Bildung ist weit mehr als Schule

Dr. Eberhard Fritz, Archivar des Hauses Württemberg, hat viele Veröffentlichungen zu Neuhausen vorgelegt. Vor einem außerordentlich großen Zuhörerkreis sprach er über Einflüsse, die die Entwicklung des Ortes prägten.

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Archivar Dr. Eberhard Fritz hielt einem Vortrag in Neuhausen. Foto: Wieland Lehmann

Wo könnte besser eine Veranstaltung zum 925-jährigen Jubiläum von Neuhausen stattfinden, als im Bindhof? Das mehr als 500 Jahre alte Gebäude gab so recht ein Gefühl von Geschichtsträchtigkeit. Und es zeigte sich: Der Saal war eigentlich zu klein, so viele Gäste hatten sich zum Vortrag von Dr. Eberhard Fritz eingefunden. Der Historiker, selbst "ein Neuhäuser Urgestein", wie Ortsvorsteherin Lilli Reusch bei ihrer Begrüßung anmerkte, ist durch zahlreiche Veröffentlichungen und Vorträge zu Neuhausen bekannt. Am Freitagabend sprach er nun anlässlich des Jahres, in dem das Jubiläum gefeiert wird, zum Thema "Neuhausen und die Welt - Ein Streifzug durch die örtliche Bildungsgeschichte".

Er habe sein altes Tagebuch von vor 40 Jahren in der Hand gehabt, merkte Eberhard Fritz an, und er habe in seiner Neuhäuser Zeit "viele geistig angeregte Menschen" kennen gelernt. Mit diesem Einstieg in seinen Vortrag verwies er darauf, dass es ihm nicht nur um eine Schulentwicklung ging, sondern um Einflüsse, die auf die Bildung wirken.

Ein Jubiläum sei eigentlich unbemerkt geblieben, sagte er. 1596 sei die erste Schule im Ort entstanden. Jungen und Mädchen aus bäuerlichen Familien wurden hier unterrichtet, natürlich getrennt. Doch die Arbeit auf elterlichem Hof und Feld setzte dem Schulbesuch Grenzen. Es habe einen "langen Kampf um die Durchsetzung der Schulpflicht" gegeben. Hier wirkte auch der Einfluss der Kirche.

In der Chronik des Mönchs Ortlieb wird die Neuhäuser Gegend als ein "Land der Verheißung" charakterisiert. Hier wurde Weinbau betrieben, und dafür brauchte man Kenntnisse und Fähigkeiten. Es sei um die Vermittlung von Spezialwissen gegangen, und das wurde weitergegeben, bemerkte der Historiker. So fügte er dem Schulwissen ein auf die Arbeit bezogenes Fachwissen bei. Katholische Kirche und reformatorische Bestrebungen setzten in seinem Vortrag einen weiteren Bildungsbezug.

Auch die Lage von Neuhausen an der Straße von Straßburg nach Ulm hatte ihre Einflüsse auf die Einwohner. Im 30-jährige Krieg seien zwar keine kriegerischen Handlungen abgelaufen, doch die Lage sei besonders 1635/36 schlimm gewesen. Eine gewaltige Schuldenlast habe gedrückt und die Einquartierungen seien eine Plage gewesen. "Es bauten sich auch Beziehungen auf", konstatierte er. So gelangten ganz neue Einflüsse in die Dorfgemeinschaft. Die Aufweichung der Spannungen zwischen den Kirchen und der Einfluss des Pietismus seien der Erweiterung des geistigen Horizontes zuträglich gewesen.

Mit den Wirtschaftskrisen des 19. Jahrhunderts und den damit verbundenen Auswanderungswellen kamen auch Neuhäuser nach Amerika. Damit berührte Eberhard Fritz einen weiteren Einfluss auf die Bildung. Er ging auf die Vereine als einen Teil der Bildungsgeschichte ein, auf ihre politische Bedeutung. Zu den Jahren des Nationalsozialismus sprach er von der straff organisierten Jugendarbeit, von Einschüchterung und verlockenden Angeboten, die ihre Einflüsse auf die Bildung hatten.

Der Zweite Weltkrieg hatte die Begegnung mit französischen Kriegsgefangenen in Neuhausen zur Folge, und schließlich wirkten sich die Einflüsse der Vertriebenen auf die Neuhäuser aus. Und dann ging Eberhard Fritz auch auf die Gastarbeiter mit ihren Einflüssen ein. Sein Vortrag bot mit dem geschichtlichen Verlauf einen weiten Bildungsbegriff.

Wenn Peter Rogosch, Erster Vorsitzender des Arbeitskreises Stadtgeschichte, von der Besonderheit von Neuhausen sprach, so erschlossen die Ausführungen von Eberhard Fritz die Gründe dafür. Er verwies auch auf die neue Geschichte Neuhausens, die in Arbeit ist. Oberbürgermeister Dr. Ulrich Fiedler sprach von einem "spannenden Jubiläumsjahr". Der Chor "Querbeat" des Liederkranzes Neuhausen stimmte nicht nur mit Liedern aus dem Mittelalter gesanglich auf den Vortrag ein, auch in seiner Kleidung vermittelte er den Bezug zu vergangener Zeit.

Ortsvorsteherin Lilli Reusch sprach von einem "tollen Auftakt für das Jubiläum". Die weiteren Höhepunkte sind die Ausstellung "Konfirmation früher und heute", die Hockete rund um die innere Kelter, die Ausstellung "Neuhausen - ein Ort verändert sich" und ein Filmabend mit Karl-Heinz Fritz mit dem gleichen Titel.

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