Aufwühlender Live-Soundtrack

Ein Stummfilm wird zum Live-Event: mit improvisierter Orgelmusik. Stephan von Bothmer begleitete "Ben Hur" (1925) in der Martinskirche Metzingen.

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"Oh Gott, Herr Pfarrer!" möchte man ausrufen - angesichts dieses Film-Schinkens und der heute folgenden Fußball-Übertragung in der Kirche, geadelt durch live dazu improvisierte Orgelmusik. Der Film aus dem Jahr 1925 nach dem Roman "Ben Hur: A Tale of the Christ" von 1880 hat immerhin einen christlichen Bezug: Der fiktive Held Judah Ben-Hur begegnet Jesus persönlich, er will ihm mit eigenen Legionen gegen Rom zur Seite stehen, und am Ende ist er bekehrt.

Der dank Computertechnik neu belebten Kunstform der Live-Filmmusik widmet sich - neben anderen - auch Stephan von Bothmer, der große Erfolge verzeichnet mit seinen Film-Vertonungen als "Live-Komposition", wie er es nennt, und der die kleine Schar Interessierter mit einer Einführung in Filmtechnik und -musik begrüßt.

Er selbst ist zwar studierter Musiker, gehört aber nicht zu den Kirchenmusikern, die Orgelimprovisation studiert haben. Seine Musik klingt wie komponiert, nur selten stören Dissonanzen den breiten Fluss der dunklen Harmonien, die - meistens - die Film-Bilder untermalen. Der Regisseur hat 1925 nicht mit Theatralik gespart: Wimmelnde Massenszenen und wilde Haufen wechseln mit stummen Dialogen, die Großmacht Rom zeigt Pomp und Prunk, herzzerreißende Trennungen, barbarische Folter, nervenzerfetzende Kampfszenen.

Stephan von Bothmer (er-)findet dazu farbige Entsprechungen, geschöpft aus unterschiedlichen Stilen. Er illustriert nicht die Details, sondern malt die Atmosphäre: meist Konflikt und Erregung, umgesetzt in kraftvolle, vibrierende Harmonik. Ruhige Momente ergeben sich nur, wenn der unsichtbare Christus auftritt.

Die starken Bilder und die Möglichkeiten der Kirchenorgel verführen zum Monumental-Sound. Eins zu eins in Musik umgesetzt, entsteht zum Film unter Bothmers virtuosen Händen und Füßen ein aufwühlendes Gefühls-Panorama aus Erregung, Drohung, Kampf und Sieg, garniert mit romantischer Liebe und religiöser Erleuchtung.

Zum Stern von Bethlehem rieselt es wie Sternenstaub, der Tremulant lässt die Nerven erzittern. Üppig brausen die Akkorde, hie und da klingts nach Drehorgel-Walzer, melodische Soli markieren Personen, schwarze Bässe Bedrohung, die Kurtisane bekommt Tanzmusik, Staccato-Spiel belebt die Action-Szenen - die Weigle-Orgel gibt das her, Bothmer bewegt die Klangmassen mit höchster Präsenz und Virtuosität ohne fremde Registrier-Hilfe.

Manches am Film wirkt peinlich; auch bilden die wie Gemälde-Zitate eingeblendeten Bibelszenen mit ihren Heiligenscheinen einen seltsamen Kontrast zu den brutalen Action-Szenen, ähnlich wie die optische Aussparung von Jesus zur Allgegenwart des (jahrelang) jugendlichen Helden Judah Ben-Hur.

Problematisch fürs Publikum sind vor allem die zahlreichen englischen Zwischentitel: Sie erläutern die Handlung, geben Dialoge wieder, überbrücken Schnitte und Zeitsprünge. Hie und da erscheinen Zitate aus den Evangelien. Wer des Englischen nicht auf hohem Niveau mächtig ist, muss raten.

Beinahe zweieinhalb Stunden ohne Pause dauert der Kraftakt. Nach all den Gefahren, der lautstarken Dramatik, dem Wagenrennen, dem Kreuzestod Christi und der wundersamen Rettung und Bekehrung der Familie Hur sind Musiker und Publikum schlichtweg erschöpft. Lebhafter Applaus belohnt die imposante Darbietung.

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