Das Dettinger Mädle und der Motorradfahrer

Ein halbes Jahrhundert gemeinsam durchs Leben zu gehen, ist ein Geschenk und manchmal eine Herausforderung. Das wissen auch Anneliese und Günther Schwenkel, die heute goldene Hochzeit feiern.

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Die Dettinger blickten Mitte der 1950er Jahre selbstbewusst in Richtung Alb. Während im Ermstal die Industrie blühte und das milde Klima reiche Ernten bescherte, darbte auf der Hochfläche so manche Familie. Anneliese Schwenkel erinnert sich jedenfalls noch gut, was ihr Schwiegervater über die Dettinger zu berichten wusste. Bei ihnen ging die Sage, in Hülben gedeihe wenig bis nichts und hübsche Mädchen fänden sich im Ort ohnehin keine. Diese Vorurteile hielten das Dettinger Mädchen Anneliese aber nicht davon ab, dem Hülbener Günther Schwenkel das Ja-Wort zu geben. Bereut hat sie den Schritt nie: "Mir ist es auf der Alb immer gut gegangen."

50 Jahre ist es heute her, dass Anneliese und Günther Schwenkel vor den Traualtar traten. Kennen gelernt hatten sie sich schon einige Jahre zuvor. Anneliese hieß damals noch Bauer mit Nachnamen, war gerade mit der Schule fertig und arbeitete bei der Firma Kartonagen-Knauer in ihrem Heimatort. Mittags saßen sie und ihre Kolleginnen gerne vor der Fabrik, und dort fuhr häufig ein junger Mann mit seinem Motorrad vorbei. Günther Schwenkel, gerade 18 Jahre alt, war stolz auf sein Zweirad, das ihn seinerzeit fast schon in den Stand eines gemachten Mannes erhob. Eines Tages wagte er es, mit seinem Motorrad direkt zu den Mädchen zu fahren. "Ich habe dann gleich Du gesagt", erinnert sich Anneliese Schwenkel, damals 16 Jahre alt. "Das hat ihm gefallen." Und ihr hat der Günther gefallen. Als sie sich sicher waren, den weiteren Weg durchs Leben gemeinsam gehen zu wollen, packte die Verwandtschaft an, um gemeinsam mit dem jungen Paar ein Haus in Hülben zu bauen. Dort, in der Hagstraße, leben die Schwenkels immer noch. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite steht die ehemalige Werkstatt des Stuckateurbetriebs, den das Ehepaar gemeinsam aufbaute. 1952 begann Günther Schwenkel seine Lehre als Gipser, 1965 wagte die Familie den Schritt in die Selbstständigkeit. Der Mann ging auf die Baustellen, die Ehefrau kümmerte sich um Buchhaltung und Bilanzen.

Drei Töchter haben die Schwenkels großgezogen, darüber hinaus engagierten sie sich für ihr Dorf. Der Ehemann wurde drei Mal in den Gemeinderat gewählt, obwohl er nicht immer populäre Ansichten vertrat und mit seiner Meinung manches Mal aneckte. Später setzte er sich für jene Menschen ein, die auf der Schattenseite des Lebens geboren worden sind, etwa Aidswaisen in Südafrika, für die er gemeinsam mit anderen Hülbenern einen Kindergarten baute. Vielleicht ist die karitative Arbeit auch seine Art Danke zu sagen für einen Lebensweg, auf dem er sich von Kindesbeinen an stets behütet fühlte.

Wer heute als Gast ins Haus der Schwenkels kommt, für den wird Geschichte greifbar. "Wir leben inmitten historischer Dinge", sagt Günther Schwenkel. Da sind etwa Lampen aus dem alten Hülbener Rathaus, ein Glasfenster aus der abgerissen Kirche, Bilder, Nägel, Bücher, Schlüssel, Werkzeug und vieles andere mehr. Die Artefakte sind Zeichen der Sammelleidenschaft, die den Hausherrn im Alter von sechs Jahren packte. Seine Frau musste sich mit diesem Hobby wohl manches mal arrangieren, doch in einer langen Partnerschaft wächst auch die Toleranz für die Marotten des anderen. Inzwischen widmet sich der Ehemann häufig der Kunst, als Bildhauer schafft er Skulpturen, die ersten waren aus Stein, derzeit bevorzugt er Holz. Beides sind Materialien, die aus der Natur stammen, der er sich schon sein Leben lang eng verbunden fühlt. Seine Frau hat sich eine typisch Hülbener Handwerkskunst angeeignet, sie klöppelt. Und spielt Tennis. Das Motorradfahren, das die beiden einst zusammen führte, gab Günther Schwenkel übrigens schnell wieder auf. Nachdem er mehrmals knapp einem Unfall entging und seine Freundin ohnehin nicht aufs Zweirad sitzen mochte, stieg er aufs Auto um. Gleichzeitig ermunterte er seine Anneliese rasch den Führerschein zu erwerben. Inzwischen, sagen die Eheleute, sitze fast immer die Frau, eine leidenschaftliche Autofahrerin, am Lenkrad, zur Zufriedenheit beider.

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