Und über allem schwebt der Blues

Tübingen.  Im musikalischen Melting Pot zwischen Afrika und Amerika: So fühlten sich die Gäste im Sudhaus beim Konzert der Gangbé Brass Band und Hazmat Modine. Sie boten Stil-Vielfalt und ausufernde Energie.

Sie stammen aus ganz unterschiedlichen Kulturen, geographisch liegen sie weit auseinander und doch haben die New Yorker Band Hazmat Modine und die Gangbé Brass Band aus Benin einiges gemeinsam. Etwa ihre Liebe zur Brass-Musik und zum Blues, ihr Hang zu unvorhersehbaren, originellen Arrangements und ihre Vorliebe für traditionelle Klänge, die sie mit einem anarchistischen und gleichzeitig weltmusikalischen Touch belegen.

Kennengelernt haben sich die beiden Ensembles 2007 bei einem Jazzfestival im indonesischen Regenwald. Seitdem ließ sie der Gedanke nicht mehr los, zwei gemeinsame Stücke für Hazmat Modines neues Album "Cicada" (erscheint im Dezember) einzuspielen. Nachdem es mit einem gemeinsamen Termin in New York nicht klappte, verlegte man die Aufnahmen kurzerhand in die schwäbische Provinz. Denn hier kreuzten sich die Wege ihrer Europatourneen und der Schnittpunkt lag genau im Sudhaus. Eine einmalige Gelegenheit nicht nur für das Tübinger Kulturzentrum, sondern vor allem für die Besucher, die denn auch ein magisches, unvergessliches und in seiner Brillanz und Spielfreude kaum zu toppendes Weltmusikkonzert erlebten.

Für den Auftakt sorgt die achtköpfige Gangbé Brass Band, die wegen eines durchgeschmorten Kabels mit halbstündiger Verspätung die Bühne betritt. Sechs Blechbläser drängen sich da mit Trompete, Saxofon, Posaune, Flügelhorn und Tuba vor zwei Perkussionisten. In ihrer eigenwilligen Mischung aus"call and response-Gesängen, Trommeleinlagen und vielschichtig arrangierten Bläsersätzen gehen Tradition und Moderne nahtlos ineinander auf. Manchmal überraschend gefühlvoll, meistens aber in halsbrecherischer Geschwindigkeit. Das muss auch so sein, schließlich hat die Gangbé Brass Band einen Ruf zu verteidigen: die furioseste Brassband Afrikas zu sein.

Für eine Vermischung der Musikstile sind diese afrikanischen Vollblutmusiker ebenso prädestiniert wie die folgende Band um den New Yorker Mundharmonikaspieler, Gitarrist und Sänger Wade Schuman. Der anarchische Musikmix von Hazmat Modine hat so viel Drive, dass man ihn der Straßenverkehrsordnung unterstellen müsste, wollte man vermeiden, dass er ständig aus den Fahrrillen eindeutiger Musikstile ausschert. Aber wer will das schon? Allzu zündend greifen hier Calypso und Klezmer, Balkan-Brass und Tango ineinander. Und über allem schwebt der Blues, der mit gleich zwei Gitarren und drei Bläsern reichlich angefüttert wird.

Der tanzenden und mitklatschenden Menge öffnet sich an diesem Abend eine musikalische Wundertüte, die sich dem Blues verschrieben hat, aber weit mehr bietet als nur eine Hommage an die amerikanische Rootsmusik. Mit einem furiosen Joseph Daley, der die riesige Basstuba spielt, die für sich genommen schon fast die ganze Bühne füllt. Mit einer grandiosen Pamela Fleming als einziger Frau im Bunde, die mit ihrer Trompete für den rhythmischen Pfiff sorgt, der gelegentlich auch zum Funk wird. Und mit einem charismatischen Wade Schuman, der seinen glühenden Atem durch die Bluesharp speit und dazu mit schnoddernder, näselnder und krähender Stimme Tom Waits in nichts nachsteht. Aus "Bahamut" etwa, dem Titelstück ihres Debütalbums, machen sie im Konzert einen fulminanten Talking Blues, der von einem arabischen Mythos erzählt, eingebettet in Calypso-Klänge und Balkan-Rhythmen.


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