Damit der Lärm nicht krank macht

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Verkehrslärm kann krank machen. Deswegen möchte die Stadtverwaltung einen Plan aufstellen, um die schlimmsten Auswüchse künftig zu unterbinden.  Foto: 

Auch wenn sich am Montagabend nur wenig Metzinger in der Aula des Dietrich-Bonhoeffer-Gymnasiums direkt informiert haben über den Lärmaktionsplan: Das Thema ist allgegenwärtig, trifft allerdings nicht alle Einwohner gleichermaßen. Während sich also manche in ihrem Garten genüsslich dem Müßiggang hingeben, können sich andere auf ihrem Balkon nicht mal unterhalten, weil der Lärm vorbeifahrender Autos ein Gespräch unmöglich macht. Die EU hat schon im Jahr 2002 eine Umgebungslärmrichtlinie erlassen, die es im Laufe der Jahre von den nationalen Regierungen in Gesetze umzumünzen galt. In Deutschland regelt nun das Bundes-Immissionsschutzgesetz die Sache mit dem Lärm und verlangt als eine Konsequenz von den Kommunen, diesen so genannten Lärmaktionsplan aufzustellen. Das zu tun, hat der Gemeinderat im September beschlossen, offen ist bislang nur die entscheidende Frage, wie so ein Plan aussehen muss.

Deswegen hat die Stadtverwaltung zu diesem Bürgerdialog aufgerufen. Um aus erster Hand, eben von den Betroffenen, zu erfahren, wo die Stadt etwas tun sollte. Ein gutes Stichwort lieferte ein Ehepaar, das in der Nürtinger Straße (B 313) wohnt. Dort hat das Regierungspräsidium im vergangenen Jahr Flüsterasphalt einbauen lassen: „Der Asphalt bringt gar nichts“, so das Resümee des Ehepaars. Es bezog sich auf ein amtliches Schreiben. In dem steht zu lesen, dass Flüsterasphalt zumindest bei Lastwagen nur dann seine schalldämpfende Wirkung entfaltet, wenn die Brummis schneller als mit 60 Stundenkilometern unterwegs sind. Weil erst ab dieser Geschwindigkeit die Abrollgeräusche der Reifen den dominanten Part übernehmen. Fahren die Laster langsamer, wovon in geschlossenen Ortschaften auszugehen sein sollte, übernimmt das Motorengeräusch die erste Stimme. Metzingens Oberbürgermeister Dr. Ulrich Fiedler war darüber verwundert. Er habe Gegenteiliges gehört. Für das Ehepaar bleibt’s dabei: Die Fenster in ihrem Haus halten sie geschlossen. Auch nachts, auch im Sommer, wenn ein frisches Lüftchen so gut täte.

Über die Wirksamkeit etwaiger Maßnahmen herrscht auch in der Wilhelmstraße keine Einigkeit. Eine vom dortigen Verkehr genervte Frau beklagt den Dauerstau vor ihrer Haustür: „Die Abgase machen uns krank.“ Warum, so ihre Fragen, „dauert es so lange, bis der Lärmaktionsplan umgesetzt wird, und warum haben Verkehrsrowdys in Metzingen einen Freifahrtschein?“ Sie plädiert für Tempo 30 in der Wilhelmstraße. Dem widersprach eine Nachbarin. Drei kurz aufeinanderfolgende Fußgängerampeln sorgten dort für Dauerstau. Zumindest tagsüber erreicht da kaum ein Auto 30 Stundenkilometer: „Da stehen doch alle.“

Nachts hingegen könnte eine Temporeduzierung viel bewirken. Ein Experte hat das am Montagabend erläutert. Fährt ein Auto statt 50 nur 30, dann mindert das den Schall um zwar gerade mal zwei Dezibel, aber die Spitzenwerte sind weg. Also die, die nicht 50, sondern fast 70 fahren, drosseln deutlich das Tempo: „Wenn die Spitzen weg sind, ist die Wirkung groß.“ Zudem braucht es restriktive Maßnahmen, also regelmäßige Kontrollen, damit sich die Fahrer auch dran halten.

In der Schützenstraße wohnt hingegen ein Herr, der darüber klagt, nicht mehr im Freien sitzen zu können. Durch den Scheibengipfeltunnel fürchtet er, dass es künftig noch schlimmer wird. Warum zudem am Maienwaldknoten die Geschwindigkeitsbegrenzung auf 70 Stundenkilometer kurzfristig für wenige hundert Meter aufgehoben wird und 100 zulässig ist, versteht der Herr nicht. Das verursacht Lärm durchs Beschleunigen, das sich gar nicht lohnt. „Wir werden alle Bedenken ernst nehmen und nach Lösungen suchen“, hat Metzingens Erste Bürgermeisterin Jacqueline Lohde versprochen. Die Verwaltung hat alle Anregungen protokolliert und wird die Pläne zwei Monate zur öffentlichen Einsicht im Rathaus auslegen und den Einwohnern Metzingens auch während dieser Zeit die Möglichkeit einräumen, Anregungen oder Bedenken vorzubringen. Danach beschließt der Gemeinderat.

Lärm ist purer Stress

Lärm ist ein Stressfaktor, dem viel zu wenig Beachtung geschenkt wird. Lärm ist Abfall, der anfällt, wenn beispielsweise im Sommer draußen gefeiert wird. Oft reicht schon eine nächtliche Unterhaltung auf der Straße, damit jemand im Haus daneben im Schlaf gestört wird. Schlimmer ist Verkehrslärm. Wenn sich manche Menschen nur noch bei geschlossenen Fenstern unterhalten können, entgeht ihnen ein Stück Lebensqualität. Wer in seinem eigenen Garten nicht mehr im Kreise der Familie oder mit Freunden grillen kann, weil der Lärm der Straße nur noch nervt, hat wenig Freude am Feierabend. Unangenehm am Lärm aber ist seine Geschmeidigkeit: Man ist ihm schutzlos ausgeliefert. Deswegen, weil es die Anatomie des Menschen nicht zulässt, die Ohren einfach dicht zu machen, wohingegen es leicht fällt, die Augen zu verschließen vor Dingen, die man nicht sehen möchte. Freilich kommt nicht überall gleich viel vom Verkehrslärm an. Die einen trifft es mehr, andere weniger. Das ist auch ein Grund, warum am Montag nur wenige Einwohner zum Bürgerdialog gekommen sind. Ob allen Betroffenen geholfen werden kann, ist zu bezweifeln. Diese Gesellschaft lebt von der Mobilität, und sie lässt glücklicherweise viele Freiheiten zu. Alle haben aber auch die Wahl: Ob sie hochtourig durch die Stadt rasen oder sanft dahingleiten. Das kann den Unterschied ausmachen.

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