen. So werde zum einen günstiger Wohnraum geschaffen und zum anderen wird das Wohnprojekt dem Spekulationsmarkt entzogen, weil Communia immer noch der Besitzer des Grundstückes ist. Derzeit sammeln Elderhorst und seine Mitstreiter Geld, um ein erstes Projekt auf den Weg zu bringen.

So unterschiedlich die Menschen sind, so unterschiedlich sind ihre Vorlieben beim Thema Wohnen, egal ob in jungen Jahren oder im fortgeschrittenen Alter. In Fortsetzung dieses ersten Informationsabends wird es in den kommenden Monaten unter Federführung der Stadt weitere Treffen von Interessierten geben, um den „erarbeiteten Themenspeicher“ hin zu konkreten Projekten zu kanalisieren. „Dazu ist jeder herzlich eingeladen sein“, so Sabine Jäger-Renner.

Prozent wird die Zahl der Demenzerkrankten bis 2030 ansteigen. Diesem Anstieg an Pflegebedürftigen steht ein Mangel an qualifizierten Pflegekräften gegenüber.

Mit dem Info-Abend sollte die Neugier und die Experimentierfreudigkeit der Metzinger und Neuhäuser geweckt werden. Sabine Jäger-Renner hat fünf weitere Treffen im monatlichen Abstand anvisiert, um dabei die Ideen der Bürger zu sammeln, ähnliche Vorstellung zu bündeln und Projekte auf eine Machbarkeit hin zu überprüfen. Die genauen Termine werden noch bekannt gegeben.

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