Bundesweite Einbrüche

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Vor dem Tübinger Landgericht steht nun ein 47-jähriger Angeklagter, der Reihenweise Diebstähle eingeräumt hat.  Foto: 

Die zwölf nun in Tübingen angeklagten Fälle dürften nur die Spitze des Eisbergs sein. Gegen den 47-Jährigen laufen derzeit, ebenfalls wegen Wohnungseinbrüchen, Ermittlungen in Österreich. Auch in seinem Herkunftsland Ungarn ist er kein unbeschriebenes Blatt. In seinem dortigen Vorstrafenregister finden sich zahlreiche, einschlägige Einträge, die teils mit Bewährungs- und Haftstrafen oder gar mit dem zeitweisen Entzug seiner Bürgerrechte geahndet wurden. Unter anderem lebte der Mann auch in England, wo sein Sohn studiert. Und auch in Deutschland scheint er recht mobil gewesen zu sein.

Die Anklage der Staatsanwaltschaft listet als Tatorte zwischen November 2015 und bis zu seiner Festnahme im Mai 2016 unter anderem das fränkische Ansbach, ebenso wie Bamberg auf. Zur Last gelegt werden ihm aber auch Einbrüche in Rechberghausen, Bad Liebenzell und Aalen. Vier Einbrüche beging er zudem in der Region. Jeweils zwei im Reutlinger Stadtteil Orschel-Hagen und in Metzingen.

Erklärung durch den Verteidiger

Beim Prozessauftakt vor der Zweiten Strafkammer des Landgerichts, unter dem Vorsitz von Richterin Mechthild Weinland, schwieg er zu den Details der Tatausführungen. Er räumte aber bereits im Vorfeld den überwiegenden Teil der Anklage ein. Am Freitag ließ er durch seinen Anwalt Achim Wizemann zudem eine Entschuldigung für sein Fehlverhalten und eine Erklärung zu seinem Werdegang verlesen. Er wuchs als Sohn von Alkoholikern in einer Pflegefamilie bei Budapest auf und arbeitete nach dem Abbruch seines Soziologiestudiums und als mehrfacher Vater immer wieder als Kellner. Wann und unter welchen Umständen er nach Deutschland kam, blieb offen.

Türspione zugeklebt

Gut zu erkennen ist jedoch sein Tatmuster. Offenbar spähte er Mehrfamilienhäuser und einzelne Wohnungen im Vorfeld aus, um sicherzustellen, dass er seine Taten unbehelligt begehen kann. Er nutzte Werkzeuge, wie Schraubendreher und Stemmeisen, um die jeweiligen Wohnungstüren aufzuhebeln oder das Schloss mit Gewalt zu knacken. Dabei ging er durchaus umsichtig vor. Die Türspione von Nachbarwohnungen klebte er mit Papierstreifen ab, unter seinen Schuhsohlen brachte er wohl Filzgleiter an, um keine Abdrücke in den Wohnungen zu hinterlassen, während er sie nach Wertgegenständen durchstöberte. Mit wechselndem Erfolg. Mal gelang ihm der Einbruch nicht, mal erbeutete er nur drei Euro Bargeld. Ein anderes Mal aber entwendete er, wie in Metzingen, Geld, Schmuck und Gegenstände im Wert von 12 000 Euro.

Obwohl er darauf bedacht war möglichst wenige personenbezogene Spuren an den Tatorten zu hinterlassen, gelang ihm das nicht immer. Sie waren es denn auch, die zur Anklage führten. Zunächst waren aber die gesicherten Reste von Speichel und Blut wie auch seine Fingerabdrücke nicht zuordenbar. Das änderte sich, als der Angeklagte zusammen mit zwei Partnern in einem Stuttgarter Pfandhaus vorstellig wurde, um hochwertige Objektive zu Geld zu machen. Sie waren kurz zuvor von einem Fotografen als gestohlen gemeldet worden. Entsprechend informiert und misstrauisch geworden, glich ein Mitarbeiter des Pfandhauses die Individualnummer einer Linse mit den gestohlenen ab und alarmierte die Polizei.

Der Angeklagte wurde daraufhin im September 2016 vom Stuttgarter Amtsgericht wegen Einbruch, Hehlerei und Betrug zu einer Haftstrafe von einem Jahr und neun Monaten verurteilt. Die Berufung gegen das Urteil hat das Landgericht Stuttgart inzwischen verworfen. Im Zuge der damaligen Ermittlungen wurden neben Fingerabdrücken auch Speichelproben des Angeklagten genommen. Die DNA-Analyse und der Abgleich der Tatort-Spuren an den aufgebrochenen Wohnungen ließen schließlich keine Zweifel mehr an der Täterschaft des Angeklagten offen. Auch die österreichischen Ermittlungen kamen so voran.

Verlust des Sicherheitsgefühls

Neben den materiellen Verlusten und der entstandenen Beschädigungen an den Wohnungstüren, wiegt für die Betroffenen vor allem der Verlust des Sicherheitsgefühls schwer. Eine Metzingerin schilderte den Moment, als sie aus einem Urlaub heimkehrte und die durchsuchte Wohnung vorfand. Die Türen des Wohnzimmerschranks und die Schubladen standen offen.

Obwohl durch ihren Vater telefonisch vorgewarnt: „Es war ein Schock.“ Über mehrere Monate hinweg litt sie unter Schlafstörungen. Auch heute noch achtet sie sehr genau darauf, „alles 100 Mal“ abzuschließen: „Kein Fenster bleibt mehr auf.“ An das Opfer gerichtet, brach der Angeklagte erstmals sein Schweigen: „Es tut mir leid.“

Der Prozess wird am kommenden Dienstag mit der Anhörung weiterer Einbruchsopfer fortgeführt. Ein Urteil könnte am 7. September fallen.

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