Das LTT zeigt Lutz Hübners Satire "Die Firma dankt"

Wenn mal wieder der innere See überläuft: Das Landestheater (LTT) zeigt Lutz Hübners New-Economy-Satire als schaumigen, bissigen Alptraum und die Arbeitswelt als locker-luftige Diktatur der Willkür.

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Satire auf die Arbeitswelt: "Die Firma dankt" am Landestheater. Foto: pr/Pfeiffer

"Wenn man doch ein Indianer wäre!" Mit diesem Kafka-Zitat wünscht sich Adam Krusenstern am Ende des Stücks aus seiner Realität in Richtung Lagerfeuer, Naturgesetze, klare Verhältnisse.

Sein (Arbeits-)Leben in letzter Zeit: ein Alptraum. Es ist die alte Geschichte vom ewigen Wandel - nicht immer nur zum Guten und nicht immer ganz nachvollziehbar: Seine Firma wurde von irgendwelchen fremden Mächten übernommen, alles wird entlassen, verjüngt, neu definiert und umgekrempelt. Krusenstern ist offenbar der einzige Überlebende und als eine Art Robinson Crusoe gestrandet im Gästehaus der Firma. Er hat keine Ahnung, was passiert: Wird ihm gekündigt oder wird er in die neue Strategie integriert?

Schauspieler Udo Rau baut unter der Regie von Paul-Georg Dittrich mit einer pantomimischen Einlage erst einmal jede Menge Spannung auf: warten, aufschrecken, nervös herumlaufen, kontrolliert sein, über den Aktenkoffer hüpfen, neue Kampfschritte erproben, die Krawatte frisch binden: Haltung suchen im fremden Raum. Dann macht er es sich auf seinem Aktenkoffer bequem. Schaum fällt vom Himmel, eine luftig-lockre und atemluftraubende Höllengischt begräbt ihn unter sich. Und die groteske Schaumparty, das gruselige Assessment-Center, der makabre "Welcome-Day" beginnt. Die neue Unternehmensphilosophie umkreist Krusenstern in Form von Assistent Pascal (Raúl Semmler) auf einem BMX-Bike, alles ganz easy und hip. Udo Rau gibt sich als "preisgekrönte Milchkuh" der Firma abgebrüht, souverän, professionell und kontrolliert, schließlich macht ihm als Leitwolf und Kommunikations-Ass mit 20 Jahren Berufserfahrung niemand mehr was vor.

Schon gar nicht "Praktikantin" Naomi Klingenberg (Nadia Migdal), die das Kommunikationsgehabe eines Gorillas aufweist und von Regeln und Erfahrung nichts wissen will. Dummerweise entpuppt sie sich als der frisch von der Uni weggekaufte Shooting-Star der Firma und damit als neue Geschäftsleitung, für die - ganz postkapitalistisch - nur noch alles ein möglichst riskantes Spiel ist. Wie im Zoo beobachtet sie fasziniert den ausgestorbenen Arbeitnehmertypus Krusenstern und treibt ihn mit ihren perfiden Psycho-Spielchen in den Wahnsinn. Der Rest der neuen Truppe: lässig zynische Karnevals-Kasper, spaßsüchtige Automaten-Puppen, hedonistische Marionetten. Allen voran Personalchef John Hansen (Kai Meyer), unkonventionell böse Witzfigur, Handlanger und Hampelmann, der wild mit den Armen herumfuchtelt: wohl ein bisschen zu viel Rhetorikseminar und Performance-Coaching abbekommen. "Oben fliegt sichs leichter", singt er und fragt das Publikum, wie viel es verdient, während sich das Bodenpersonal den Hosenboden schaumig schlägt.

Ausstatterin Iris M. Holstein hat zudem eine Schaukel auf die Bühne gehängt, für alle System-Irritierten, Spielwütigen, Schwankenden und Schwebenden. Beinahe schwebend karikiert auch Marion Bordat als Ella Goldmann im Ballerina-Outfit die gesamte Motivations-Bagage der Welt. Mit balletteskem Getue und leicht entrücktem Glückslächeln predigt sie ihre "Leit-Energiesätze" und lässt sie vom Publikum nachsprechen wie das Vaterunser der New-Economy, wie überhaupt die firmenkulturellen Phrasen und Philosophien recht sakral inszeniert werden. Den "Bück-Dich-Hoch"-Song singt die neue Belegschaft als choralischen Kanon. Kein Wunder, denn die neue Firmenreligion ist ja Gefühl und Atmo pur, total entspannte, lockere Anarchie, spontane Entscheidungen, ständiger Wandel. Krusenstern kommt da nicht mehr mit: Ohne Plan und Zielvorgabe ist er völlig überfordert. Er hört schon Stimmen. Oder sind die etwa doch echt?

Die Regie bietet alles auf zwischen Kafka und Orwell: Krusenstern wird der Prozess gemacht, dabei ständig beobachtet und ist sowieso nur aus Zufall mit dabei. Und nachdem sich noch jede Figur per Monolog zum Ausdruck bringen durfte, wird Krusenstern auf zynische Weise gekündigt und entwickelt sich - provoziert von Ella - zum Monster.

Regisseur Paul-Georg Dittrich nimmt sich für den eigentlich recht konkreten Stoff alle künstlerischen Freiheiten: Pantomime, Schattenspiel, gewaltige Bilder, musikalische Stressorgien, multimediale Vergrößerungen und Verzerrungen, Blut, Schaum, Schweiß, Pisse, Actionpainting, bis alle völlig ramponiert sind. Auch Krusenstern, der von der Regie im Vergleich zu den anderen eher noch ernst genommen wird, auch wenn seine Werte ebenfalls schon längst infrage gestellt sind. Er darf seinen "inneren See" zum Überlaufen bringen und die Großleinwände effektvoll einreißen. Das wiederum findet die Chefin so süß, dass sie ihn als Firmenzombie wieder einstellt: Alles eine Frage der Performance. Und auch des Zufalls.

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