Cooles mit Country-Flair

Freies Spiel und elektronische Beats: Bei "Jazz im Prinz Karl" gastierte der norwegische Trompeter Nils Petter Molvaer im Sudhaus. Ein Ereignis.

|
Wuchernde Klangskulpturen: Nils Petter Molvaer im Sudhaus. Foto: Jürgen Spiess

Wenn Nils Petter Molvaer aus den USA käme, wäre sein sphärischer Ambient-Jazz vermutlich längst ein Welterfolg. Aber Molvaer stammt von einem kleinen Eiland vor der Nordwestküste Norwegens. Dennoch ist er einer der einflussreichsten Trompeter der europäischen Jazzszene.

"Kontraste erzeugen Spannung", sagte er bei einem Interview lapidar, nach dem Wesen seiner Musik befragt. Man könnte auch von Gegensätzen reden, die seine schwebend-skulpturalen, die Schnittstellen von Jazz und Elektronik neu definierenden Klangstrukturen umkreisen: etwa der Kontrast von Ruhe in der Bewegung und Bewegung in der Ruhe. Denn auf der einen Seite wird dieser originelle Sound von Housebeats und bizarren Störgeräuschen aufgeladen, auf der anderen ist da Molvaers weicher Trompetenton, der Miles Davis ebenso nahe steht wie dem Jazz von Don Cherry, Brian Eno oder Bill Laswell. Ein Sound, der Räume herstellt, sie ausfüllt und ins Grenzenlose überführt.

Auch auf seinem aktuellen Album "Switch" jagt er wieder Jazz, Ambientsounds und Elektronik aufeinander, diesmal aber mit Unterstützung einer Pedal-Steel-Gitarre, die dem Ganzen einen leichten Country-Touch verleiht.

Geir Sundstol (Pedal-Steel-Gitarre, Banjo), Jo Berger Myhre (E-Bass) und Erland Dahlen (Drums) bieten offene Klangstrukturen, grelle und dumpfe Dissonanzen, knallige Dynamik voller Aufruhr und Verstörung, verwegene Minimalsounds und Geräuschhaftes. Klangpaletten legen ihre Flächen übereinander, schichten sich zu Klangteppichen, auf denen die Musiker und die rund 350 Zuhörer sich mal entspannen, mal den Körper mitschwingen lassen können. Live lässt der 53-jährige Trompeter das Chillige und Kühle seiner jüngsten CD "Switch" stärker hinter sich, sucht mehr das, was man in Jazzkreisen als Cooljazz zu fassen versucht.

Die ausufernden Soundcollagen, die dabei entstehen, wachsen ins Unermessliche, dehnen sich aus und ziehen sich wieder zusammen, verirren sich an den Rändern, um dann aufs Neue Kontur zu gewinnen. Keine Spur von jenem Sich-Selbst-Kopieren, was Molvaer immer wieder vorgeworfen wird.

Vielmehr kreiert er mit seiner mal zartfühlenden, mal brachialen Melange eine nicht alltägliche Musik, die weniger in den Ohren, dafür umso mehr im Sinn bleibt. Ausgestattet mit einem Gespür für die Balance zwischen vertrauten Wendungen und überraschenden Improvisationen entwirft er ein einzigartiges Soundgefüge, das mit Jazzmusik der klassischen Prägung nur ansatzweise zu tun hat. Dennoch hört man den Einfluss von Übervater Miles Davis ständig heraus. Ein wahrhaft gelungener Spagat zwischen Tradition und Moderne. Kein Zweifel, Nils Petter Molvaer bleibt eine der wichtigsten Stimmen des Ambient-Jazz, die es nicht kümmern muss, dass der Aufprall von Jazz auf Elektronik nicht mehr der letzte Schrei ist. Denn dem norwegischen Jazz-Anarchisten ging es noch nie um eine Mode, sondern immer um Substantielles: eine der Gegenwart adäquate Musik.

Abonnieren Sie das kostenlose Morning-Briefing aus der Chefredaktion
Damit starten Sie top informiert in den Tag. Außerdem im Newsletter: Die Wettervorhersage und die aktuelle Verkehrslage in der Region.
» zur Registrierung

Noch kein Kommentar

Schreiben Sie Ihren eigenen Kommentar

noch 3000 Zeichen
Mit Ihrem Kommentar akzeptieren Sie unsere Netiquette

Für registrierte Nutzer

Melden Sie sich an und schicken Sie Ihren Kommentar ab:

Für noch nicht registrierte Nutzer

Registrieren Sie sich kostenlos, um Ihren Kommentar abzuschicken:

Ich bin damit einverstanden, dass die Neue Pressegesellschaft mbH & Co. KG und ihre Tochterunternehmen mich schriftlich (per E-Mail oder Brief) oder telefonisch über ihre Medienangebote und kostenlose Veranstaltungen informieren dürfen. Meine Daten dürfen zu diesem Zweck gemäß den Bestimmungen des BDSG gespeichert, verarbeitet und genutzt werden. Die Einwilligung kann ich jederzeit widerrufen.
Ich bin mit den Datenschutzbestimmungen einverstanden. *

Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:

neu laden
Content Management by InterRed GmbH Logo
weiter zur Startseite

Emotionaler Schlagabtausch

Beim Wahlpodium der SÜDWEST PRESSE erlebten die Zuschauer eine engagiert geführte Debatte. Vor allem bei den Themen Arbeits- und Sozialpolitik prallten die Meinungen aufeinander. Einigkeit gab es in zwei Punkten. weiter lesen