Das Recht auf Enteignung durchsetzen

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Wie „erobert“ man Land? Dieser sozialen Frage gingen die Gymnasiasten nach.  Foto: 

Ein wichtiger Teil des Austausches ist nicht nur das Arbeiten im „eigenen“ Schulpartnerschaftsprojekt „Projeto Gonzalinho“, sondern auch andere soziale und politische Arbeit kennen zu lernen. Daher fuhren alle Mitglieder des diesjährigen Brasilien-Austausches zunächst zu einem nahegelegenen „Acampamento“ der MST und verbrachten anschließend vier Nächte auf einem „Assentamento“.

Was diese ganzen Begriffe bedeuten? Die MST, kurz für „Movimento dos Trabalhadores Rurais Sem Terra“ („Bewegung der Landarbeiter ohne Boden“) ist mit über vier Millionen Mitgliedern eine der größten soziale Bewegungen der Welt und setzt sich für die Landreform in Brasilien ein. Der Landbesitz ist ungleich verteilt, ungefähr zehn Prozent der Bevölkerung besitzt 80 Prozent des Landes. Außerdem kämpft die MST für Frauenrechte und deren soziale Gleichstellung.

Land wird wie folgt „erobert“: Mitglieder der MST, meist 400 bis 600 Familien, besetzen ein Stück ungenutztes Land, um das verfassungsmäßig garantierte Recht auf die Enteignung von brachliegendem Land einzuklagen. Diese Ansiedlung in Form einer Besetzung nennt man „Acampamento“. Während diese Siedlung besteht, meist vier bis sechs Jahre, läuft der Gerichtsprozess. Wird erwiesen, dass es ungenutztes Land war, wird es von der Agrarreformbehörde enteignet und an die Familien, die es besetzt haben, umverteilt. Nachdem der MST das Land zugesprochen wurde, bekommt jede Familie des Acampamentos rund zwölf Hektar Land. Die nunmehr legalisierte Siedlung gilt als „Assentamento“.

 Mit den Fahrrädern ging es für die Schüler zunächst zum Acampamento Cassio Ramos, das am Stadtrand von Cáceres liegt. Dort bekamen die Metzinger einen Rundgang. Ein Sprecher erzählte, was es heißt, auf einem Acampamento zu leben, zu arbeiten und überhaupt eines aufzubauen. Die dortige, strukturierte und basisdemokratische Organisation der MST überraschte die Gymnasiasten. Das Acampamento Cassio Ramos ist eher klein und hofft schon lange auf den Zuspruch des Landes.

Auf den eher kurzen Ausflug beim Acampamento folgte ein viertägiger Besuch auf dem Assentamento Roseli Nunes (nebenbei: Siedlungen der MST sind immer nach eigenen Mitgliedern der Bewegung, die sich hervorgetan haben, benannt). Mit dem Bus ging es los. Nach etwas mehr als einer Stunde Fahrt folgte ein Zwischenstopp am „Lago Azul“ (Blauer See). Dort konnten sich die Schüler in klarem Wasser abkühlen und entspannen. Später wurde noch gegrillt, oder wie man so schön in Brasilien sagt: ein „Churrasco“ gemacht.

Nachmittags ging es weiter zur Schule des Assentamentos. Dort wurden die Besucher herzlich von den Schulkindern und den Lehrern empfangen. Sie sangen die Hymne der MST, die Kinder zeigten mit Fahnen und selbstgemalten Plakaten die wichtigsten Anliegen der Bewegung, welche auch die Grundlage des Schulcurriculums bilden. In einem kurzen Theaterstück, gespielt von den Kindern, wurde ein aktuelles Problem thematisiert, das die prekäre Lage der Familien auf dem Assentamento widerspiegelt. Denn da auf einem großen Teil des erkämpften Landes wertvolle Mineralien gefunden worden sind, ist die Existenz der Gemeinschaft bedroht.

Ein Ziel der MST ist, ökologisch, also ohne Kunstdünger und Agrargifte, zu produzieren, im Unterschied vor allem zu den umliegenden Großfarmen, auf denen in Monokultur für den Export produziert wird: Tierfutter für den Fleischkonsum in Europa. Im Laufe der Tage lernten die Schüler die Strukturen eines Assetamentos und das alltägliche Leben kennen. Dazu gehören auch das Arbeiten im Kollektiv, die Schule der Siedlung, das starke Gemeinschaftsgefühl und die andere Arbeitsmoral, was keines Falls negativ gemeint ist: Die Leute dort lassen sich einfach mehr Zeit, wenn sie diese haben.

Den Höhepunkt bildete das Gespräch mit den aktiven Mitgliedern, die seit 16 Jahren als Pioniere in der Siedlung leben, und das Abschiedsfest. Es wurde vor allem über das Leben vor dem Assentamento geredet. Davor waren diese Leute Tagelöhner. Schon die Kinder mussten mitarbeiten. Daher sind viele dieser Siedlungsgründer Analphabeten. Es war bewegend zu erleben, mit welcher Klarheit die alten Männer und Frauen den Unterschied zwischen der fremdbestimmten Arbeit und ihrer aktuellen selbstbestimmten Lebensweise sehen.

Für das Kinderprojekt Gonzalinho werden Spenden benötigt, um vor Ort die laufenden Kosten zu decken. Spenden können unter dem Stichwort „Brasilienprojekt St. Bonifatius“ auf das Konto DE89 6405 0000 0000 9490 99 eingezahlt werden.

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